"Der Markt wird überschwemmt"

Zwei Berater packen aus: So hart ist das Geschäft mit Talenten

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Objekte der Begierde: Talente aus der UEFA Youth League haben praktisch alle seit Jahren Berater.

München - Keinen einfachen Job haben Berater von Fußballspielern. Berthold Nickl und Dietmar Kohli geben Einblicke in das harte Geschäft um junge Talente.

Es gibt Berufe, die sicher besser beleumundet sind als der des Spielerberaters. Da machen Geschichten die Runde von geldgeilen Männern, die mit unhaltbaren Versprechungen schon neun-, zehnjährigen Fußballern und vor allem deren Eltern den Kopf verdrehen, die Talente sammeln wie andere Leute Briefmarken. In der Hoffnung, zumindest eines dieser vielen Kinder werde irgendwann die große Rendite abwerfen, schließlich kursieren im Fußball-Business inzwischen Summen, die für Normalbürger nicht mehr nachvollziehbar, fast schon unmoralisch sind. Und davon wollen viele profitieren, auch manch zwielichtige Gestalten, die sich Berater nennen, aber keinerlei Qualifikation für diesen Job besitzen.

„Der Markt wird überschwemmt“, hat Dietmar Kohli festgestellt, Berthold Nickl spürt zunehmende Hektik in der Branche, spricht von einer „gewissen Aufgeregtheit“, weshalb der Kampf um die Talente immer härter werde und sich immer weiter nach unten verlagere. „Wer aber ehrlich ist, kann und darf wenig versprechen,“ schreibt Nickl jenen ins Stammbuch, die schon bei Kindern von der großen Karriere schwafeln. 

Kohli: Qualität wird sich durchsetzen

Kohli und Nickl gehören selbst diesem Berufszweig an, sehen durchaus gefährliche Tendenzen, „Kollegenschelte“ aber wolle er nicht betreiben, sagt Nickl. Seit sich Berater nicht mehr vom DFB lizenzieren lassen müssen (siehe unten), entstehen viele Startups, Kohli aber glaubt an die „Kraft der Selbstregulierung“ und ist überzeugt, dass sich am Ende „Qualität durchsetzen“ werde.

Denn eigentlich ist Beratung im Fußballbusiness eine immens wichtige Aufgabe, nicht nur für die Top-Verdiener der Branche, sondern gerade für die, die hart um gute Verträge kämpfen müssen. Und vor allem auch für aufstrebende Talente. Das Fußballgeschäft ist ein Haifischbecken, die Verunsicherung meist groß bei Eltern, wenn erste Anfragen aus Nachwuchsleistungszentren kommen. Was ist der richtige, der bessere Weg für das Kind, was ist zu beachten, wie lässt sich die höhere Belastung noch mit Schule und Ausbildung verbinden, was erwartet sie im Großverein?

Berthold Nickl betreut bei PRO profil, einer der großen Agenturen, derzeit rund 50 Klienten, vom Jugendspieler bis zum Bundesligaprofi. Ob 15-, 16-Jährige schon einen Berater brauchen? „Im Normalfall nicht“, sagt Nickl, schränkt allerdings ein: „Wenn Eltern klar und vernünftig sind.“ Wirklich sinnvoll hält er Beratung erst ab 16, inzwischen aber würden ihm „schon 13-Jährige zur Beratung angeboten“, die aber sieht Nickl lieber auf dem Bolzplatz oder beim Baumhaus-Bauen: „Werden einem Kind zu früh professionelle Strukturen übergestülpt, nimmt man ihm die Unbekümmertheit.“ Und er mahnt zu Geduld: „Auch kleinere Vereine machen gute Arbeit.“ 

Nickl will junge Menschen auf ihrem Weg begleiten

Beratung sollte behutsam beginnen, Nickl spricht von einer „subsidiären Struktur“. Der Berater müsse also nur dann regulierend und helfend eingreifen, wenn Spieler, Familie oder auch Verein Unterstützungsbedarf haben. Oft entstünden Probleme ja gerade in der Kommunikation mit dem Verein, „sitzt ein Spieler auf der Bank, müssen es ja nicht unbedingt Leistungsgründe sein, vielleicht will der Trainer nur die Belastung anders steuern. Ein guter Berater ist dann Moderator, wirkt ausgleichend.“ Und nimmt unbegründete Ängste: „Eine externe Rückmeldung kann durchaus hilfreich sein.“

