Kampf gegen die Formel-1-Bosse

Vettel ist auf besonderer Mission: Im Fahrerlager wird er sogar mit Musiklegende verglichen

Sebastian Vettel trägt ein Regenbogen-T-Shirt und kniet
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Starkes Zeichen: Sebastian Vettel ließ in Ungarn sein T-Shirt sprechen und wurde dafür bestraft.

Sebastian Vettel ist nicht nur schnell unterwegs. Seit einiger Zeit macht der viermalige Weltmeister verstärkt auf Missstände aufmerksam. Das hat ihm schon einen besonderen Spitznamen eingebracht.

München - Der Mann ist auf einer Mission. Er will nicht die Welt verändern, aber ihr Bewusstsein. Er macht sich öffentlich für Gleichberechtigung stark. Für Meinungsfreiheit. Und ganz besonders für Umweltschutz. Den John Lennon der Formel 1 nennt man Sebastian Vettel (34) deshalb schon im Fahrerlager. Dazu muss man wissen: Der Beatle war eines der Jugendidole von Vettel. Es mag übertrieben sein, den vierfachen Formel-1-Weltmeister mit dem berühmten Rockstar zu vergleichen, aber Parallelen in der Persönlichkeitsentwicklung sind vorhanden.

Beide wurden schneller berühmt als erwachsen. Beide genossen erst mal das Dolce Vita des schnellen Erfolges. Mit jugendlicher Leichtigkeit. Mit fast kindlicher Freude. Mit viel, oft hintergründigem Humor. Irgendwann war Lennon es aber leid, Songs wie „I want to hold your hand“ oder „A hard day’s night“ zu schreiben. Sie waren Millionenseller, aber sein sensibles, hochintelligentes Wesen hatte den Kommerz längst überholt. „Make Love, not War“, das war jetzt seine Botschaft.

Vettel wie Lennon: F1-Star macht auf Probleme aufmerksam

Wenn man will, befindet sich auch Vettel in einer Neufindungs-Phase. Das Lausbubengrinsen ist aus dem Gesicht verschwunden, er nutzt seine Popularität, um auf die Probleme aufmerksam zu machen, die wichtiger sind als nur schnelle Rundenzeiten zu fahren. Ernst, ärgerlich, fast mit Wut eckt er bei jedem Rennen bei den Machern der Königsklasse an.

In Spa kritisierte er offen FIA-Rennleiter Michael Masi, weil der Australier im verregneten Qualifying nicht rechtzeitig genug die rote Abbruchflagge schwenkte - und Vettels Meinung nach McLaren-Pilot Lando Norris aus diesem Grund einen schweren Unfall hatte. In Budapest weigerte er sich trotz Aufforderung vom F1-Vermarkter, bei der Nationalhymne sein Regenbogenhemd auszuziehen, das die politischen Verhältnisse in Ungarn anprangerte - für ihn entlarvte sich die F1-Kampagne „We race as One“ deshalb als reines Image-Make-Up.

Gegenüber der BBC verteidigte er sein Shirt am Dienstag (7. September) erneut: „Ich denke, es gibt Themen, da kann man sich nicht wegducken oder sagen: Das gehört hier nicht hin. Manche Themen sind so groß, dass sie buchstäblich überall hin gehören, und jeder muss sich dessen bewusst sein.“

Video: Vettel bedauert Schumachers Gesundheitszustand

Vettel wie Lennon: Verständnis für Protestler in den Dünen

Vergangenes Wochenende in Zandvoort postulierte er die schnelle Umsetzung von alternativen Kraftstoffen. Was die Manager am meisten ärgerte: Der Heppenheimer zeigte sogar viel Verständnis für die Demonstranten, die am Sonntag gegen das Rennen in dem Naturschutzgebiet in den Dünen am Strand von Amsterdam protestierten.

Für Chefvermarkter Liberty und der FIA, die laut Vettel beide ebenso nur kommerzinteressiert sind wie bei Lennon die Musikmanager und Politiker, ist der Deutsche ebenfalls ein Dorn im Auge. Hält er ihnen doch den Spiegel vor und zeigt, worum es ihnen am Ende wirklich geht: Geld verdienen, so viel wie möglich.

Ein Rücktritt des Regimekritikers würde es für sie leichter machen, aber Vettels Vertrag bei Aston Martin für kommende Saison ist sicher. Er hat eine Option, die er nur in den nächsten Tagen ziehen kann. Zumindest, wenn er das will. (Ralf Bach)

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