Extrawurst für König Fußball

Das Theater um den Bundesliga-Neustart: Unsere Analyse zum Wirtschaftsmotor Profifußball

Die Kritik an der Bundesliga bleibt laut – doch der Profi-Fußball in Deutschland wird plangemäß am Wochenende wieder den Betrieb aufnehmen. Dabei besteht er nicht nur aus verwöhnten Millionären.

  • Die deutschen Fußball-Profiligen nehmen trotz Corona wieder ihren Betrieb auf.
  • Die Kritik an Politik und DFL reißt nicht ab - es geht jedoch nicht nur um Jung-Millionäre.
  • Die Bundesliga hat auch in der inländischen Volkswirtschaft einen hohen Stellenwert.

Panem et circenses. Zu deutsch: Brot und Spiele. Dieser Ausdruck stammt vom römischen Dichter Juvenal und beschreibt die Grundbedürfnisse eines von politischen Interessen befreiten Volkes zur Zeit des Römischen Reiches um Christi Geburt, das lediglich einen vollen Bauch und jede Menge Blut in den Arenen begehrte. 

Bundesliga trotz Corona: Grundkonflikt um die Sonderrolle des Fußballs

Zwei Jahrtausende später rollen statt Köpfe nunmehr nur noch Bälle in den Stadien, der Grundkonflikt rund um die Sonderrolle der Unterhaltungsbranche jedoch bleibt. Insbesondere jetzt, wo Angela Merkel, sozusagen der moderne Cäsar, den Daumen mit Blick auf die Wiederaufnahme der 1. und 2. Fußball-Bundesliga trotz der kontemporären Pest namens Coronavirus* gehoben hat, fühlen sich Teile der Plebs hinters Licht geführt. Der Unterschied zu Rom: Die Kritiker sind heute mehr. Und lauter.

Hinspiel FC Bayern München gegen FC Union Berlin, Alphonso Davies und Marcus Ingvartsen.

Sie stammen sogar aus den eigenen Reihen. Laura Dahlmeier, Weltklasse-Biathletin und somit ebenfalls Profisportlerin a. D., beklagt in der Entscheidung für eine Rückkehr der Bundesligen eine Extrawurst für den Profifußball. Sie sagt: „Ob das jetzt pervers oder typisch Fußball* ist, ist schwer zu beurteilen.“ Und weiter: „Fußball steht über allem. Aus meiner Sicht wäre es gut, wenn man noch ein bisschen warten würde, es muss ja jetzt nicht sofort gespielt werden.“ 

Der Speerwerfer Johannes Vetter sieht das ähnlich. „Wenn dem wirklich so ist, dann verkauft der Staat die Gesundheit des Volkes und der leidenden Menschen an den Fußball. Das ist pervers.“ Dahlmeier plädiert für eine sportliche Gleichberechtigung, schließlich sei es schwer zu argumentieren, dass „kleine Jungs nicht kicken dürfen, aber im Fernsehen kann man wieder Bundesliga anschauen“.

26. Bundesliga-Spieltag: Wirtschaftsfaktor mit über 56.000 Beschäftigten

Der Anteil an der deutschen Bevölkerung, der beim Lesen von Dahlmeiers Ausführungen zustimmend nickt, ist nicht gering. Laut einer Umfrage von infratest dimap für den ARD-DeutschlandTrend sind 50 Prozent der Befragten gegen eine Fortsetzung der Bundesligen. Der Grat, auf dem sich die Profifußballer ab kommenden Samstag bewegen, ist in der Tat ein schmaler – wenngleich auch berechtigter. Denn im Gegensatz zu den von Dahlmeier zitierten Jungs auf den Bolzplätzen der Bundesrepublik haben Robert Lewandowski & Co. tatsächlich eine übergeordnete Rolle für die inländische Volkswirtschaft. „Der deutsche Profifußball ist mit einem Umsatzvolumen von fünf Milliarden Euro und über 56.000 Beschäftigten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor“, erklärt Dr. Peter Rohlmann, promovierter Gründer des Beratungsbüros PR-Marketing. Zum Vergleich: Der Anteil des Profifußballs am deutschen Bruttoinlandsprodukt beträgt 0,3 Prozent – und damit mehr als beispielsweise der zivilen Luftfahrt oder der Textilindustrie.

Brot und Spiele: Das Amphitheater in Pula in Kroatien. Einst kämpften Gladiatoren, jetzt Fußballer (bei einem Freundschaftsspiel).

System Profifußball und sein „Rattenschwanz“: Für viele überlebensnotwendig

Diese Zahlen allein weisen dem Profifußball bereits eine privilegierte Stellung innerhalb der Gesellschaft zu, sie treffen allerdings nicht den Kern des Konflikts. Es geht um das trügerische Bild, das Salomon Kalou und Konsorten als Repräsentanten des Sektors entsenden. Transfers für über 200 Millionen Euro oder mit Gehaltszetteln* wedelnde Jung-Millionäre führen zur Entfremdung. So manch einer fragt sich: Warum billigt die Politik eine Sonderbehandlung für diejenigen, die ohnehin schon am meisten haben? Ein weiterer Trugschluss, denn: Von dem Erwirtschafteten profitieren direkt am System Profifußball* Beteiligte wie Spieler, Klubs oder Verbände laut einer McKinsey-Studie nur zu einem Viertel. Von den übrigen drei Vierteln, die sich immerhin auf rund acht Milliarden Euro belaufen, begünstigen sich indirekt Beteiligte wie beispielsweise Zulieferer, Lizenznehmer oder auch das Restaurant um die Ecke. Der Profifußball ist auch für sie überlebensnotwendig.

Für sie und die Klubs auch. Statt Extrawurst sollte daher vielmehr von Gleichberechtigung die Rede sein; für eine viele Tausende Personen umfassende Branche, die – so wie beispielsweise der gastronomische Sektor ab kommenden Montag auch – unter Vorlage eines strengen Hygienekonzepts den Schritt zurück zu wirtschaftlicher Tätigkeit wagt. Zu Spielen, die für Deutschland gleichzeitig Brot sind.

José Carlos Menzel López

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