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Ruhm aus der Vergangenheit: Der Monaco-Mythos vergilbt

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Lewis Hamilton
Unterwegs auf der Rennstrecke von Monaco: Lewis Hamilton. © Hasan Bratic/dpa/Archivbild

Die Sache mit dem Hubschrauber-Flug im Wohnzimmer hat auch schon Staub angesetzt. Tradition reicht in Monaco nicht mehr. Das Rennen gleicht einer Prozession, Überholen ist nahezu unmöglich. Was tun?

Monte Carlo - Der Automobil-Club von Monaco verkündete bereits die „schönste Woche des Jahres“. Im Hafen drängeln sich die sündhaft teuren Jachten, die Teams bauen auf kleinstem Raum in Sichtweite der legendären Rascasse ihre Unterkünfte für den Klassiker der Formel 1 auf.

Zum 68. Mal rast die Formel 1 durchs kleine Fürstentum. Schon im WM-Auftaktjahr war die Königsklasse an der Côte d'Azur. Die Frage aber ist: Wie lange noch? „Es wäre schade, etwas zu verlieren, was so viele Jahre zu dem Sport gehört hat“, sagt Mick Schumacher.

Mit der Meinung steht der 23 Jahre alte Sohn von Rekordweltmeister Michael Schumacher – seines Zeichens auch fünfmaliger Monaco-Sieger – nicht alleine. Monaco ist Formel 1. Das war ein ungeschriebenes Gesetz über Jahrzehnte, seitdem 1950 in den engen Gassen zum ersten Mal gefahren wurde. „Eine Formel 1 ohne Monaco ist unvorstellbar“, sagt Christian Horner, dessen Red-Bull-Team wieder sein Motorhome mit Dachterrassen-Pool auf einem riesigen Ponton aufgebaut hat.

Der Mythos Monaco

Monaco und die Formel 1 - was für eine verlockende Kombination für die Schönen und Reichen. Dass die Filmfestspiele in Cannes parallel stattfinden, könnte die Promi-Dichte in der ohnehin engen Startaufstellung noch mal verstärken. „Müsste die WM auf ein Rennen reduziert werden, es müsste Monte Carlo sein“, sagte der mittlerweile 82 Jahre alte dreimalige Weltmeister Jackie Stewart einmal. „Formel 1 fahren in Monaco ist wie Hubschrauber fliegen im Wohnzimmer“, befand einst Nelson Piquet, 69 Jahre alt und ebenfalls dreimaliger Champion. Rund 1000 Mal um die Kurve, rund 4000 Schaltvorgänge. Und das alles Zentimeter an den Leitplanken vorbei.

Klingt spektakulär. War es auch. Ist es noch immer. Der Mythos aber droht zu vergilben. Monaco ist der Kampf des Piloten gegen die Strecke. Und dann gegen die Kontrahenten. Monaco heißt: Vorbeikommen praktisch unmöglich. „Ein Rennen zu machen, in dem man nicht überholen kann, ist Blödsinn“, sagt der ehemalige Pilot Marc Surer in einem Talk beim Portal „formel1.de“. Sein Urteil: Die Strecke ist nicht mehr zeitgemäß. Und auch er steht mit seiner Meinung nicht alleine.

Das Rennen in Monaco muss sich neu erfinden

„Wir können nicht in der Vergangenheit leben“, sagt Mick Schumachers Haas-Teamchef Günther Steiner. „Wenn Monaco als neue Strecke aufgenommen werden wollte und sie sagen: Nun, wir haben die geringste Antrittsgebühr von allen Strecken und ihr geht dorthin, wo ihr nicht überholen könnt – niemals würde Monaco in den Rennkalender kommen“, betonte Horner, ganz nach dem Motto: „Stillstand ist Rückschritt.“ Längst aber hat die Formel 1 unter der Führung des amerikanischen Medienkonzerns Liberty Media einen Gang hochgeschaltet.

Der neue Stadtkurs in Saudi-Arabien bot trotz aller menschenrechtlicher und politischer Diskussionen um den Austragungsort Spektakel pur. Miami feierte die Premiere in diesem Jahr, Las Vegas wird im kommenden Jahr dazu kommen. Nun muss Monaco in den nächsten Gang schalten. Der Vertrag endet nach diesem Rennen.

Dass die Formel 1 auch dort mit Traditionen bricht, zeigt dieses Wochenende. Über Jahrzehnte übten die Piloten im Fürstentum immer schon am Donnerstag. Der Grund: Der Trainingstag fiel oft auf Christi Himmelfahrt, dafür war der Freitag immer (lärm)frei. In diesem Jahr wird Freitag trainiert. Punkt.

Reformvorschläge sind vorhanden

Immerhin: Nicht wenige Fahrer, wie auch WM-Spitzenreiter Max Verstappen von Red Bull, sein Ferrari-Widersacher Charles Leclerc - ein echter Monegasse - oder auch Rekordchampion Lewis Hamilton im wieder erstarkenden Mercedes können entspannt und zu Fuß von ihren Appartements ins Fahrerlager schlendern. Schlafen im eigenen Bett und ausruhen vor dem Rennen am Sonntag, das womöglich schon nach dem Qualifying am Samstag vorentschieden ist.

Nur 3,337 Kilometer ist eine Runde lang. Kürzer ist keine im Rennkalender. Warum also nicht verlängern? Surer schlägt eine zusätzliche Schleife vor. „Solange wir am Casino vorbeifahren und am Hafen entlang ist Monaco Monaco“, sagt er.

Der Chef des monegassischen Automobilclubs zeigte sich jüngst zuversichtlich, dass die Formel 1 auch über diese Saison hinaus Stopp in Monaco macht. Sie seien in Gesprächen, wurde Michel Boeri von der „Gazette de Monaco“ zitiert. Womöglich bietet sich an diesem Wochenende die Möglichkeit, mit dem Rennen aus der Vergangenheit in eine neue Formel-1-Zukunft durchzustarten. dpa

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