Nach seinem Wechsel zu Aston Martin

Vettel exklusiv über seinen Abschied von Ferrari: „Man zerbricht – oder kommt stärker zurück“

Er beginnt nochmal von vorne: Wie Sebastian Vettel sein letztes Ferrari-Jahr sieht und was er sich von seinem neuen Aston-Martin-Team erwartet, lesen Sie im großen tz-Interview.

  • Beim Personal in der Formel 1 verändert sich zur neuen Saison einiges.
  • Mick Schumacher steckt in der Vorbereitung für seine Debütsaison, Sebastian Vettel fährt nun nicht mehr für Ferrari, sondern für Aston Martin.
  • Im tz-Interview blickt Vettel auf seine letzte Saison im roten Boliden zurück - und spricht auch über Michael Schumacher.

München - Der am Ende glimpflich verlaufene Horror-Unfall von Romain Grosjean geht Sebastian Vettel nicht mehr aus dem Kopf. „Wie er diesen Crash nahezu unverletzt überstehen konnte, ist mir nach wie vor ein Rätsel, er stand kurz vor der Katastrophe. Dass er noch bei uns ist, dass er lebt, ist deshalb für mich der Moment des Jahres“, schrieb Vettel in der FAZ. Wie der 33-Jährige sein letztes Ferrari-Jahr sieht und was er sich von seinem neuen Aston-Martin-Team erwartet, lesen Sie im großen tz-Interview.

Herr Vettel, nach einigen Tagen Abstand vom letzten Ferrari-Rennen: Wie sind Ihre Gefühle jetzt?

Vettel: Abschied nehmen ist nie schön. Aber ich behalte die positiven Momente in Erinnerung. Die Freude der Tifosi, die Jungs, die mir immer beistanden. Der erste Sieg gleich im zweiten Rennen für Ferrari in Malaysia war etwas Besonderes. Da merkte ich, was für Ferrari Siege wirklich bedeuten. Es bestätigte sich, was ich vorher gehört hatte. In der Freude umarmen dich die Italiener mehr als alle anderen. Und feiern können sie auch. Ich habe in der Nacht mit meinen Jungs die ganze Hotelbar leer getrunken. Nie vergessen werde ich auch die Abende bei Mama Rosella in Fiorano. Mama Rosella ist schon seit Jahrzehnten die gute Seele Ferraris. Sie betreibt ein Restaurant gleich neben der Teststrecke von Ferrari in Maranello. Ihre Speisen sind legendär.

In dieser Saison kam das Wort Vertrauen oft in Ihren Aussagen vor. Wie wichtig ist Vertrauen innerhalb eines Teams, des eigenen Teams?

Vettel: Extrem wichtig. Weil man ja zusammen was erreichen und nicht allein auf weiter Flur stehen will. Da ist Vertrauen das Grundnahrungsmittel für. Das Gegenteil wäre ja Misstrauen. Und dann wäre der Weg, den man zusammen beschreiten will, sehr, sehr weit. Und da es in der im wahrsten Sinne des Wortes schnelllebigen Formel 1 nicht um Tage, Stunden oder Minuten geht, sondern um Hundertstel von Sekunden, erklärt sich das von selbst.

„Michael Schumacher hat immer zu dem gestanden, was er gesagt hat“

Warum war Michael Schumacher der Held Ihrer Jugend?

Vettel: Weil er mit dem roten Auto schneller fahren konnte als alle anderen und in jedem Rennen immer das Maximum abrufen konnte. Und das über viele Jahre. Sportlich steht das für extreme Zuverlässigkeit. Das hat er dann später auch als Mensch bestätigt, nachdem ich ihn kennengelernt habe. Er hat immer zu dem gestanden, was er gesagt hat.

Als Sie 2015 zu Ferrari wechselten, wirkten Sie geradezu euphorisch, was das Vertrauen in den Rennstall betrifft. Sie waren richtig wild darauf, den Fußstapfen Ihres Vorbildes Michael Schumacher zu folgen. Wie ernüchternd ist jetzt die Erkenntnis?

Vettel (denkt lange nach): Natürlich ist man erst mal enttäuscht, weil man das Ziel, das man sich selbst gestellt hat, nicht erreichen konnte. Aber man hat am Ende nur zwei Möglichkeiten damit umzugehen: Entweder man zerbricht daran: oder man kommt stärker nach dieser Enttäuschung zurück. Die erste Option kommt für mich nicht infrage. Ich schaue immer gerne nach vorne und glaube fest daran, dass es irgendwie immer weitergeht. Und das Irgendwie ist entscheidend. Manchmal kannst du Dinge nicht ändern, die von außen beeinflusst sind. Aber entscheidend ist, wie du dann damit umgehst, dass du trotz allem positiv bleibst, was die Zukunft betrifft.

