tz-Interview mit dem dreifachen Weltmeister

Hamilton: "Es ist mir nicht wichtig, mich zu zeigen"

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Ein Selbstdarsteller ist Lewis Hamilton nicht. Ein Lebemann schon eher.

München - Am Sonntag steigt das Saisonfinale der Formel 1 in Abu Dhabi – das Interview mit Weltmeister Lewis Hamilton.

Herr Hamilton, wenn heute ein Zehnjähriger zu Ihnen kommen würde, dessen Eltern wenig Geld haben und der trotzdem in die Formel 1 will: Was würden Sie diesem Jungen sagen?

Lewis Hamilton: Ich würde ihm sagen: Gib niemals auf, glaube den Leuten nicht, die sagen, du kannst das nicht machen.

Gibt es einen speziellen Moment in Ihrem Leben, der für Ihre Karriere den entscheidenden Kick gegeben hat?

Lewis Hamilton: Es gibt keinen speziellen Moment, eigentlich war ich immer davon überzeugt.

Hatten Sie als Formel-1-Neuling 2007 auch geglaubt, gleich auf Augenhöhe mit Ihrem Teamkollegen zu sein, Weltmeister Fernando Alonso?

Lewis Hamilton: Ich will nicht, dass es arrogant klingt. Aber ja, ich habe daran geglaubt.

Ist Selbstbewusstsein die wichtigste Eigenschaft von Weltmeistern?

Lewis Hamilton: Ich würde es nicht Selbstbewusstsein nennen, sondern extremer Glaube an sich. Das ist ein Schlüssel des Erfolges. Ich habe viel beim Testen an mir gearbeitet. Ich wusste, es würde sehr hart werden, Alonso zu schlagen, aber ich wusste auch, dass ich es schaffen kann. Ich erinnere mich noch wie ich kurz vor dem ersten Rennen zu Ron Dennis gerufen wurde. Er sagte, ich solle nicht zu enttäuscht sein, wenn ich von Alonso extrem geschlagen werden würde. Ich wusste aber, dass das niemals passieren würde.

„Sie tragen Morrison-Shirts. Aber deshalb weiß ich nicht, wer Sie sind.“ Hamilton zu tz-Reporter Ralf Bach

Ihre Karriere würde sich als Hollywood-Drehbuch eignen: Junge aus ärmlichen Verhältnissen schafft es trotzdem.

Lewis Hamilton: Da gibt es viele Geschichten. Auf dem Flug nach Brasilien habe ich einen Denzel-Washington-Film mit ähnlichem Szenario gesehen (Antwone Fisher, d. Red.). Da schafft es auch ein unterprivilegierter Junge, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Wir alle, die den beschwerlichen Weg von unten nach oben gegangen sind, sind doch die beste Inspiration für Familien und besonders deren Kinder, die kein Geld haben und es trotzdem schaffen können. Sie können viel lernen durch unser aller Reise von unten nach oben.

Als Sie Antwone Fisher gesehen haben: Mussten Sie nicht auch an sich selbst denken.

Lewis Hamilton: Nicht wirklich. Auch wenn ich große Emotionen hatte. Dieser Junge hatte eine wirklich grauenvolle Kindheit. Das war bei mir glücklicherweise nicht so.

War der Nachteil des Unterprivilegiertseins am Anfang Ihrer Karriere ein Vorteil, als Sie es in die Formel 1 geschafft hatten?

Lewis Hamilton: Eintausend Prozent! Weil ich von früh auf gelernt habe, immer bis zum Umfallen zu kämpfen. Weil ich gelernt habe, dass, wenn du dein Limit noch mal verschiebst, du statt Fünfter Zweiter werden wirst oder sogar gewinnen kannst, selbst wenn du nicht das beste Material hast. Diese Einstellung hast du immer im Blut.

Es gibt Leute, die Ihre Karriere mit der von Mike Tyson vergleichen.

Lewis Hamilton: Ich muss zurück zum erwähnten Film kommen. Der Junge dort hatte eine extreme Wut. Denzel Washington sagte ihm aber: „Anstatt deine Wut gegen andere Menschen zu richten – warum nutzt du nicht die Energie, um aus dir einen besseren Menschen zu machen?“ Diese Frage drückt viel eher meine Philosophie aus.

