tz-Interview

Arne Friedrich: Das kommt auf Löws Truppe zu

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Arne Friedrich im Gespräch mit tz-Reporter Michael Knippenkötter.

München - Am Donnerstag geht es für die DFB-Kicker gegen die USA. Im Interview mit der tz verrät Ex-Nationalspieler Arne Friedrich, dass die Amerikaner unter Druck anfällig sind.

Am Donnerstag (18.00 Uhr MESZ) steigt das deutsche Gruppenfinale gegen die USA. In der tz analysiert Ex-Nationalspieler (82 Länderspiele) und USA-Experte (2012/13 Chicago Fire) Arne Friedrich (45), was auf Jogi Löws Truppe zukommt.

Herr Friedrich, Sie haben sich sehr schnell eingelebt in den USA, schwärmen hier in Brasilien vom Zusammenhalt in den Teams dort, heben die professionellen Fitnessstandards hervor. Ist es möglich, dass der Weg Sie irgendwann noch einmal dorthin zurückführt?

Friedrich: Ich hatte mit dem Klubbesitzer von Chicago gesprochen, er hatte mir nach meiner aktiven Zeit dort einen Job angeboten. Das hatte ich abgelehnt zu der Zeit. Aber das ist sicher etwas, was mir durch den Kopf geht. Im Moment mache ich noch meine Trainerscheine, dann sehen wir weiter.

Es geht also in den Bereich Coaching?

Friedrich: Das kann ich noch gar nicht so genau sagen. Ich möchte zunächst die Scheine machen und schauen, ob mir das Spaß macht. Als Spieler weiß man ja nicht, wie das so als Trainer ist. Aber die Kontakte zu Chicago sind gut, wahrscheinlich fliege ich Ende Juli sogar noch einmal hin.

Ihr derzeitiges Engagement als TV-Experte ist vorübergehend? Man sieht Sie hier mit einem chinesischen Fernsehteam arbeiten.

Friedrich: Das stimmt, der Sender ist auf mich zugekommen. Und auch in dieser Hinsicht kann ich mir noch etwas vorstellen! Ich probiere das gerade aus, es macht mir Spaß. Kann sein, dass auch das etwas sein kann in Zukunft.

Wenn Sie nach einem Durchschnaufen auf Ihre Karriere zurückblicken: Hätten Sie im Nachhinein etwas anders gemacht?

Friedrich: Nein, weil ich gar nicht darüber nachdenke. Das sind Dinge, die ich nicht mehr beeinflussen kann. Ich habe alles so entschieden, wie es zu dem jeweiligen Zeitpunkt am besten schien. Ich nehme mir überhaupt keine Zeit dafür darüber nachzudenken, ob ich irgendetwas anders hätte machen können. Das ist Vergangenheit, vorbei.

Gibt es den einen Höhepunkt?

Friedrich: Mit Sicherheit die WM 2010, und zwar das gesamte Turnier, nicht nur dieses super Spiel gegen Argentinien. Aber auch die WM 2006 war einzigartig. Eine WM im eigenen Land zu spielen und untergebracht zu sein in der Stadt, in der man lebt, ist außergewöhnlich. Ich bin auch froh, dass ich sowohl die ältere Generation um Kahn, Hamann usw. kennengelernt habe, als auch die neue, aktuelle. Ich habe dadurch verschiedene Systeme erlebt, da bin ich doch sehr privilegiert.

Arne Friedrichs Einschätzung zum Spiel Deutschland gegen die USA:

Tor: Man sollte die Torhüter der USA nicht mit unseren in Deutschland vergleichen. Tim Howard ist für mich ein grundsolider Torwart, ein erfahrener Mann, aber er stößt keinesfalls in Bereiche eines Manuel Neuer oder auch Roman Weidenfeller vor. Da sind wir eindeutig besser besetzt.

