Neu im DFB-Team

Amin Younes - der Dribbelkönig aus Amsterdam

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Nicht zu fassen: Für seine Dribblings wird Amin Younes (r.) bei Ajax Amsterdam geliebt. 

Er ist nicht der große, eher der kleine Unbekannte im DFB-Team: Amin Younes, 24, der Dribbler.

Prag – Amin Younes verließ vor zwei Jahren, als seine Karriere ins Stocken geraten war, seinen Heimatverein Mönchengladbach verließ und wechselte zu Ajax Amsterdam. Von dort hat der 24-Jährige es in die deutsche Nationalmannschaft geschafft – wie man nun weiß: über den Confed-Cup-Sommer hinaus.

Amin Younes, man hatte ja so seine Vorstellungen, wer aus dem Confederations-Cup-Team im nächsten DFB-Kader auftauchen würde und wer nicht. Ihre Nominierung dürfte viele Leute überrascht haben, denn Sie waren in Russland einmal zehn, einmal neun Minuten im Einsatz. Haben Sie mit einer neuerlichen Einladung gerechnet?

Hoffen tut man immer und glaubt an sich selber, an seine Stärken und Qualitäten. Dass ich wieder dabei sein darf, macht mich trotzdem dankbar, es ist etwas Großes und Schönes.

Wie haben Sie die Zeit nach dem Confederations Cup verbracht?

Ich war zunächst im Urlaub bei meiner Familie im Libanon und bin bei Ajax Amsterdam schon früh in die Vorbereitung gegangen. Im Fußball: bleibt meistens nicht lange Zeit, um Erfolge zu genießen. Aber ich spüre noch den Stolz, mit dem mich die Wochen mit der Nationalmannschaft erfüllt haben.

Wie intensiv hat man das Turnier denn im Libanon, aus dem Ihr Vater stammt, verfolgt?

Sehr. Die deutsche Mannschaft ist gerade überall bekannt. Im Libanon wussten sie, dass ein Junge mit libanesischen Wurzeln dabei ist. Ich habe ein gutes Feedback bekommen, dass Deutschland für die Leute dort ganz groß ist.

Und wie waren die Reaktionen in Amsterdam? Man kennt ja die niederländisch-deutsche Rivalität. Lob könnte schwer über die Lippen gehen.

Die waren bei Ajax alle superhappy für mich. Die schauen mit großen Augen nach Deutschland, viele fragen mich, wie der Bundestrainer ist. Man hat es mir gegönnt.

Was bedeutet Ihnen Ajax?

Es ist der speziellste Verein in meiner bisherigen Karriere. Ajax hat mir die Möglichkeit gegeben, zum Nationalspieler zu werden. Ajax ist speziell in jeder Hinsicht. In der Art, wie sie dort Fußball spielen, in der Art des respektvollen und freundlichen Umgangs miteinander. Sehr familiär und jungen Spielern zugetan.

Sind Sie jetzt schon eine der Leitfiguren?

Wir haben mit Klaas-Jan Huntelaar einen dazubekommen, der älter und am Ende seiner Karriere ist mit 34 – aber ich zähle auch zu den reiferen und älteren Spielern. Bei uns kann man auch mit 22 Kapitän werden, wenn man Qualität und Reife hat, das nehmen einem auch die anderen Spieler ab.

Beim DFB haben Sie alle Nationalteams von U 16 bis U 21 durchlaufen, jedes Jahr stiegen Sie auf. Danach aber herrschte eine gewisse Stagnation. Die schwerste Karrierephase?

Ja, und es ist schön, dass ich jetzt in der Länderspielpause endlich wieder beschäftigt bin. Das hatte ich zwei Saisons nicht, und das hat mich gewurmt. Man ist lieber mit den Besten der Welt unterwegs und spielt für sein Land statt freie Tage zu haben.

Nach dem Confed Cup hieß es, Sie hätten Angebote aus Dortmund und Leipzig. Haben Sie sich das angeschaut?

Ja, doch. Wir haben dann mit dem Verein gesprochen, sehr vernünftig, und für Marc Overmars (den Ajax-Sportdirektor, d. Red.) war es klar, dass ich jetzt dableibe. Mein Vertrag läuft noch zwei Jahre, und ich bin dort zu einer Führungsfigur geworden, spreche die Sprache. Da war es dem Verein wichtig, dass ich noch ein Jahr bleibe. Und für mich wäre es schwer gewesen zu gehen, wo wir schon einige Abgänge hatten. Ich will auch unbedingt noch einen Titel in den Händen halten, bevor ich vielleicht gehe. Ich war zweimal nahe dran an der Meisterschaft, und in der Europa League standen wir im Endspiel.

