Wie im Rausch!

Hier schreibt Nico Rosberg: So war mein Rücktritt, so wird mein Leben

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Nico Rosberg.

München - Der tz erzählt Nico Rosberg er von seinem alten und neuen Leben. Dazu äußern sich auch Gerhard Berger und Bernie Ecclestone und wünschen dem Weltmeister alles Gute.

Er ist dann mal weg. Im Urlaub, mit Ehefrau Vivian und Tochter Alaia – ohne Druck, ohne Versagensängste, ohne Rückflugticket. Nico Rosberg ist ein glücklicher Mann. Mit 31 Jahren dort, wo er hinwollte. Ganz oben, mit dem Pokal in der Hand, auf dem der Name seines Vaters eingraviert ist. In der tz erzählt er von seinem alten und neuen Leben.

So war mein Rücktritt, so wird mein Leben

Von Nico Rosberg, Formel-1-Champ

Die Tage und Wochen nach meinem Titelgewinn waren wahrscheinlich die intensivsten meines Lebens. Das fing beim Rennen in Abu Dhabi an, wo ich extrem entspannt war, weil ich schon im Kopf hatte, dass dies mein letztes Formel-1-Rennen sein wird. Ich wollte das noch mal richtig genießen. Nach dem Finalrennen fing mein Drei-Wochen-Emotionsrausch an. Ich flog um die ganze Welt. Zuerst nach Kuala Lumpur, dann nach Wiesbaden, wo ich mich beim Bürgermeister meiner Heimatstadt selbst eingeladen habe. Später war ich in unserer Fabrik in Brackley, in Hamburg, in Berlin, in London und in Baden-Baden. Zuvor war ich in Wien, auf der wichtigsten Veranstaltung: der FIA-Preisverleihung, wo ich erst mal meinen Rücktritt erklärt habe. Dann bekam ich endlich den Pokal.

Ich habe sofort den Namen meines Vaters auf der Trophäe gesucht. Das macht mich immer noch emotional. Für mich war dieser WM-Titel immer ein Kindheitstraum. Einmal auf demselben Pokal stehen wie mein Vater. Denselben Pokal in der Hand halten dürfen wie er. Dafür haben sich all die Anstrengungen gelohnt. Man muss wissen: Früher habe ich es regelrecht gehasst, „der Sohn von…“ zu sein. Jeder hat immer nur nach meinem Vater gefragt, nie nach mir. Jetzt liebe ich es. Es ist speziell für mich, das erreicht zu haben, was mein Vater erreicht hat. Mein Vater hat mir geholfen, meinen Weg zu gehen. Ich bin ihm extrem dankbar, dass er später loslassen konnte und mich mein Ding alleine machen ließ.

Was den Rücktritt betrifft: Ich bin einfach meinem Herzen gefolgt. Die ersten Rücktrittsgedanken kamen mir bereits in Suzuka, als der WM-Titel real möglich wurde. Da stieg der Druck aber auch ins Unermessliche. Denn jetzt war ich derjenige, der ihn nicht mehr nur gewinnen, sondern vor allem verlieren kann. Da wurde mir klar, dass ich aufhören will, wenn ich gewinne.

Es hat dann ein wenig gedauert, bis ich den Mut fand und es Toto (Wolff, Mercedes-Sportchef; d. Red.) mitteilen konnte. Ich konnte es ihm auch nicht persönlich sagen, sondern musste ihn anrufen, nachdem wir uns eigentlich gerade verabschiedet hatten. Seit ich sechs Jahre alt bin, war mein Ziel einmal im Leben Weltmeister zu werden. Nicht zweimal, dreimal oder viermal. Deshalb fühlte sich diese Entscheidung absolut richtig an.

25 Jahre habe ich alles für diese Trophäe gegeben. Sie war in meinem Kopf, seit ich denken kann. Besonders die letzten drei Jahre waren extrem fordernd. Gegen Lewis im gleichen Auto zu kämpfen und zweimal zu verlieren, war schrecklich, ekelhaft. Ich musste mich immer wieder antreiben, neu betanken, zurückkämpfen. Lewis ist so ein starker Fahrer. Ihn zu schlagen, ist einfach nur anstrengend. Das saugt einen aus – körperlich aber vor allem mental. Jetzt habe ich mein Ziel erreicht.

Es ist einfach, immer mehr, mehr, mehr zu wollen. Aber man muss dabei auch vorsichtig sein und darf sich selbst als Mensch nicht verlieren. Für mich gibt es nicht mehr als diesen Titel. Ich wollte ihn, und ich habe ihn. Ich fühle mich, als hätte ich den Mount Everest bestiegen, stehe nun da oben und blicke in die Ferne. Kein Gipfel ist höher. Was soll da noch kommen?

Den Schlüssel zum Erfolg fand ich 2015 in Austin, als ich das zweite Mal den Titel in Folge verloren hatte. Danach habe ich erst einmal zwei Tage allein verbracht und über alles nachgedacht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es so nicht weitergehen kann. Ich will das nicht mehr, dieses Gefühl der Niederlage. Also habe ich jeden Stein umgedreht, wie verrückt gepusht. Das hat nicht nur mir, sondern auch meiner Familie viel abverlangt. Es ging einfach darum, dieses eine fehlende Prozent zu finden. Ich habe viel getüftelt. Z. B. meine Handschuhe umnähen lassen für bessere Starts. Ich habe Mental-Training gemacht. In Japan hab ich vor dem Rennen einen Zen-Meister getroffen. Das hat alles noch mal aufs nächste Level gehoben. Im letzten Winter habe ich mir außerdem zwei Gokarts gekauft und bin gefahren, gefahren, gefahren – so viel wie damals, als ich 14 Jahre alt war und um die Kart-WM gekämpft habe. Und ich habe ganz nüchtern analysiert, warum Lewis mich in Zweikämpfen so oft geschlagen hat. Die Analyse hat ergeben: Ich muss risikoreicher fahren.