Nickl war selbst nie Fußballer, „ich habe zwei linke Füße und zehn große Zehen“, Talent aber will er trotzdem erkennen können: „Der Fußball ist multidimensional, wichtig sind ja auch persönliche Eigenschaften wie Siegeswille, Demut, Frustrationstoleranz, zunehmend auch Bildung.“ Nickl hat Philosophie studiert, Erziehungswissenschaften und „ein bisschen Theologie“, sein jetziger Job fasziniert ihn, weil er junge Menschen auf ihrem Weg begleiten kann, Jugendliche, die leistungsorientiert denken und etwas erreichen wollen. Der Fußball sei „ein Mittel zur Menschwerdung“, auch die, die später gerne „zu Unrecht als gescheitert bezeichnet werden“, könnten viel für ihr Leben mitnehmen.

Sofern sie auf den Berater hören, der ihnen immer wieder sagt, wie wichtig der „höchstmögliche Schulabschluss“ ist. Auch Dietmar Kohli tut das, im Gegensatz zu Nickl kommt er aus dem Fußball, hat selbst höherklassig gespielt, war dann Trainer, Jugendkoordinator, später auch Scout für den FC Bayern. Kohli ist ein Einzelkämpfer, hat sich in den letzten Jahren eine florierende Agentur am Wörthsee aufgebaut. „Mit ehrlicher Arbeit, nicht mit Versprechungen“, wie er betont. Qualität statt Quantität lautet seine Prämisse, sein Stamm besteht gerade mal aus 15 Klienten, Kohli zählt nicht zu den Sammlern, die bei DFB-Lehrgängen „die Jungs regelrecht verfolgen und massiv bedrängen“, wie Frank Engel, der sportliche Nachwuchsleiter beim DFB, kürzlich monierte. Bei Kohli läuft es so: „Die Leute kommen auf mich zu, weil sich gute Betreuung herumspricht.“ 

Plan B, weil es nicht jeder schaffen kann

Kohli nimmt, wie auch Nickl, nicht jeden Spieler, beide schauen sie genau auf das persönliche Umfeld. „Die Eltern und ich müssen eine Sprache sprechen“, betont Kohli, „Berufsausbildung und Schule haben absolute Priorität. Wenn Eltern das anders sehen, lasse ich lieber die Finger davon.“ Mit jedem einzelnen Klienten müsse man auch den Plan B entwickeln, „in der Regionalliga oder 3. Liga wird keiner reich“, also sei ein zweites Standbein unabdingbar. „Man muss einen jungen Spieler auch auf ein mögliches Scheitern vorbereiten, immer ehrlich mit und zu ihm sein.“

Und ihm, wenn nötig, auch mal raten, einen Umweg zu gehen: „Ein 17-jähriges Toptalent muss nicht unbedingt zu einem Topverein, beim FC Bayern ist es schwierig geworden, den Weg nach oben zu finden.“ Kohli nennt als Beispiel Janik Haberer, der bei der SpVgg Unterhaching zum U20-Nationalspieler, dann von Hoffenheim verpflichtet und nun mit 21 beim VfL Bochum zum Stammspieler wurde. Oder Thomas Hagn. Bei den Bayern auf dem Abstellgleis folgte er zwar Kohlis Rat, nach Haching zu gehen, auch wenn er es „zunächst eher als Abstieg“ sah. Dort aber bekam er schon als A-Junior Einsätze in der 3. Liga, später in der U20-Nationalelf. Inzwischen hat er einen Vertrag beim VfB Stuttgart und wird dort, ist Kohli überzeugt, „seinen Weg gehen“.

