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Seid ihr alle vollkommen geisteskrank? Kommentar zum neuen Trend „Platzsturm“

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Von: Alexander Kaindl

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Platzstürme gehören inzwischen offenbar zum Fußballstadion wie Bratwurst und Bier. Eine traurige Entwicklung, wie tz.de-Redakteur Alexander Kaindl kommentiert.

München - Für uns Fußball-Fans ist das die beste Zeit im Jahr. Jetzt, Mitte Mai, werden die Tage länger und wärmer. Und vor allem: spannender. Denn in diesen Wochen fallen die Entscheidungen auf den Plätzen dieser Welt. Sämtliche nationale Ligen haben ihre Saison bereits beendet oder stehen kurz davor. Es soll sogar Länder geben, in denen es in den vergangenen zehn Jahren unterschiedliche Meister gegeben hat und das Titel-Rennen tatsächlich aufregend ist! In Deutschland sind wir anderes gewohnt.

Darüber hinaus kommt es in nationalen und internationalen Pokalwettbewerben zu den großen Endspielen, was sehnen wir uns nach den elenden Jahren der Pandemie und den damit verbundenen Geisterspielen nach unvergesslichen Abenden im Europacup! Und der Mai liefert natürlich auch noch die Entscheidungen über Auf- und Abstiege - in Deutschland, zumindest da sind wir gesegnet, gab es in der 2. Liga ein dramatisches Finish. Ganz zu schweigen von sämtlichen Amateurligen, in denen jetzt ebenfalls die letzten Spiele anstehen. Kurzum: so macht das Spaß!

Platzstürme in der Bundesliga: Trend wird immer heftiger

Wären da nicht diese garstigen Platzstürme der Moderne. Was ist da denn plötzlich los? Jonas Hector war nach der Pleite seiner Kölner gegen Wolfsburg einfach nur angepisst, wollte am Boden sitzen und sich über die Niederlage ärgern. Dafür hatte er aber keine Zeit, denn die Meute kam schon angewalzt: Tausende Fans stürmten auf den Rasen, um - wohl gemerkt nach einem 0:1 - den Einzug in den Europapokal - wohl gemerkt die Conference League - zu feiern.

Dabei waren die Szenen von Köln am 33. Spieltag gar nicht die, die einen fassungslos zurücklassen. Viel eher sind es die Platzstürme in Gelsenkirchen, Bremen und Nürnberg die Kopfschütteln nach sich ziehen. Natürlich: Aufstieg, Emotionen, Feiern, Party, alles richtig geil - aber seid ihr alle vollkommen geisteskrank? Beim S04-Erfolg über St. Pauli wurden mehrere Menschen verletzt, ein königsblauer Fan sagte im Anschluss sogar: „Es war pures Chaos. Ich wurde eingequetscht und bekam keine Luft mehr. Ich hatte große Angst, dass ich sterbe.“ Auch beim Platzsturm in Bremen gab es Verletzte, einige mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Offenbar der völlig normale, neue Wahnsinn: Platzstürme, wie hier in Gelsenkirchen, sind inzwischen fast schon an der Tagesordnung.
Offenbar der völlig normale, neue Wahnsinn: Platzstürme, wie hier in Gelsenkirchen, sind inzwischen fast schon an der Tagesordnung. © Moritz Müller / Imago

Bundesliga: Gefährliche Platzstürme - Verletzte und eine sexuelle Belästigung

Als die Schalker dann eine Woche später in Nürnberg zu Gast waren, kam es wieder zu einem dieser elenden Platzstürme. Völlig sinnfrei, schließlich standen die Knappen ja schon zuvor als Aufsteiger fest. Beim neuerlichen Run auf den Rasen kam es dann sogar zu einem sexuellen Übergriff - unfassbar! Auf Twitter machte das mutmaßliche Opfer die Tat öffentlich. In dem Fan-Gemenge habe ein Unbekannter ihr zunächst an den Hintern und dann zwischen die Beine gegriffen. Letztlich soll der Angreifer sogar versucht haben, ihr das Trikot aus der Hose zu ziehen, um darunter greifen zu können, wie die Frau auf Twitter beschreibt. Geht‘s eigentlich noch?