Trotzdem: Die letzten zwei Jahre, so war zumindest der Eindruck, ist die Anfangseuphorie verschwunden. Sie haben das anders formuliert: „Es ist keine Liebesbeziehung mehr.“ Gerade ein Mensch, der wie Sie emotionale Konstanz so großschreibt, muss doch von der Erkenntnis, dass es in der Formel 1 keine Liebe auf Lebenszeit gibt, besonders getroffen worden sein…

Vettel: „Ich bereue nichts“

Vettel: Dafür gibt es viele Erklärungen. Unterm Strich geht es um Erfolg, um das Erreichen der Ziele, die man sich setzt. Die ersten Jahre waren auch vielversprechend, die letzten Jahre dann nicht mehr. Auch wenn jeder mit dem ganzen Herzen dabei war. Es hat am Ende aus verschiedenen Gründen nicht funktioniert. Und dann nimmt logischerweise auch die Anfangseuphorie ab.

Jean Todt hat die Erfolge, die er als Rennleiter zusammen mit Michael Schumacher bei Ferrari gefeiert hat, genau andersrum erklärt. Die vielen Rückschläge, die man hatte, haben den Zusammenhalt verstärkt, das Vertrauen vergrößert und am Ende zu dieser großen Stärke geführt. Haben Sie das in Ihrer Zeit nicht auch gerne so erlebt?

Vettel: Ich glaube, im Prinzip war das am Anfang auch so. Dann hat man aber festgestellt, dass es eben nicht mehr so zusammenpasst. Das sollte man aber nicht zu negativ sehen, denn für mich ist das eher normal. Wichtig ist, dass alle Parteien individuell positiv nach vorne schauen. Klar hätte man sich im Nachhinein manche Dinge anders gewünscht. Aber bereuen tue ich nichts.

Ein Formel-1-Pilot ist mehr als die meisten anderen Sportler von seinem Werkzeug abhängig. In Ihrem Fall vom Auto. Und da hat Ihnen das Vertrauen ja grundsätzlich gefehlt.

Spielte in seinem letzten Ferrari-Jahr lediglich eine Nebenrolle in der Formel-1-Saison 2020. Foto: Hamad Mohammed/Pool Reuters/AP/dpa

Vettel: Vertrauen ins Auto ist natürlich extrem wichtig. Bei uns geht es ja wie anfangs erwähnt um Hundertstel. Wenn dein Auto dir da nicht ganz geheuer vorkommt, hast du in diesem engen Wettbewerb keine Chance. Dann zögerst du mal hier, verschenkst mal ein Zehntel da. In der Summe stehst du dann auf verlorenem Posten, wenn es darum geht, ganz oben anzugreifen. Da machen selbst kleine Dinge am Ende den Unterschied.

Sebastian Vettel: „Hast du Zweifel, verlierst du eben die entscheidende Zeit“

Zu Ihren glorreichen Red-Bull-Zeiten hatten Sie blindes Vertrauen zu Ihrem Auto. Sie konnten mit ihm spielen. Warum konnten Sie das nicht mit dem Ferrari?

Vettel: Das ist eine komplexe Angelegenheit. Das Fahrverhalten eines Autos verändert sich ja quasi jede Runde, das Verhalten der Reifen ebenso. Grundsätzlich kann man sagen: Wenn du dein Auto kennst, wenn du ihm vertraust, weißt du schon vorher, was es macht. Dann fährst du instinktiv, machst automatisch das Richtige. Hast du aber Zweifel und vorher zu viel nachdenken müssen, verlierst du eben die entscheidende Zeit. Beim Ferrari ist das bei mir leider so. Das Auto hat aber kein spezielles Problem, es ist die Summe von Kleinigkeiten. Im Qualifying, das steht fest, war ich weiter vom Limit des Autos weg als in den Rennen.

Sie mussten einige Kritik einstecken. Hat Ihr Selbstvertrauen darunter gelitten?

Sebastian Vettel: „ich habe das Fahren nicht verlernt“

Vettel: Wenn man selbstkritisch ist, hat man immer Zweifel. Aber ich habe das Fahren nicht verlernt, sondern analysiere viel eher, woran es liegt, dass ich meine Fähigkeiten nicht zu hundert Prozent abrufen konnte.

Als Vater muss man Werte vermitteln. Haben sich diese Dinge bei ihnen verschärft, seit Sie mit Ihrer Frau Hanna Erziehungsberechtigte von Emily und Matilda sind?

Vettel: In der Theorie ist immer alles schön. Am wichtigsten ist die Praxis. Man muss seinen Kindern das Richtige vorleben.

2021 bricht für Sie mit Aston Martin ein neues Kapitel an. Warum glauben Sie, dass dieses Projekt ein Erfolg wird?

Vettel: Das ist eher eine Sache der Neugier. Ich bin extrem gespannt auf das Projekt und freue mich extrem darauf. Garantien kann dir keiner geben, aber im Begriff Neugier steckt ja schon viel positive Energie. Und auf die kann man vertrauen. Interview: Ralf Bach - *tz.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Hamad Mohammed

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