Ex-Profi im Interview

“Drecks-Abschied“ für Hummels, Boateng und Müller: Brinkmann erklärt, was ihn beim DFB sonst noch entsetzt

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Ansgar Brinkmann (r.) kritisiert Bundestrainer Joachim Löw und dessen Team

Ansgar Brinkmann geht mit dem DFB hart ins Gericht. Er ist wütend, wie der Verband mit seinen einstigen Stars Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller umgeht.

Oliver Bierhoff hat zuletzt „mehr Bolzplatzmentalität“ gefordert. Was halten Sie von dieser Äußerung?

Brinkmann: Beim DFB beschäftigen sie sich tagtäglich mit Fußball. Dass sie erst jetzt auf die Bolzplatzmentalität kommen, ist ein bisschen spät. Aber besser spät als nie. Es wird höchste Zeit, dass der DFB auch wieder in diese Richtung denkt. Die Nachwuchsleistungszentren sind gut und machen Sinn, damit weniger talentierte Jungs verloren gehen. Aber man hat die Freiheit der Jungs dort eingeschränkt. Es gibt viele Vorgaben, die Jungs durften kaum noch alleine atmen. Wenn du schon mit zwölf Jahren in ein NLZ kommst, kannst du dich auf dem Platz nicht mehr ausprobieren und nicht mehr das machen, was du willst.

Glauben Sie, dass der DFB tatsächlich eine Kursänderung vornehmen will? Oder wird das Signalwort Straßenfußball genutzt, um ein Umdenken vorzutäuschen?

Brinkmann: Es gibt im Fußball immer wieder Modewörter. Früher war es die „Einstellung auf den Gegner“, heute ist es der „Matchplan“. Ich denke aber, dass der DFB durchsetzungsfähig ist. Wenn die sich etwas auf die Fahne schreiben, werden sie auch Ideen entwickeln und etwas unternehmen.

Leroy Sane ist so ein Straßenfußballer. Vor der WM 2018 hat Jogi Löw ihn aus dem Kader gestrichen.

Brinkmann: Ich glaube nicht, dass wir mit diesem einen Spieler bei der WM in Russland erfolgreicher gewesen wären. Aber eins ist auch mal sicher: Wenn ich den Kader zum damaligen Zeitpunkt sehe, ist das Mittelfeld sehr ausrechenbar gewesen. Ich habe schon vor der WM gesagt, dass wir massive Probleme bekommen, weil im Mittelfeld das Tempo fehlt und zu wenige Spieler Eins-gegen-eins spielen können. Du bist sehr eingeschränkt, wenn dir die Kreativspieler fehlen. Wenn die Mexikaner aber gegen Leroy Sane hätten verteidigen müssen, hätten sie ein großes Problem bekommen.

Wieso?

Brinkmann: Das ist ein Straßenfußballer, der erkennt, auf welches Bein der Abwehrspieler das Gewicht verlagert hat. Der Sane braucht eigentlich überhaupt keine Tricks zu machen, der hat ein Höllentempo, eine super Ballführung und das periphere Sehen. Ein Straßenfußballer sieht Dinge, die noch gar nicht passiert sind. Wenn ich das Gesamtpaket von Sane sehe und dann höre, dass wir ihn bei einer WM zuhause lassen, dann muss ich sagen: Leute, ganz ehrlich, da kann jemand den Fußball nicht lieben.

Brinkmann sieht Löws Umgang mit Sane kritisch

Sane wurden angeblich Schwierigkeiten im Umgang mit Löw zum Verhängnis. 

Brinkmann: Das ist der größte Witz überhaupt! Der DFB hat einen Trainer, der im Jahr fünf Millionen kassiert, und drei Co-Trainer, die noch mal drei Millionen bekommen. Und dann gibt es noch fünf Psychologen. Es ist deren Job, dass dieser Spieler, der in England schon funktioniert hat, auch für Deutschland funktioniert. Aber zu sagen 'Der ist schwierig, den nehmen wir nicht mit', kann nicht die Aufgabe des DFB sein. Gott sei Dank haben wir mal wieder einen, der schwierig ist.

Am Montag traf sich die Nationalmannschaft in Wolfsburg. Sane sorgte mit einem extravaganten Auftritt für Aufsehen. Ein deutsches Problem? 

Brinkmann: Ich gönne ihm das Outfit. Er hat das Geld, um sich Designerklamotten zu kaufen. Meiner Meinung nach braucht Leroy Sane aber gerade jetzt Jungs um sich, die Einfluss auf ihn haben. Trainer, Betreuer, Manager, der DFB. Oliver Bierhoff und Co sind jetzt gefordert, ihm zu sagen: 'Wir haben nichts gegen dein Outfit, aber das ist das falsche Signal nach außen.' Wenn er darauf Bock hat, soll er sich das Zeug kaufen, aber damit nicht bei der Nationalmannschaft ankommen. Sane bräuchte jetzt einen Typen wie Jürgen Klopp, der ihm klarmacht, worum es wirklich geht – um das, was er im Sport noch alles erreichen kann. Ich bin mir nicht sicher, ob Sane auf einen Typen wie Löw hört, denn der hat ihn ja eben nicht mit zur WM genommen.

