Vor 25 Jahren – die Fussball-Weltmeisterschaft in Italien

22 Weltmeister – und was aus ihnen wurde

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Die Weltmeister von 1990 feiern ihren Triumph. Von links springen Andreas Brehme, Pierre Littbarski, Jürgen Klinsmann, (verdeckt) Bodo Illgner und Jürgen Kohler sowie Rudi Völler und Thomas Hässler.

München - Trainer, Manager, Scout, TV-Experte, Werbefigur, Händler – alle haben versucht, ihren Nachruhm im Fußball zu nutzen. Wir haben recherchiert, was die WM-Helden von 1990 heute tun - oder nicht mehr tun.

Sie stellten die dritte deutsche Weltmeister-Generation. Ihnen sollte der Ruhm mehr einbringen als Tank- oder Toto-Lotto-Annahmestelle (1954), sie wollten mindestens Karriere machen wie die Besten aus der Klasse von 1974 (Beckenbauer, Hoeneß, Heynckes, Netzer, Vogts). Alle 22 Weltmeister von 1990 haben ihren Platz in der Fußballbranche gesucht. Nicht alle fanden ihr Glück.

Im Fußball geblieben

Andreas Köpke: 1990 bei der WM war der deutsche Torwarttrainer noch Sepp Maier. Den konnte Jürgen Klinsmann aber nicht ausstehen. Als er 14 Jahre später selbst Bundestrainer wurde, gehörte die Entmachtung Maiers zu den ersten Punkten auf seiner Agenda. Neuer Maier seitdem: Andy Köpke, der bis dahin versucht hatte, im Marketing des 1. FC Nürnberg eine Bestimmung zu finden. Bundestorwarttrainer ist ein toller Job: gut bezahlt, Freizeit bleibt auch übrig.

Raimond Aumann: Er hatte, so lange er spielte, bei den Fans des FC Bayern immer einen Stein im Brett. Als er 1994 weichen musste, damit Platz war für den aufstrebenden Neuzugang Oliver Kahn und ein Türkei-Engagement bald beendet wurde, fing ihn der FC Bayern auf, schuf die Stelle des Fan-Beauftragten. Aumann wird vor allem von der aktiven Fanszene kritisiert, hält sich aber.

Stefan Reuter: Er spielte noch bis in seine Enddreißiger-Jahre, den Übergang ins Management versuchte er, beim Zweitligisten TSV 1860 in München zu schaffen. Dies gelang ihm nicht. Als der große Fußball begann, den Franken zu vergessen und er seine alten Kontakte noch nutzte, um Stadionrasen mit Kunstfasern zu verkaufen, entdeckte ihn der FC Augsburg. Dort wurde Reuter eine Figur im schwäbischen Fußballwunder. Könnte sich den Verein nun aussuchen, den er managt.

Jürgen Klinsmann: Nach der Karriere zog er nach Kalifornien – und baute von dort an seiner neuen Existenz im Fußball. Bis 2004 war er als Vorzeigefigur eines bei WM und EM präsenten Kreditkartenunternehmens tätig, dann wurde er deutscher Bundestrainer (2004 bis 06) und Erneuerer der Nationalmannschaft. Beim FC Bayern (2008/09) krachend gescheitert, doch als Nationalcoach der US-Auswahl seit 2011 wieder bestens im Geschäft.

Lothar Matthäus: Er selbst nimmt seine Trainerkarriere als erfolgreicher wahr als die meisten Menschen in Deutschland. Er ist halt immer nur im Ausland untergekommen, ob bei Partizan Belgrad, in Salzburg, kurz in Brasilien oder als Nationaltrainer von Ungarn. In der Bundesliga ergab sich nie etwas, und über den Trainer Matthäus redet derzeit niemand mehr. Präsent ist der Rekordnationalspieler dennoch – an jedem Bundesligawochenende bei Sky.