Meinen Rücktritt hat fast jeder verstanden und mich unterstützt. Meine Mutter war einfach glücklich. Und ich glaube, mein Vater ist stolz auf mich. Nur mein bester Freund hat gesagt: Oh Jesus, das fühlt sich für mich an wie für meine Schwester, als Take That sich getrennt haben. Das hat mich dann doch zittern lassen.

Ich werde die Formel 1 vermissen, aber ich werde nicht zurückkommen. Dieses Kapitel ist definitiv vorbei für mich. Vielleicht übernehme ich ja irgendwann mal eine andere Rolle in der Formel 1. Aber jetzt bin ich erst einmal Vater und Ehemann.

„Egal, was Nico macht: Er wird erfolgreich dabei sein“

Von Gerhard Berger, väterlicher Freund

Gerhard Berger mit Nico Rosberg.

Irgendwie ist Nico auch für mich mitgefahren. Ich wollte nämlich auch immer Weltmeister werden. Ich war zwar sehr gut, war auch talentiert, war auch schnell – aber der letzte Wille, das letzte Quäntchen, auch Verzicht, hat mir gefehlt. Das wurde mir bewusst, als ich mit Ayrton Senna im Team fuhr. Für mich war und ist Ayrton Senna immer noch der Beste, der je unseren Sport vertreten hat. In der heutigen Formel 1 ist Lewis Hamilton so was wie Senna. Deshalb habe ich gehofft, dass Nico – anders als ich damals Senna – Lewis schlagen kann. Als er in Abu Dhabi tatsächlich Weltmeister wurde, bin ich sogar ihm zu Ehren in die Pressekonferenz gegangen. Ich wollte seine Leistung würdigen, die man gar nicht genug würdigen kann. Mit unglaublichem Willen hat er sich besonders in diesem Jahr in einen mentalen Tunnel begeben, der ihn so stark machte. Das war unglaublich! Deshalb kann ich auch gut verstehen, dass er jetzt zurückgetreten ist. Noch mal eine solche Energieleistung abzurufen, ist so gut wie unmöglich. Überraschend ist der Titelgewinn aber nicht. Ich kenne Nico schon sehr lange. Ich war schon damals mit seinem Vater Keke befreundet. Er hatte das Büro neben meinem und brachte den kleinen Nico oft mit. Das Erste, was mir auffiel: Wir frisch er im Kopf ist und wie ehrgeizig zugleich. Mit sechs Jahren hat er uns schon beim Backgammon abgezockt. Das war unglaublich und zeigte mir: Da wächst ein besonderer Mensch heran. Danach hatten wir immer wieder miteinander zu tun. Als ich bei BMW war, gewann er die Formel BMW und bekam als Lohn als 17-Jähriger die erste Testfahrt in der Formel 1. Als wir ihm die Nachricht überbrachten, brach er in Tränen aus. Weil er seinen ersten Kindheitstraum damit schon erfüllen konnte. Im Sommer verhandelte ich für ihn einen neuen Vertrag mit Mercedes aus. Das war umsonst. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber ich respektiere seine Entscheidung. Egal, was er jetzt auch macht: Er wird erfolgreich dabei sein, da bin ich mir sicher.

„Nico hat seinen Job erfüllt“

Von Bernie Ecclestone, Formel-1-Mogul

Bernie Ecclestone.

Ich bin gerade 86 Jahre alt geworden, und Nico ist gerade zurückgetreten – mit 31 Jahren. Vielleicht hätte ich auch mit 31 aufhören sollen. Ich habe es aber nicht getan und sitze immer noch am Schreibtisch. Man hat mich gefragt, ob ich in diesem Zusammenhang Nico verstehen könne. Ja, das kann ich. Und, ja, 31 ist für einen Formel-1-Rennfahrer heute immer noch jung. Aber Nico hat seinen Job erfüllt. Wie die meisten anderen Fahrer auch, die das nie schaffen, wollte er Weltmeister werden. Den Titel hat er jetzt. Warum hätte er weitermachen sollen? Ich kann ihn verstehen. Ich muss jetzt revidieren. Ich habe ihn ja mal kritisiert, weil er nie auf Partys geht und sich total bei der Familie abschottet. Das sei nicht im Sinne unseres Sports. Jetzt muss ich aber sagen: Genau das tut er doch. Indem er eine so mutige Entscheidung mit dem Rücktritt getroffen hat, hilft er der Formel 1 auch. Sie zeigt nämlich, dass er einen cleveren Kopf auf seinen Schultern trägt. Er hat sein großes Ziel erreicht. Wie soll man ihm übel nehmen, dass er sich nun nach etwas anderes sehnt im Leben? Das ist sehr erwachsen. Und dass Lewis jetzt auf seinen Rückkampf verzichten muss, kann ja nicht Nico Rosbergs Problem sein.

Gewinner und Verlierer des Sportjahres 2016

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