Ex-Schiri zieht Bilanz

"Das fand ich sehr groß vom FC Bayern"

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Drin! Oder nicht? Beim Pokalfinale 2014 klärte Dante für den bereits geschlagenen Neuer.

München - Im tz-Interview spricht Ex-Schiri Bernd Heynemann über den Sinn neuer Regeln und den Video-Beweis. Außerdem erinnert er an eine tolle Geste des FC Bayern.

2015 ist eingeläutet, der Fußball ist aber noch im Winterschlaf. Es ist also genug Zeit, noch einmal auf das herausragende deutsche Jahr 2014 zurückzublicken, als das DFB-Team in Rio den vierten Stern nach Deutschland holte und Millionen Menschen in Ekstase versetzte.

Ex-Schiri Bernd Heynemann.

Derzeit steht der deutsche Fußball an der Spitze – eine Momentaufnahme? Torlinientechnik, UEFA Nations League und immer mehr Geld – der Fußball befindet sich in einem steten Erneuerungsprozess. In der tz-Serie ­sprechen in loser Folge sechs Experten aus verschiedenen ­Bereichen über das vergangene Fußballjahr – und die Zukunft.

Diesmal im Fokus: das Regelwerk und die Helferlein der Schiedsrichter.

Herr Heynemann, was bleibt aus Ihrer Sicht des ehemaligen Schiedsrichters vom Jahr 2014 hängen?

Bernd Heynemann (60, WM-Schiedsrichter 1998): In erster Linie natürlich auch für mich, dass Deutschland nach langer Zeit mal wieder Weltmeister geworden ist – und das im Übrigen völlig verdient. Generell ist der deutsche Fußball so gut aufgestellt wie nie zuvor. Aus Schiedsrichter-Sicht bleibt hängen, dass die Liga nun doch entschieden hat, die Torlinientechnologie einzuführen. Damit wird entschieden, ob der Ball im Tor ist oder nicht, wenn es der Schiedsrichter, die Linienrichter oder diese komischen Torrichter mal nicht sehen. Eine wichtige Sache für den Fußball! Außerdem bleiben für mich leider noch die Aufreger um gegebene oder nicht gegebene Handspiele in Erinnerung.

Das sind schon ein paar Punkte, mit Sicherheit muss man das eingeführte Freistoßspray noch hinzuzählen. Würden Sie sogar sagen, wir haben damit ein revolutionäres Fußballjahr 2014 erlebt?

Heynemann: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Bei dem Freistoßspray muss ich ehrlich zugeben, war ich vor der WM noch ganz schön skeptisch. Das hat sich dann bewährt, aber es ist immer noch ein Gimmick, wie man so schön sagt. Manchmal wird noch der Fuß besprüht oder das Schienbein eines Spielers, auch die Auslegung ist noch nicht einheitlich. Manche Schiedsrichter wenden es bei jedem Freistoß an, manche nur ab und an. Das ist keine Revolution, das ist eine kleine Hilfe.

Die Torlinientechnik ist eine große. Ist die Einführung nicht längst überfällig?

Heynemann: Wir haben im Sommer beim DFB-Pokalfinale ja gesehen, wie eklatant dort ein Tor von Dortmund nicht erkannt wurde. Und ich fand es sehr groß vom Nutznießer FC Bayern, dass man direkt danach wiederum die Einführung dieser Technik gefordert hat. Es war an der Zeit, und auch die Argumentation, es sei zu teuer, finde ich nur lächerlich. Da kostet doch jeder Greenkeeper mehr als dieses System!

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Viele sagen, zum Videobeweis ist es jetzt nicht mehr weit. Wird das der nächste Schritt sein?

Heynemann: Die Torlinientechnologie ist ein physikalisches Hilfsmittel, um zu entscheiden: Ist der Ball im Tor oder nicht? Das hat nichts mit der Kompetenz des Schiedsrichters zu tun. Deshalb sollte es damit auch gut sein!