War das früher auch schon so? Oder hat Corona die Fußball-Fans noch abgestumpfter, noch roher gemacht? Diese ganze Zeit des Verzichts, Eingesperrtseins, die Phase der Geisterspiele - holen sich die Anhänger jetzt doppelt und dreifach zurück, was sie so lange vermisst haben? Platzstürme gab es natürlich auch schon vorher, sie gehörten zum Saisonfinale schon immer dazu. Der entscheidende Unterschied: Sie waren spontan, aus der puren Freude heraus. Selten schienen sie so programmiert, vorhersehbar, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Gespür für das Besondere zu sein wie aktuell. Man bekommt unweigerlich den Eindruck, dass die Fans glauben, sie hätten ein Recht darauf, den Rasen herauszureißen, die Tornetze zu zerschneiden und sogar das Tor abzubauen und mit nach Hause zu nehmen! Ihr habt sie doch nicht mehr alle.

Platzsturm im Fußballstadion: Auch in anderen Ländern gibt es massive Probleme

Natürlich haben alle in dieser Pandemie gelitten und natürlich sind wir alle froh, wieder ins Stadion zu dürfen. Aber das Stadioninnere ist kein rechtsfreier Raum - genauso wenig wie das Internet. Das scheinen viele Menschen aber nach wie vor nicht begriffen zu haben.

Ist diese ganze Chose ein deutsches Problem? Mitnichten! Es geht noch krasser, sehr viel krasser sogar. In England stehen aktuell die Championship Playoffs an, es geht um den Aufstieg in die Premier League. Ein Platz in der wohl besten Liga der Welt ist unglaublich lukrativ, es geht um Hunderte Millionen. Das letzte Ticket für diesen elitären Kreis wird im legendären „richest game of football“ vergeben - dem Playoff-Finale im Wembley Stadium. Geschätzt bringt ein Sieg in diesem Spiel 470 Millionen Euro, weil man eben in der neuen Saison in der Premier League spielt und durch TV-Gelder, Sponsorings, Merchandising und viele andere Bereiche horrende Summen einnimmt.

Playoffs in England: Nottingham-Fan knockt Sheffield-Legende aus

In diesem Spiel stehen sich am 29. Mai nun Huddersfield Town und Nottingham Forest gegenüber. Nottingham hatte sich am Dienstagabend auf dramatische Weise im Halbfinal-Rückspiel gegen Sheffield United durchgesetzt. Der eine Traditionsklub besiegte den anderen im Elfmeterschießen. Und was kam danach? Klar, der Platzsturm der Fans. Und, wie war dieser Platzsturm so? Nun ja - ein Nottingham-Anhänger lief auf Sheffield-Ikone Billy Sharp zu. Und streckte ihn mit einer Kopfnuss in unfassbarer Art und Weise einfach nieder! Im Internet kursiert ein Video der fürchterlichen Attacke.

Sharp ist eine Legende des englischen Fußballs, der beste Zweitliga-Torschütze aller Zeiten. Sozusagen der Simon Terodde von der Insel. Sharp ist Kapitän der Blades, wurde in Sheffield geboren, wird von den Fans wie ein Gott verehrt. Zumindest von den eigenen, denn die von Nottingham finden den Billy offenbar nicht so prickelnd (obwohl er 2012/13 mal an die Reds verliehen war und dort sogar ordentlich performte). Am Dienstagabend hatte Sharp verletzungsbedingt nicht gespielt, nach Abpfiff stand er einfach nur am Spielfeldrand - und ging dann blutend zu Boden.

Platzstürme im Fußballstadion: „An die Dümmsten und Lautesten erinnert man sich am längsten“

Sheffield-Trainer Paul Heckingbottom bezeichnete den Vorfall als „tätlichen Angriff“ und versprach, dass der Täter „zur Rechenschaft gezogen werde“. Nottingham Forest kündigte an, mit den zuständigen Behörden zusammenzuarbeiten, um den Täter ausfindig zu machen, der mit einem lebenslangen Stadionverbot belegt werden soll. 

Szenen wie diese lassen die vielen „normalen“ Fußball-Fans fassungslos zurück. Niemand wünscht sich leere Stadien, laue Stimmung oder fehlende Emotionen. Die Pandemie scheint aber als Katalysator für die Verrohung der Gesellschaft fungiert zu haben - und am Ende ist es im Stadion wohl so wie im echten Leben: An die Dümmsten und Lautesten erinnert man sich am längsten. Wetten, dass es bei den anstehenden Finals und Relegationen die nächsten Bewerber für diese Titel gibt? (akl)

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