Braucht man nicht auch Wut, um der Beste zu werden?

Lewis Hamilton: Nein, denn Wut haben ist negativ. Man muss es schaffen, diese negative Kraft in positive Energie zu verwandeln. Das ist mein Weg.

Gibt es Menschen, die Sie extrem positiv beeinflusst haben?

Lewis Hamilton: Am meisten mein Vater. Und dann Nelson Mandela.

Wann haben Sie von Mandela gehört?

Lewis Hamilton: Ich muss so zwölf Jahre alt gewesen sein, als mein Vater mir von ihm erzählt hat. Damals habe ich aber nicht so richtig verstanden, warum er so etwas Besonderes war. Später begriff ich es dann. Er verbrachte 27 Jahre im Gefängnis, doch statt eine unendliche Wut in sich zu tragen strahlte er nur unendliche Güte und Weisheit aus.

Warum ist Ayrton Senna so wichtig für Sie? Sie trugen schon als junger Kartfahrer einen ähnlichen gelben Helm wie er.

Lewis Hamilton: Der Helm hatte damals nichts mit Senna zu tun. Die Farbe wählte mein Vater aus. Er wollte mich in dem Haufen wild kämpfender Kartkids sofort erkennen können. Ansonsten, ja, Senna war der Fahrer, den ich bewunderte.

Nur als Rennfahrer?

Lewis Hamilton: Auch als Mensch.

Wegen seines Glaubens, wegen seines politischen Engagements?

Lewis Hamilton: Nein, weil er alles dafür tat, Kindern zu helfen. Ihnen eine Chance geben wollte, mit so wenig Sorgen wie möglich aufzuwachsen.

Haben Sie jemals sein Grab besucht?

Lewis Hamilton: Ja, mehrmals, in aller Stille.

„Es interessiert mich nicht, ob die Leute mich mögen.“

Sie schreiben Songs: Ist das Ihr Mittel, den wahren Lewis Hamilton zu zeigen.

Lewis Hamilton: Es ist mir nicht wichtig, den Leuten den wahren Lewis Hamilton zu zeigen. Wichtig ist, dass ich weiß, wer ich bin. In der Formel 1 siehst du immer die gleichen Gesichter, hörst oft die gleichen Fragen. Es ist nicht das Umfeld, um Leute richtig kennenzulernen, nicht das Umfeld, dass Leute mich richtig kennenlernen. Ich weiß, dass Sie zum Beispiel oft schwarze Musik-T-Shirts tragen, mit John Lennon drauf oder Jim Morrison. Aber deshalb weiß ich doch noch lange nicht, wer Sie wirklich sind…

…da nehmen Sie aber schon mehr wahr als die meisten anderen Leute.

Lewis Hamilton: Mag sein. Aber deshalb weiß ich noch lange nicht, wer einer ist. Was die Musik betrifft: Ich liebe Musik. Für mich ist sie die einzige Sache, die wirklich ein Herz berührt. Die tiefer in eine Seele eindringt als sonst etwas.

Noch etwas Banales: Wenn Sie Teamchef wären: Welchen Fahrer würden Sie neben sich selbst verpflichten?

Lewis Hamilton: Das ist eine ganz schwierige Frage. Eigentlich willst du als Teamchef ja die beiden besten Fahrer haben. Aber die Geschichte hat uns gelehrt, dass die zwei besten Fahrer nicht unbedingt positiv fürs Team sein müssen. Was die Sache noch komplizierter macht: Manchmal sind Fahrer schwierig einzuschätzen. Ich könnte Vettel nehmen, ich habe sehr viel Respekt vor ihm. Aber wie ist er wirklich? Das ist deshalb sehr schwierig einzuschätzen, weil er noch nicht im gleichen Team mit einem Fahrer wie Alonso gefahren ist. Sondern gegen Webber, der nicht auf seinem Level war, oder mit einem Räikkönen, der momentan nicht an seinem Leistungshöhepunkt ist. Also zurück zur Frage: Ich weiß es nicht!

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