ZDF-Mann findet klare Worte

Réthy rechnet ab - auch mit Schweinsteiger

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Béla Réthy hat ein Buch geschrieben: „Live – Länderspiele ­meines Lebens“ mit Beiträgen von Jürgen Klopp, Reiner Calmund u. a., Lübbe-Verlag, ISBN 978-3-7857-2496-5.

München - Bela Réthy hat schon viele wichtige Fußballspiele am Mikrofon begleitet - und viele Stars der Branche kennengelernt. In seinem Buch rechnet der ZDF-Mann nun mit den heutigen Gepflogenheiten ab.

Man mag ihn, oder man mag ihn nicht. Wenn dem einen die Stimme gefällt, nervt den anderen die viel zu emotionale Art. Ein Fußball-Kommentator kann es eben niemals jedem recht machen, da ist auch Béla Réthy keine Ausnahme. Sicher ist nur, dass er nicht allzu viel falsch gemacht hat in seiner Karriere, sonst wäre er nicht schon so lange dabei, hätte nicht so viel erlebt, dürfte keine so tiefen Einblicke ins Fußball-Geschäft haben.

Über genau jene Zeit und die Erfahrungen mit den Stars der Branche hat der Experte des ZDF nun ein Buch geschrieben, Live – die Länderspiele meines Lebens.

Und wie sich das für Kommentatoren gehört, schlägt er dabei nicht nur friedliche, versöhnliche Töne an. Réthy rechnet ab!

Der 57-Jährige macht deutlich, was ihm an der heutigen Zeit missfällt. Und das betrifft vor allem unsere Stars von der Nationalmannschaft! Réthy schreibt: „Viele Fußballprofis ähneln inzwischen den Absolventen britischer Privatschulen, sie bekommen 24-Stunden-Rundumversorgung. Dass die Fingernägel nicht noch kontrolliert werden, ist alles!“

Réthy: Kritische Nachfragen nicht mehr angebracht

Der in Brasilien aufgewachsene Sportjournalist kritisiert die Unselbständigkeit der Profis, die von Beginn ihrer Karriere an geschürt wird. Weiter heißt es: „Man vermittelt jungen Sportlern, dass sie Juwelen sind. Ihnen wird erklärt, dass draußen die Welt böse sei und alle es auf sie abgesehen hätten. Wer soll das in diesem Alter verkraften?“

Harte Worte, Réthy beschreibt genau, wie er die Spieler von heute erlebt und wie sich ein Großteil ihrer Vorgänger verhalten hat. Die tz hakte nach: Wie kam es dazu, die Situation in dieser Deutlichkeit zu beschreiben? Réthy sagt: „Mich stört einfach dieser Trend weg vom Journalismus. In den Interview-Zonen sind immer mehr Klub- und Verbandsmedien vertreten, die Spieler sind es fast nicht mehr gewohnt, dass man kritisch nachfragt. Aber das muss doch erlaubt sein! Diese vorgefertigten Antworten sind einfach unbrauchbar.“

Im Buch beschreibt der Journalist zudem, worin der Unterschied zu anderen Nationen liegt. Als Beispiel nennt er Erlebnisse von der WM 2010. „Da haben die Holländer mitten in der Stadt gewohnt. Ihr Hotel in Johannesburg war frei zugänglich für jedermann. Abends saßen die Spieler zwischen den normalen Gästen an der Bar. Ich habe Mark van Bommel über den Nelson Mandela Square bummeln sehen und beobachtet, wie er sich brav hinter bemalten Fans angestellt hat, um sich einen Espresso zu kaufen.“ Und die deutschen Stars? „Die haben irgendwo im Niemandsland am Rand von Pretoria hinter hohen Mauern gelebt. Das Hotel war weiträumig eingezäunt. Das Einzige, was sie außer ihren Teamkollegen, den Betreuern und Trainern regelmäßig zu sehen bekamen, waren ein paar Journalisten und Warane. Ich weiß nicht, was sie schlimmer fanden.“

Bei der anstehenden WM ist es im Übrigen ganz ähnlich. Der DFB wohnt abgelegen im Küstenort Campo di Bahia, Holland am berüchtigten Ipanema-Strand von Rio.

In seinem Buch geht Réthy sogar einige Spieler ganz konkret an – unter anderem einen Bayernstar. Der Reporter beschreibt, wie er den Mittelfeldmann bei der EM in Polen erlebt hat: „Bei der EM 2012 haben sich Schweinsteiger, Bender und Khedira mal kurz aus ihrem Hotel in Sopot bei Danzig getraut. Als Leute sie fotografieren wollten, fingen sie an, diese zu beschimpfen. Schweinsteiger drehte sich ständig weg, als ob er so nicht erkannt würde.“

Kein guter Zustand, findet Réthy. Er macht gegenüber der tz aber auch klar, dass sein Ärger nichts mit der Hoffnung zu tun hat, dass man den Titel holt. „Ich wünsche mir, dass die Jungs Weltmeister werden!“

Mesuts WG am Strand

Die Abgeschiedenheit am Atlantik: Im gerade fertiggestellten Bungalow-Park von Campo de Bahia werden unsere Nationalspieler ihre Ruhe haben, Lahm & Co. sind dabei in vier Wohngemeinschaften untergracht. Ihnen steht jeweils ein Kapitän vor – laut Bild sorgen neben Lahm noch Miro Klose, Per Mertesacker und Bastian Schweinsteiger für Ruhe und Ordnung in ihren Häusern. In welcher WG beispielsweise Mesut Özil unterkommt, wird erst vor dem Abflug am Samstag entschieden. Klar ist aber schon jetzt, dass vor allem er sich auf seine Aufgaben auf dem Platz konzentrieren sollte, so zumindest sieht es Ex-Nationalspieler Michael Ballack. Der Capitano sagte im Daily Mirror über Özil: „Er muss als einer der besten Spieler des Teams mehr Verantwortung übernehmen. Hoffentlich sehen wir zum Start der WM einen neuen Mesut Özil.“ Und weiter: „Seine Leistung hat mich nicht überrascht, nicht beängstigt, aber besorgt.“

Michael Knippenkötter

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