Vierfach-Weltmeister im tz-Interview

Vettel: "Gridgirls sexistisch? Keiner zwingt sie"

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Die Gridgirls machen ihren Job freiwillig, sagt Sebastian Vettel.

München - Die Silber-Show geht weiter. Beim Grand Prix in Österreich am Sonntag ist Mercedes mal wieder der große Favorit – zum Leidwesen von Fans & Fahrern, die sich angesichts der Langeweile langsam um die Formel 1 sorgen. Das tz-Interview mit Vierfach-Weltmeister Sebastian Vettel:

Herr Vettel, wie fühlt man sich als Formel-1-Fanbeauftragter?

Vettel: Ich bin zwar kein Fanbeauftragter, aber wenn es um unsere Fanbefragung geht: Ja, wir haben uns als Fahrer überlegt, ob die Formel 1 auf einem guten oder einem schlechten Weg ist. Dazu wollen wir die Meinung der Fans haben. Wir wollten mal das Heft in die Hand nehmen.

Macht es Ihnen Sorgen, dass immer mehr Fans abschalten: Es geht am Ende immerhin auch um Ihren Job…

Vettel: …nicht wirklich. Denn der reine Rückgang der TV-Quoten ist nicht unbedingt repräsentativ. Es gibt heute einfach zu viele Möglichkeiten, die Formel 1 zu verfolgen als nur das Fernsehen. Durch die neuen Medien. Der beste Indikator sind aber die Zuschauer an der Strecke, die nicht mehr so kommen. Wir haben in diesem Jahr beispielsweise mein Heimrennen in Deutschland verloren. Daran sollten wir uns orientieren, da sollten wir ansetzen.

Würden Sie sich als Fan heute noch Formel-1-Rennen im Fernsehen anschauen?

Ferrari-Star Vettel.

Vettel: Ich persönlich ja. Weil ich einfach immer noch ein großer Fan des Sports an sich bin. Allerdings sind die Rennen zu kompliziert geworden. Wie soll jemand noch richtig durchblicken, der sich nicht sieben Tage die Woche mit der Formel 1 beschäftigt wie ich das tue? Und ich gebe zu: Selbst ich verstehe nicht alles. Man kann darüber streiten, ob es wirklich immer gut für einen Sport ist, wenn man Dinge komplizierter macht. Und, ganz wichtig: Die Tickets sind einfach zu teuer geworden. Wie soll sich ein normaler Familienvater einen Besuch an der Rennstrecke noch leisten können?
Die Idee der Gridboys in Monaco war wohl auch nicht gerade eine Lösung zum Besseren?

Vettel: Nicht in meinem Sinne jedenfalls. Es gibt Traditionen, die sollte man einfach lassen. Ich schaue mir persönlich lieber eine schöne Frau vor meinem Auto an als einen Mann. Und ich finde das auch nicht sexistisch. Denn die Gridgirls machen ihren Job ja freiwillig, es zwingt sie niemand dazu.

Was machen Sie mit den Ergebnissen der Umfrage?

Vettel: Es ist die größte Umfrage, die es jemals im Sport gegeben hat. Es muss deshalb sehr interessant sein für die Fädenzieher der Formel 1 auf diesem Weg zu erfahren, was nicht passt. Und zu verstehen: Wie tickt der Fan? Bernie ­Ecclestone ist involviert und er ist sehr gespannt auf die Ergebnisse. Aber auch die FIA wird von uns informiert.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Wechsel zu Ferrari sowas wie einen Fanschub auslöste?

Vettel: Ich denke, es war sehr positiv. Klar bekomme ich mehr Reaktionen aus Deutschland mit als aus Italien. Aber generell wurde der Wechsel sehr positiv aufgenommen. In Deutschland liegt natürlich der Vergleich mit früher nahe, als Michael Schumacher für Ferrari fuhr. Da herrschte große Euphorie. Aber ein wenig spüre ich die jetzt auch noch.

Ist die Ferrari-Fankultur eine andere?

Vettel: Ja, weil Ferrari eine besondere Stellung hat. Ferrari hat nicht nur in Italien Fans, sondern weltweit. Die Faszination für diese Marke ist etwas ganz Besonderes, etwas ganz Großes. Irgendwie identifizieren sich Ferrari-Fans mehr mit der Marke als die anderen.

Bringt Ihnen die Faszination auch im täglichen Leben was? Zum Beispiel, wenn Sie in Italien mal geblitzt werden…

Vettel: Ich weiß, was Sie meinen. Ich habe gehört, dass früher Ferrari-Fahrer mit Autogrammen und guten Wünschen statt mit Strafzetteln davonkamen. Michael Schumacher und Felipe Massa haben mir da so einiges erzählt. Aber heute ist das sicher nicht mehr so. Leider. Ich bin allerdings noch nicht geblitzt worden. Das will ich hier mal festhalten.

Kann man die Emotion mit der vergleichen, die man für bestimmte Fußballvereine hat?

Vettel: Ja, auf jeden Fall. Klammern wir mal Bayern-Fans aus. Aber wer mit Schalke, Dortmund, Stuttgart oder Einracht-Frankfurt-Fans spricht, stellt Parallelen fest. Diese Anhänger leben für ihren Klub. Nur: Diese Klubs haben ihre Fans hauptsächlich in Deutschland, während Ferrari seine Anhänger weltweit hat.

Wären Sie Fan und nicht der vierfache Weltmeister: Von welchem Fahrer wären Sie dann Fan?

Vettel: Kimi Räikkönen!

Weil er zufällig Ihr Teamkollege ist?

Vettel: Nein. Man identifiziert sich als Fan ja mehr mit der Person. Und da würde mir Kimi am besten gefallen.

Weil er einfach cool ist?

Vettel: Auch aus sportlicher Sicht. Er ist ein Riesentalent und lebt für seinen Sport. Ich bin da aber etwas anders: Mich interessieren keine privaten Dinge, zum Beispiel welche Schuhe jemand trägt. Sondern was er auf dem Platz bringt. Und er redet nicht sehr viel.

Wollen Sie als Fan nicht mehr vom Privatleben Ihrer Idole erfahren?

Vettel: Nein. Nehmen wir mal andere Sportarten als Beispiel. Mir persönlich ist zum Beispiel völlig egal, was ein Roger Federer für ein Auto fährt oder wie seine Freundin aussieht. Mich faszinieren einzig und alleine seine sportliche Leistungen.

Trotzdem: Was könnten die Formel-1-Piloten noch besser machen was Fannähe betrifft?

Vettel: Das ist schwierig zu beantworten, weil die Formel 1 in ihrer Natur eine technische Sportart ist. Nehmen wir mal das Skifahren: Da verbringen die Athleten ja nicht nur Zeit damit, die richtige Linie herauszufinden, sondern auch damit, welcher Schuh der richtige ist, welcher Ski? Früher war das anders, aber der ganze Sport hat sich in diese Richtung entwickelt. Man hat einfach nicht mehr genügend Zeit, sich nicht mit seinem Sport zu beschäftigen. Es ist nicht so, dass wir uns im Fahrerlager die Eier schaukeln oder in der Sonne liegen. Wir hetzen von einem Termin zum anderen und gehen dann am Ende des Tages zum Schlafen ins Hotel.

Interview: Ralf Bach

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