Niederlänisches EM-Aus

„Armseliger Abgang“: Vernichtende Kritik an de Boer

Frank de Boer
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Muss nach dem EM-Aus heftige Kritik einstecken: Niederlande-Coach Frank de Boer.

Oranje irrlichtert in die Zukunft. So nimmt zumindest die heimische Presse das krachende EM-Aus in der ersten K.o.-Runde wahr. Die Zukunft von Frank de Boer als Nationaltrainer ist höchst fraglich. Die Katerstimmung wird noch lange anhalten.

Budapest - Dumm, erschreckend, hoffnungslos. Die Fußball-Welt der Niederlande liegt mal wieder in Trümmern.

Nach dem krachenden EM-Aus im Achtelfinale gegen leidenschaftliche Tschechen überzogen die heimischen Medien Oranje mit Häme. Vernichtende Kritik schlug Nationaltrainer Frank de Boer entgegen, der nach einem Schwarzen Tag die Verantwortung für den K.o. in Budapest übernahm und Zweifel an einem weiteren Turnier mit ihm als Boss nährte.

„Alles zusammengenommen ist dies eine EM, für die sich Trainer und Spieler von Oranje tief schämen müssen“, urteilte „De Telegraaf“. Vor allem de Boer, der den vakanten Posten nach dem Wechsel von Ronald Koeman zum FC Barcelona erst im September vergangenen Jahres übernommen hatte, wurde nach dem 0:2 zur Zielscheibe der Kritik. „Statt aufzubauen auf der Arbeit von Koeman, schmiss de Boer alles, wofür die Holländische Schule steht ein paar Wochen vor der EM einfach so in die Amsterdamer Grachten. In Budapest wurde für diese unglaubliche Dummheit der Hauptpreis bezahlt.“

Heftige Kritik an Spielsystem

Das Problem sind wie so oft die Zahlen bei den Niederländern. Wie der frühere Bayern-Coach Louis van Gaal beim letzten großen Turnier vor sieben Jahren, als man bei der WM in Brasilien gegen den Gastgeber sogar Dritter wurde, wich auch de Boer vom in den Niederlanden heiligen 4-3-3-System ab und setzte auf eine defensivere Formation.

„Die Tschechen - so ungefähr das Niveau vom FC Groningen - demaskierten Frank de Boer, sein heilloses defensives 5-3-2-System und seine Stars“, ätzte „De Telegraaf“ weiter.

Die Niederlande brachte am Sonntag natürlich die Rote Karte gegen Matthijs de Ligt aus dem Konzept. Der Platzverweis habe die niederländische „Welt auf den Kopf gestellt“, befand de Boer, dessen Mannschaft jedoch schon zuvor unter der erheblichen Gegenwehr der entschlossenen Tschechen ächzte. „Das tut sehr weh, es ist schwer zu verkraften“, meinte Kapitän Georginio Wijnaldum. „Nach der Roten Karte waren wir recht machtlos.“

„Lichtjahre entfernt“

Fassungslos trifft es auch ganz gut. „Lichtjahre entfernt von der Philosophie, mit der Oranje aus einem kleinen Land ein großes Fußballland machte, erlitt die Mannschaft eine schmachvolle Niederlage gegen Tschechien“, grantelte „De Volkskrant“ und warf de Boer vor, die fußballerische Identität von Oranje „mit Zufallsfußball“ verraten zu haben. Das müsse sich der frühere Nationalspieler nun „anrechnen lassen.“

„Ich bin sehr enttäuscht“, räumte de Boer in einem „Moment voller Emotionen“ ein, nachdem seine Mannschaft noch mit drei Siegen in die K.o.-Runde gestürmt war. Er übernahm auch die Verantwortung für das Scheitern. Auf mehrmalige Nachfragen zu seiner Zukunft wollte sich der frühere Weltklasse-Verteidiger aber nicht einlassen. „Ich werde in Ruhe darüber nachdenken“, sagte er. „Ich habe jetzt einen heftigen Kater genau so wie alle Fans.“

Die Oranje-Anhänger dürften dieses Aus trotz internationaler Stars wie de Ligt, Frenkie de Jong (FC Barcelona) oder Memphis Depay (ab kommender Saison FC Barcelona) ähnlich empfunden haben wie das „Algemeen Dagblad“. „Armseliger Abgang von ruhmlosem Oranje regt zum Nachdenken an“, wütete das Blatt. „Die EM ist total misslungen, irgendein Anknüpfungspunkt in Richtung Zukunft gibt es nicht.“ Was nun, Herr de Boer? dpa

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