Rudi Völler: Ein deutsches Fußball-Glückskind. Ohne eine Trainerkarriere angestrebt zu haben, wurde er im Jahr 2000 deutscher Teamchef und so etwas wie der beliebteste Bürger des Landes, als er die Nationalmannschaft 2002 zur Vizeweltmeisterschaft geleitete. Mit dem EM-Vorrunden-Aus 2004 war jedoch klar, dass Trainer nichts für ihn ist. Egal, macht er in Leverkusen halt den Sportdirektor.

Pierre Littbarski: Entdeckte zum Ausklang seiner Karriere den japanischen Markt, aus Litti wurde Litti-san. Seine Trainerversuche in Deutschland verliefen nicht gerade erfolgreich: 2. Liga mit Duisburg, Kurz-Regentschaft in Wolfsburg, wo er im Bundesligaabstiegskampf von Felix Magath abgelöst wurde (den er Tage vorher noch kritisiert hatte). Darf beim VfL aber die Abteilung Spielerbeobachtung leiten und ist nach seinen Wanderjahren (Australien, Iran, Liechtenstein) sesshaft geworden.

Hans Pflügler: Wie den Kameraden Raimond Aumann streifte ihn das Glück, dass der FC Bayern neue Abteilungen schuf und sie ehemaligen treuen Spielern übertrug. So kam Pflügler ins Merchandising. Mit seinem Fantruck begleitete er diverse Trainingslager. Ein stiller Arbeiter, bodenständig geblieben.

Frank Mill: Sein legendärer Pfosten-Fehlschuss in einem Spiel gegen den FC Bayern sichert ihm die ständige Wiederkehr in die Talkshows, und da Markus Lanz nach Champions-League-Abenden im ZDF immer eine Fußballrunde einlädt, kommt der Ex-Stürmer verlässlich auf den Schirm. Der Versuch, Manager zu werden (bei Fortuna Düsseldorf), blieb eine Episode. Heute ist Mill einer der heimlichen Großverdiener in der Branche. Betreibt eine Fußballschule mit 88 Niederlassungen. Zudem beteiligt am Schrotthandel der Familie.

Uwe Bein: Der Mann, der für den tödlichen Pass bekannt war, gibt sein Wissen in den Fußballschulen seines Chefs Frank Mill weiter.

Thomas Häßler: Irrlichtert seit dem lange hinausgezögerten Spielerkarrieren-Ende durch die Branche(n): Versuchte sich im Produzentenumfeld von melodischer Rockmusik, glaubte, beim 1. FC Köln, seinem alten Klub, als Techniktrainer seine Bestimmung gefunden zu haben, war Co-Trainer bei Nigerias Nationalmannschaft und einem iranischen Klub – alles nicht das Wahre. Vielleicht Management? Aber niemand nimmt ihn.

Günther Hermann: Ist im Norden ein angesehener Amateurtrainer, 14 Jahre coachte er den VfR Osterholz-Scharmbeck. In diesem Ort betreibt er seit 19 Jahren ein 200 Quadratmeter großes Sportgeschäft – ohne mit seiner Fußballer-Vergangenheit zu protzen.

Versucht, im Fußball zu bleiben

Bodo Illgner: Er ist den Deutschen fremd geworden, nachdem er sich 1994 aus der Nationalmannschaft zurückgezogen hatte. Wechselte zu Real Madrid und als es mit dem Fußball vorbei war, in die USA. Zusammen mit seiner dominanten Frau Bianca brachte er einen kruden Enthüllungsroman auf den Markt („Alles“), der im Giftschrank der Literaturgeschichte landete. Bezeichnet sich heute selbst als „Football Analyst“, arbeitet als Experte seit 2014 für den katarischen TV-Sender „BeInSports“.

Thomas Berthold: Bio-Kokosöl, Bio-Kokosmus, Bio-Kokosraspeln – dafür macht der in der Veganer-Szene engagierte Weltmeister Werbung. Mitsamt Familie (Frau, Kind, Hunde). Die skurrilen Spots sind ein Youtube-Hit. Im Fußball mischt er auch noch ein bisschen mit – als Experte für Eurosport. Ein Manager-Versuch (Düsseldorf) scheiterte.