„Die lineare Karriere gibt es selten“, weiß Berhold Nickl, man dürfe auch mal fallen, „wenn man dadurch wachgerüttelt wird“. Und die nötige Unterstützung hat. Durch die Familie, durch Freunde und einen Berater, der mit einem guten Netzwerk Hilfe auch in schwierigen Lebenslagen bieten kann, sportlich, schulisch, medizinisch, persönlich. Und vor allem „Vertrauen aufgebaut hat“, so Kohli. Der Spieler müsse spüren, dass es bei der Betreuung um ihn geht, nicht um Geld. Dietmar Kohli bindet Klienten nicht mit Verträgen, es gibt nur mündliche Absprachen. Verdienen kann der Berater erst, wenn sein Spieler von einem Profiverein verpflichtet wird, dann stünden ihm „ein paar Prozent des Jahres-Grundeinkommens“ als Honorar zu, das aber nicht der Spieler bezahlt. 

"Schwarze Schafe gibt es in allen Berufen"

Dass es schon bei Nachwuchsleuten um recht hohe Gehälter geht, hält Nickl für durchaus legitim: „Man muss ja sehen, die Lebensarbeitszeit eines Profis beträgt durchschnittlich gerade mal neun bis elf Jahre, in der Zeit muss er annährend das verdienen, was gewöhnliche Arbeitnehmer in 40 bis 45 Jahren kriegen.“ Also ein normales Monatsgehalt multipliziert mit dem Faktor 4,2.

Weil das ganz große Geld nur ganz wenige bekommen, die meisten jungen Fußballer und vor allem deren Eltern aber davon träumen, sind qualifizierte und verantwortungsvolle Berater so wichtig, auch als Kontrapunkt zu den Windhunden der Branche. Wer aber gehört zu welcher Kategorie? Jeder Spielerberater wird versuchen, sich deutlich abzugrenzen von den „schwarzen Schafen“, die es „aber in allen Berufen gibt“, wie Kohli betont. „Unser Image wird schlechter gemacht als es ist.“

Kohli weiß aber auch, dass die Verlockungen groß sind. Ob er bei einem Vereinswechsel eines Klienten das finanziell bessere oder das sportlich sinnvollere Angebot wählen würde? „Schwierig“, sagt er, „wird es, wenn man in England das Dreifache verdienen könnte, Verstand und Gefühl aber sagen, jetzt lieber noch nicht.“ Letzten Endes aber entscheide ohnehin der Spieler. Da ist dann sogar der beste Berater machtlos. Und der geldgierigste auch. 

Und viele wollen ein Stück vom großen Kuchen

Ob Robert Schwan damals ahnte, welche Lawine er losgetreten hat? Schwan ist so etwas wie der Erfinder der Spielerberatung, zumindest in Deutschland. 1964 hat er begonnen, sich professionell um die Belange des jungen Franz Beckenbauer zu kümmern. Inzwischen gibt es kaum mehr Spieler ohne Berater, 625 sind laut transfermarkt.de offiziell beim DFB registriert, die Anzahl derer, die ohne Lizenz in dieser Branche mitmischen, soll bei deutlich mehr als 1000 liegen. Und es werden immer mehr, nachdem seit dem 1. April 2015 keine Prüfung von Eignung und Kenntnissen, sondern nur mehr ein eintragsfreies polizeiliches Führungszeugnis notwendig ist, um sich Spielerberater nennen zu dürfen. Ein lukrativer Job, allein in der Saison 2013/14 wurden von deutschen Vereinen mehr als 100 Millionen Euro an Vermittlungs-Honoraren bezahlt.

„Wir hätten uns gewünscht, dass eine Kenntnisprüfung grundsätzlich erhalten bleibt und Fortbildungspflichten eingeführt werden“, kritisierte Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV, gegenüber ZDFsport.de die Liberalisierung. „Nun werden viele Glücksritter kommen und versuchen, schnelles Geld zu machen. Das wird auch dem Berufsbild des Spielervermittlers schaden.“

Denn grundsätzlich ist die Betreuung und Beratung von Sportlern eine wichtige und ehrenwerte Aufgabe, wenn sie verantwortungsvoll ausgeführt wird. Dabei geht es, gerade bei jugendlichen Fußballern, ja nicht in erster Linie um die möglichst lukrative Vermittlung zu einem Verein, sondern um Unterstützung bei Karriereplanung und Karriereweg. Ein guter Spielerberater kümmert sich auch um die bestmögliche Verbindung von Schule und Sport, hilft bei der medizinischen Versorgung und Rehabilitation nach Verletzungen, später in Rechts- und Steuerfragen, bei Marketing und Altersversorgung.