Sie sind gegen den Videobeweis?

Heynemann: Ja. Denken Sie doch nur mal an diese Szene im WM-Endspiel, als Manuel Neuer aus dem Tor herausrennt und auf Gonzalo Higuain trifft. Der eine sagt, dass das eine Gelbe Karte für Neuer ist wegen Handspiels außerhalb des Strafraums, der andere meint, es ist Elfmeter und Rot, weil er den Argentinier so anspringt. Und was war das Ergebnis? Freistoß für Manuel Neuer! Bis heute weiß nur der italienische Schiedsrichter, warum er so entschieden hat. Und das soll jemand von draußen, vielleicht aus einem Übertragungswagen heraus, entscheiden und ihm über Funk mitteilen? Das macht den Fußball kaputt.

Zählt so ein Argument auch bei Abseitsentscheidungen?

Heynemann: Sie meinen, weil im Fernsehen immer so eine schöne Linie über das Bild gelegt wird? Aber wer macht das denn? Die kann ich doch ein Grad nach links oder ein Grad nach rechts drehen. Nein, nein, das ist eine Entscheidung, die muss das Schiedsrichter-Team treffen. Was da gerade in Holland getestet wird, halte ich für fatal.

Dort experimentiert man schon länger in einigen Ligen mit einem Videoschiedsrichter.

Heynemann: Und es ist ja bekannt, dass es dafür in Andreas Rettig auch bei uns in der Liga Befürworter gibt. Ich sage, dann brauchen wir keine Schiedsrichter mehr, dann machen wir uns lächerlich. Auch der Mann, der da draußen sitzt, kann nicht alles entscheiden!

Wie haben Sie 2014 die Übergriffe der Trainer gesehen? Besonders im Gedächtnis geblieben ist die Aktion von Pep Guardiola, als er der vierten Offiziellen Bibiana Steinhaus an der Seitenlinie den Arm auf die Schulter legte.

Heynemann: Ich denke nach wie vor daran, wie Jürgen Klopp schon im Vorjahr in Neapel ausgerastet ist. Allein für die Mimik hätte er drei Jahre Strafe ohne Verhandlung bekommen müssen (lacht). Wenn man das als Maßstab nimmt, ist in der Liga nichts Schlimmes passiert. Das Verhalten der Trainer hat sich beruhigt, obwohl mir viele sagen, dass die Art und Weise der Offiziellen manchmal nicht dazu angetan ist, die Situation zu beruhigen – sondern das Ganze eher aufzubauschen. Man muss also auch die Rolle der vierten Offiziellen genau analysieren. Bei Pep Guardiola war es spaßig gemeint, weniger provozierend.

Und Frau Steinhaus hat die Situation sehr gut gehandhabt. Sollten vielleicht generell mehr Frauen an dieser Stelle eingesetzt werden? Sind sie in der Lage, Konflikte besser zu lösen?

Heynemann: Nein, da würde ich nicht in Richtung Bundesregierung und Frauenquote gehen. Es steht ja noch immer die Entscheidung aus, ob sie in der 1. Liga pfeifen soll oder nicht. Ich bin da auch nicht so ganz überzeugt, dass sie die Rolle gut ausfüllen würde, auch wenn sie in der 2. Liga gute Kritiken bekommt. Aber ob es für die Spitze reicht, ich weiß es nicht…

Versuchen wir einen Ausblick zu geben: Stehen für dieses Jahr Änderungen im Regelwerk auf der Agenda?

Heynemann: Bis jetzt ist nichts bekannt. Es wird aber immer noch versucht, die Problematik mit der Doppelbestrafung bei der obersten Regelbehörde anzubringen. Man möchte abschaffen, dass eine Mannschaft nach einer Notbremse eine Rote Karte und einen Strafstoß gegen sich bekommt. Das International Board tagt im März – etwas Revolutionäres wird aber wohl nicht auf den Tisch kommen.