Andreas Brehme: Der Finalheld verlor seine letzte Trainerstelle vor neun Jahren als Assistent beim VfB Stuttgart. Vom DFB noch als Botschafter (Aktion „1000 Mini-Spielfelder“) eingesetzt. Derzeitiger Status: Consultant bei einem Unternehmen für Stadion-Sicherheitsfragen. Plant eine Fußballschule in Ägypten.

Klaus Augenthaler: Nürnberg, Leverkusen, Wolfsburg – Trainerstationen, von denen ein Lothar Matthäus nur träumen kann. Ja, „Auge“ war nach einer vielleicht etwas zu langen Lehrzeit als Assistent beim FC Bayern drauf und dran, Trainer-Renommee zu erlangen, die Fans an den jeweiligen Standorten liebten ihn. Doch es mangelte schlicht an Erfolgen, so dass Augenthaler seit Jahren ein Trainer ohne Verein ist. Zuletzt bot er sich bei Markus Lanz an, wo er mit seiner persischen Beraterin Samira Samii auftrat. Mehr als Möbelhaus-Autogrammstunden geht derzeit nicht.

Guido Buchwald: Ging den japanischen Weg, war hoch angesehen als Spieler und dann auch Trainer bei den Urawa Red Diamonds. In Deutschland gelang ihm der Übergang nicht (entlassen als Trainer bei Alemannia Aachen), Buchwald scoutet nun für den VfB Stuttgart, vertritt ihn in Asien und ist nebenbei Repräsentant eines Sportgetränkeherstellers (Ensinger) und Teilhaber einer Firma für Bürobedarf.

Jürgen Kohler: Der DFB rollte seinem ehemaligen Vorstopper den roten Teppich aus, ließ Kohler als U21-Bundestrainer hoch einsteigen. Doch Kohler erlag den Lockungen der Bundesliga, wollte in Leverkusen mitmischen. Dort verzettelte er sich, dazu kamen gesundheitliche Probleme. Taucht ab und zu als Trainer in unteren Ligen und im Jugendbereich auf, die Tendenz geht nach unten. Im Hauptberuf Vermögensverwalter.

Olaf Thon: Rhetorisch gewandt, ohne Allüren, auf Schalke einer der Lieblinge für alle Zeiten – Thon standen nahezu alle Türen offen. Doch im Schalker Aufsichtsrat hinterließ er keine Spuren, ist nur noch Repräsentant und Abteilungsleiter der Traditionsmannschaft. Als Trainer des VfB Hüls (Oberliga NRW) brachte er seine Mannschaft gegen sich auf. Heute ist Thon Teilhaber an einer IT-Firma – und für Interviews noch immer gefragt.

Karlheinz Riedle: Er versuchte sich als Manager bei Grasshopper Zürich. Funktionierte nicht, war aber kein bisschen schlimm. Denn der schlaue Riedle ist ein profilierter Hotelier. Im Allgäu lässt sich gut Trainingslager abhalten – es kommen internationale Teams, Bundesligisten, Amateurmannschaften. Hausherr Riedle, authentisch und freundlich geblieben, kümmert sich um alle Gäste.

Andreas Möller: Manager-Typ. Doch sein Versuch, in Offenbach was aufzubauen, scheiterte. In den vergangenen vier Jahren nur einige Trainerhospitanzen und Vermarktung des Nachruhms durch Repräsentations-Auftritte für fußballaffine Unternehmen. Lebt aber gut von seinen Immobilien.

Paul Steiner: Landete zunächst im klassische Auffang-Ressort für verdiente Spieler: Scouting. Erst in Leverkusen, dann in Köln. Seit vier Jahren aus dem Geschäft. Lebt als „vorübergehender Frührentner“ im spanischen Alicante.

Günter Klein

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