Ist es schwer, Niederländisch zu lernen?

Ich habe mich reingehängt, bin drei, vier Monate zur Schule gegangen, und nach einem halben Jahr konnte ich es auch sprechen. Das hat mir geholfen, Leistung zu bringen, mich wohl zu fühlen – und es hat mit Respekt zu tun, die Sprache der Leute zu lernen, auch wenn alle dort Top-Englisch sprechen und viele auch Deutsch.

Aus der Europa League gibt es die Statistik: Kein Spieler ist öfter ins Dribbling gegangen als Sie. Es wurden 120 Versuche registriert, für den Nächstbesten die Hälfte.

Es waren sogar nicht nur Versuche, sondern erfolgreiche Dribblings. Das ist auch entscheidend, bringt ja nichts, wenn ich 200 Mal ins Dribbling gehe und nur 20 Mal vorbeikomme. Die Mehrheit sollte gelingen, damit man daraus eine Chance kreiert oder zum Abschluss kommt. Es ist immer ein Risiko, aber es hat mit dieser Mannschaft einfach gepasst. Wir hatten, auch in den Auswärtsspielen, viel Ballbesitz, die Gegner stehen tief.

Für die Eins-gegen-eins-Situation braucht es aber Mut – denn es besteht eine hohe Gefahr, zu scheitern und das Publikum gegen sich aufzubringen.

Ja, doch das ist das Schöne an Amsterdam: Gerade dann, wenn du was probiert hast und es nicht geklappt hat, wollen sie, dass du nochmals genauso hingehst. Die Fans hassen es auch, wenn man zum Torwart zurückspielt, da fangen sie an zu pfeifen. Sie wollen immer, dass man nach vorne spielt. Es hat was von Theater: Man ist ruhig, doch wenn es Richtung Sechzehner geht, wenn es einen schönen Angriff gibt, stehen sie auf. Direktes Spiel, Dribblings – das stimmt sie froh, das wollen die Leute sehen.

Und Joachim Löw wohl auch.

Ja, er will, dass ich meine Stärke im Eins-gegen-eins ausspiele und dass ich ins Dribbling gehe – aber nicht kopflos in Situationen, wo kein Vorteil entstehen kann. Aber ich bin auch jemand, der abwartet, guckt und sich den Gegner zurechtlegt. Es geht auch nicht immer darum, selbst im Dribbling zum Erfolg zu kommen, sondern auch eine Lücke zu reißen, einen auszuspielen, damit ein anderer frei wird – dann muss wieder einer vom Gegner rauskommen.

Jeder hat in seiner Karriere einen großen Förderer. Ist Ihrer Horst Hrubesch, der heutige DFB-Sportdirektor, der in den U-Teams Ihr Trainer war?

Ich sage mal so: Selbst wenn es nicht so laufen würde wie jetzt, war er trotzdem wichtig für mich – als Mensch. Ich habe mich einfach identifizieren können mit ihm, mit der Art und Weise, wie er Fußball gespielt hat, dazu seine Demut, die charakterliche Seite neben dem Fußball – überragend! Davon habe ich gelernt. Menschen wie ihn gibt es nicht viele.

Wäre interessant geworden, wenn Sie in einer Ära gespielt hätten: Vorbereiter Younes, Verwerter Hrubesch.

Als ich ihn in der U 18 das erste Mal hatte, wunderte ich mich. Man kennt ihn ja als wuchtigen Stürmer, technisch nicht so beschlagen – aber er wollte gute Fußballer haben. Ich fragte mich: Wie kann das sein? Doch er hatte zu seiner Zeit ja auch mit sehr guten Leuten gespielt, mit Kevin Keegan, Manfred Kaltz, das waren tolle Fußballer. Und Horst Hrubesch hat das direkte und technisch anspruchsvolle Spiel geliebt.

Es ist fast ein Wunder, dass Sie sich im Profifußball durchgesetzt haben, Sie sind mit 1,68 Metern nicht groß und im August geboren. Die meisten Nationalspieler sind im ersten Quartal zur Welt gekommen und hatten durch die ganze Karriere immer auch einen körperlichen Vorsprung. Spürten Sie, dass Sie es schwerer haben?

Ich glaube, selbst wenn ich im Januar geboren worden wäre, wäre ich nicht groß geworden. Aber das war eigentlich immer mein Vorteil, kleiner zu sein. Ich musste gucken, dass ich auf andere Weise zurechtkomme. Gut am Ball sein, enge Ballkontrolle haben, schnell dribbeln – das habe ich betont.

Sie sind robuster, als viele glauben. Stichwort tiefer Körperschwerpunkt.

Schwach bin ich nicht, ein bisschen Power habe ich schon.

Das Interview führte Günter Klein

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