Abwehr:Sollte Jogi Löw seine Mannschaft nicht groß abwarten lassen und mit einem Forechecking beginnen, dann bekommen die vier da hinten sicherlich ihre Probleme. Ich weiß jetzt natürlich nicht, wie Jürgen Klinsmann sich seine Spiel­eröffnung vorstellt, ob das über die Innen- oder Außenverteidiger passieren soll. Mit einem guten, strategischen Anlaufen auf Beasly oder Johnson kann man sie aber insgesamt verunsichern. Unter Druck sind die anfällig!

Mittelfeld: Den Agressivleader kennt man in Deutschland natürlich noch ganz gut, das ist eindeutig Jermaine Jones. Er krempelt die Ärmel hoch, haut gerne mal dazwischen, stößt aber auch in die Schnittstellen vor und sucht die spielerisch Lösung. Auch Bradley ist in erster Linie ein Arbeiter, ein sehr laufstarker Spieler. Fußballerisch ist er auch kein Mesut Özil. Und dann wäre da noch Beckerman, noch so ein rustikaler Mann.

Offensive: Clint Dempsey ist der absolute Superstar im Team. Gerade jetzt, wo Landon Donovan nicht mit dabei ist, rückt er noch mehr in den Vordergrund. In den USA ist er einer der Stars, hat gerade einen sehr lukrativen Vertrag bei den Seattle Sounders unterschrieben. Er hat in England gespielt und dort sehr dazugewonnen in Sachen Torgefährlichkeit. Auf ihn muss man aufpassen.

Mit Chris Wondolowski von den San José Earthquakes haben die USA zudem noch einen echten Knipser, ich habe selber gegen ihn gespielt in der Major League. Ein unscheinbarer Typ, aber eiskalt vor dem Tor. Auch gegen Brad Davis von Houston habe ich noch meine Erfahrungen gemacht. Ein richtig guter Linksfuß, der gerade bei Freistößen für einen Überraschungsmoment sorgen kann! Am gefährlichsten wäre aber sicherlich Jozy Altidore gewesen, der im ersten Spiel verletzt ausgewechselt wurde.

Die Spielidee: Wenn die Amerikaner versuchen, eine fußballerische Lösung gegen das Team von Jogi Löw zu finden, dann werden sie keine Chance haben. Anders als Ghana fehlt den USA im vorderen Drittel die absolute Geschwindigkeit, sowohl mit Dempsey als auch Wondolowski haben sie nicht gerade die schnellsten Stürmer für einen schönen Kombinationsfluss. Meiner Meinung nach werden die Amerikaner sehr kompakt stehen und gezielt Konter anbringen.

Der Trainer: Jürgen Klinsmann ist mit Sicherheit keiner, der nur den einfachen Weg geht. Nehmen wir das Beispiel Landon Donovan: Ihn nicht für die WM zu nominieren war ein großes Risiko – der Stürmer hat einen Riesenstatus in Amerika! Das Ganze zeigt mal wieder: Klinsmann bricht Dinge auf, trifft unorthodoxe Entscheidungen, wie damals bei der deutschen Mannschaft vor der WM 2006. Er denkt sich immer etwas dabei.

Fakt ist: Jürgen Klinsmann ist ein echter Inspirator und Motivator. Er hat revolutionäre Dinge, auch für den deutschen Fußball, geleistet. Wir haben damals in der Mannschaft genau wie viele Experten in der Öffentlichkeit gemutmaßt, dass es Jogi Löw war, der im Hintergrund für die taktischen Fragen zuständig war. Letztlich konnten wir es nicht beurteilen, auch ich war in den entscheidenden Besprechungen nicht in einem Raum mit den beiden.

Was er aber ohne Zweifel kann: Motivieren. Vor dem Spiel am Donnerstag wird er seinen Spielern mit auf den Weg geben, dass es das Spiel ihres Lebens sein wird. So schätze ich ihn ein. Seine Worte? „Niemand rechnet mit uns, das ist unsere Chance!“

Interview: mic

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