Brinkmann: Müller, Hummels und Boateng bekommen Drecks-Abschied

Hummels, Müller und Boateng wurden vor dem Neustart der DFB-Elf aussortiert. Ihre Meinung?

Brinkmann: Ein Umbruch ist legitim. Es gibt nie den besten Zeitpunkt, sich von drei Nationalspielern zu trennen, die sich so verdient gemacht haben. Aber man muss nicht gleich den schlechtesten Zeitpunkt wählen. Wenn man sich wie der DFB tagtäglich nur mit Fußball beschäftigt, wird man jawohl eine bessere Verabschiedung hinbekommen als es der Verband bei Müller, Hummels und Boateng gezeigt hat. So einen Drecks-Abschied haben sie nun wirklich nicht verdient.

Zurück zur WM in Russland: Frankreich hat den Titel geholt, dort ist der Straßenfußball noch deutlich verbreiteter als hierzulande. Zufall? 

Brinkmann: Das ist nicht erst seit gestern so, das hat Tradition. In den 80er Jahren ging es schon los, dass ein Offensivmann in Frankreich nur bis zur Mittellinie zurücklaufen musste. Auch das hat sich natürlich geändert, aber die Franzosen sagen: 'Wir müssen die Stärken forcieren und die Schwächen minimieren. Wenn einer im Eins-gegen-eins seine Stärken hat, dann lassen wir ihn das spielen.' Es geht am Ende immer um die Mischung. Du musst diesen Jungs beibringen, etwas zu riskieren, wenn es im Verhältnis zum Risiko steht. Irgendwann brauchst du diese Jungs, die unberechenbar sind. Von fünf Mittelfeldspielern können das bei den Franzosen drei, und Deutschland hatte bei der WM keinen einzigen.

Brinkmann hatte nicht die DFB-Elf im Fokus

Wie müssen die Deutschen ihre Straßenfußballer anpacken?

Brinkmann: Wir müssen die individuelle Qualität viel mehr fördern, aber diese Jungs dürfen nicht egoistisch sein. Sie müssen ihr Talent in den Dienst der Mannschaft stellen. Sie müssen im Kollektiv funktionieren, aber das kann man ihnen beibringen.

Sie sind im Oldenburger Münsterland aufgewachsen, mit 15 Jahren zu Bayer Uerdingen gewechselt. Wie war Ihre Kindheit mit dem Fußball? 

Brinkmann: Die erste WM, die ich gesehen habe, war 1974. Meine ersten Helden waren Breitner und Beckenbauer. Ich habe meine Mama aber immer gefragt, wann die Holländer spielen. Sie sagte dann: 'Ansgar, du weißt schon, dass wir Deutschland sind.' Ich antwortete: 'Ja, ich weiß. Aber bei den Holländern spielt ein gewisser Johan Cruyff, der spielt anders als alle andere.' Der war mir schon mit fünf Jahren aufgefallen. Mit 15 Jahren bin zu Bayer Uerdingen gegangen, die hatten gerade Marcel Witeczek geholt, der den Goldenen Schuh (Bester Torschütze, Anm. d. Red) bei der U17-WM gewonnen hatte. Insgesamt waren in Uerdingen 16 Jugendnationalspieler, ich war der einzige, der keiner war. In dem Jahr hatte Bayer Oliver Bierhoff und Witeczek geholt – und mich von Blau-Weiß Lohne.

Im Brennpunkt hat Brinkmann für das Leben gelernt

Von den heutigen NLZ-Standards mit Rundumbetreuung waren Sie damals wohl weit weg.

Brinkmann: Meine Mama hat mich mit dem Skoda nach Uerdingen gefahren, dann hat sie mir für 220 Mark eine Wohnung gesucht. Ich hatte anschließend noch 120 Mark im Monat zum Leben. Von Bayer Uerdingen hat mich in zwei Jahren niemand gefragt, was ich eigentlich mache, wenn ich nicht beim Training bin. Zur Erinnerung: Ich war 15 – und so darf es nicht laufen. Wenn ich nicht beim Training war, habe ich im Brennpunkt-Viertel Fußball gespielt. Da ging es richtig rund, da war richtig Alarm. Die Straße bildet dich aus, da wirst du nicht in Watte gepackt.

Angenommen Ansgar Brinkmann würde seine Karriere im Jahr 2019 beginnen. Wie weit hätte er es gebracht?

Brinkmann: Ich hätte in einem NLZ keine zehn Tage überlebt, weil ich auf dem Platz einfach gemacht habe, was ich wollte. Das hätte bei mir auch kein Laptoptrainer geändert.

Früher gab's noch keine Smartphones, soziale Medien waren unwichtiger. Ist das Aussterben der Straßenfußballer auch ein gesellschaftliches Phänomen?

Brinkmann: Wir werden es gar nicht mehr hinbekommen, in der Masse Straßenfußballer zu finden wie früher. Früher gab es nicht viel außer der einen Sportart, mit der sich die Kinder täglich und über Jahre beschäftigt haben. Heute gibt es viel zu viel Entertainment. Aber kein Vorwurf an die heutige Generation! Alles hat seine Zeit, die Kinder heute bewegen sich in anderen Zeiten. Die Gegebenheiten sind einfach anders.

Interview: Jonas Austermann

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