Was wäre das für Sie?

Heynemann: Dass man den Rückpass auf den Torwart generell verbieten würde. So, wie wir das zum Beispiel vom Handball kennen. Das würde das Spiel noch interessanter machen. Aber da sind wir weit von entfernt.

Bekommt man es noch hin, die leidige Problematik rund ums Handspiel endgültig zu klären?

Heynemann: Nein. Das wird immer im Ermessensspielraum des Schiedsrichters bleiben. Es gibt keine DIN-Norm. Und auch hier gilt: Es würde kein Supervisor von außen helfen.

Zurück zum Anfang: Mit Torrichtern haben Sie es nicht so, stimmt das?

Heynemann: Nein. Das ist ja dieser ewige Streit zwischen Platini und Blatter. Der Herr Blatter setzt auf die Technik, Platini meint, der menschliche Faktor solle bleiben. Ich finde: Wenn man Torrichter installiert, muss man vier haben, nicht nur zwei. Und da, wo die jetzt stehen, nämlich auf der Seite des Assistenten, sind sie völlig deplatziert. Da guckt der Assistent seinem Kollegen auf den Rücken. Außerdem haben wir sehr viele Spiele gesehen, in denen die Torrichter nichts erkannt oder nicht angezeigt haben. Daher ist es Quatsch mit den Torrichtern. Und wenn das so weitergeht…

…was ist dann?

Heynemann: Dann brauchen wir bald einen weiteren Busparkplatz an den Stadien. Denn: Ein Schiedsrichter und zwei Linienrichter, zwei Torrichter, der vierte Offizielle, ein Ersatzschiedsrichter, ein Masseur, einen für die Funktechnik und ein Betreuer, das sind schon zehn Leute. Da brauchen die einen Bus.

Interview: Michael Knippenkötter

Mit Zeitlupe im Ü-Wagen

Macht er den Fußball kaputt oder ist er seine letzte Rettung? Der Videobeweis wird in Deutschland extrem kontrovers betrachtet. Es gibt Experten und Funktionäre mit einer generellen Haltung, nach kritischen Szenen kommen zudem immer wieder teils emotional geführte Diskussionen auf. In anderen Ligen ist man da schon weiter.

Sowohl in England als auch in Holland steht man dem Videobeweis sehr aufgeschlossen gegenüber, die jeweiligen Fußballverbände lassen bereits diverse Möglichkeiten testen. So zum Beispiel der ­KNVB in den Niederlanden. Vergangene Saison verfolgten in 24 Spielen (22 davon in der Eliteliga) „Extra-Schiedsrichter“ in einem Übertragungswagen vor den Stadiontoren die Partien am Monitor. Sie legten dabei besonderen Augenmerk auf enge Spielszenen, etwa bei Abseits-, Handspiel- oder Foulsituationen. Dazu hatten sie die Möglichkeit, über Funk die Gespräche der Schiedsrichter auf dem Feld mitzuhören. Hinweise durften die Videoschiedsrichter nicht geben, das soll nun im kommenden Jahr bei Spielen im Pokal und Jugendligen erfolgen. Das Pilotprojekt kostet rund 500 000 Euro, die FIFA steht dem Vorhaben sehr offen gegenüber. Vor allem Präsident Sepp Blatter ist ein Befürworter der Technik, er hatte bereits die Einführung der Torlinientechnologie vorangetrieben.

Auch in Deutschland gibt es einen prominenten Unterstützer für den Videobeweis: DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig. Ihm ist vor allem wichtig, dass der Unparteiische auf dem Platz auch mit Zeitlupen-Unterstützung „Herr des Verfahrens“ bleibt. Bedeutet: Er würde nach wie vor die Entscheidungsgewalt haben, es würde somit kein Oberschiedsrichter, sondern lediglich ein Videoassistent eingeführt werden.

mic

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