Ein dichtes Netzwerk ist die Voraussetzung, um im Sinne des Klienten bestmöglich arbeiten zu können. Berthold Nickl von PRO Profil berichtet von sportmedizinischen Kolloquien, die seine Agentur zweimal jährlich organisiere, wodurch auch enge Verbindungen zu Experten geknüpft würden: „Wir stellen Kontakte her“, zu Fachleuten, Fachunternehmen, zu Ernährungsberatern und, sollte es nichts werden mit der Fußballkarriere, zu potentiellen Ausbildungsstätten und Arbeitgebern.

Das alles aber bieten auch die großen Vereine wie der FC Bayern: „Wer hier spielt, braucht keine Beratung von außen“, so Werner Kern, früherer Nachwuchschef des deutschen Rekordmeisters. „Eine Jugendabteilung hat die Pflicht und Schuldigkeit, den jungen Leuten den richtigen Weg zu weisen. Da frage ich mich, was da noch ein Berater soll.“ Würden alle so denken und auch danach handeln, wären sie vielleicht wirklich überflüssig. 

Kampf um Talente

Der Kampf um Talente nimmt immer krassere Formen an. In Berlin, einem besonders umkämpften Markt, häufen sich die Fälle von D-Junioren (Elf- bis Zwölfjährige), die schon einen Berater haben. Je früher man ein Talent ködert, umso größer die Chance, dass man später bei erfolgreichem Verlauf der Karriere mitverdient. Selbst wenn es ein Spieler nur in die Zweite Liga schafft, kann die Vermittlung für den Agenten mehrere zehntausend Euro bringen. In den meisten Fällen aber lohnt sich die Investition nicht: Wenn die Entwicklung ins Stocken gerät, Verletzungen dazwischenkommen oder aber der Klient vor dem ersten Profivertrag den Berater wechselt. Mit 18 nämlich enden alle Verträge, die vor Eintritt in die Volljährigkeit abgeschlossen wurden. 

PRO profil

Die Agentur PRO profil, in der Berthold Nickl beschäftigt ist, wurde 1995 gegründet und hat sich in den vergangenen Jahren zu einem beachteten Unternehmen im deutschen Fußball entwickelt. Inhaber und Kopf der Agentur ist der frühere Bundesligaprofi und ehemalige Nationalspieler Thomas Kroth. Der langjährige Spielerberater betreut gemeinsam mit einem Spezialisten-Team seit vielen Jahren Fußball-Profis im In- und Ausland, so die Nationalspieler Manuel Neuer und Kevin Volland. Regional vertreten ist die Agentur in Hamburg, München, Frankfurt, Berlin und Dortmund durch Regionalbüros; internationale Niederlassungen bestehen in Japan und England. Nickl war davor bis 2004 als Pädagoge im Nachwuchsbereich des TSV 1860 München tätig. 

Sportagentur Kohli

Dietmar Kohli, Gründer und Inhaber der Sportagentur Kohli, war als Fußballer unter anderem für den SC Pfullendorf in der Oberliga Baden-Württemberg aktiv, schlug dann die Trainerlaufbahn ein und erwarb die A-Lizenz. Als langjähriger Scout von Bayern München hat er einen besonderen Blick für Talente und das Know-how, junge Fußballer und etablierte Profis individuell zu fördern. Auch als Karrieremanager von Deutschlands Formel 1-Newcomer Pascal Wehrlein verfügt Kohli über ein dichtes Netzwerk mit engen Kontakten in Unternehmen und Wirtschaft. Die Agentur hat ihren Sitz in Wörthsee, sein wertvollster Fußballer ist Österreichs Nationalspieler Andreas Ivanschitz.

Die Jugendsportseite erscheint alle drei Wochen am Freitag im Münchner Merkur. Autor ist Reinhard Hübner, für Tipps, Infos und Anregungen erreichbar unter 08031/42657 oder Huebner-Rosenheim@t-online.de

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