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Schiri-Ikone Aytekin über den VAR: „Ich bin sehr dankbar für die Hilfe“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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„Ich lebe, was ich mache“: Deniz Aytekin (2. v.l.) musste lange an seinem Auftreten auf dem Platz arbeiten
„Ich lebe, was ich mache“: Deniz Aytekin (2. v.l.) musste lange an seinem Auftreten auf dem Platz arbeiten. © Laci Perenyi/Imago

Schiri zu sein ist nicht einfach: Bestimmte Entscheidungen machen viele Menschen wütend. Bundesliga-Referee Deniz Aytekin spricht über die Tücken - und warum er den Job liebt.

München – Deniz Aytekin gehört zu den beliebtesten Schiedsrichtern in der Bundesliga. Doch das war nicht immer so – anfangs hagelte es Kritik an seiner Spielführung. Seine Reise hat der 43-Jährige nun im Buch „Respekt ist alles. Was auf und neben dem Platz zählt“ (riva-Verlag) festgehalten. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Aytekin, der schonmal vor Tausenden von Menschen als DJ auflegt, über seine Leidenschaft für den Sport, Sprüche auf dem Platz und den VAR. 

Herr Aytekin, wie ist Ihre Leidenschaft für den Fußball entstanden?

Deniz Aytekin: Was mein Sohn aktuell an Möglichkeiten hat, ist ja irre. Uns hat es damals zum Fußball getrieben, wir haben jede freie Minute genutzt, um zu spielen. Ob auf dem Pausenhof, Feldern oder dem Sportplatz. In Malkara habe ich mir mit meinem besten Freund Tore selbst zusammengebastelt. Dadurch hat sich nach und nach eine Leidenschaft, eine Liebe für den Fußball entwickelt.

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Böse gefragt: Wenn man den Fußball liebt, warum wird man Schiedsrichter?

Aytekin: Manche Fans denken, man wird Schiedsrichter, weil man daheim nichts zu sagen hat – oder selbst kein Fußball spielen kann. Es gab damals einen Schiedsrichtermangel, ich wollte es einfach mal ausprobieren. Das Ganze hat mich dann schnell fasziniert, ich konnte mich für die verschiedenen Regeln begeistern.

Trotzdem haben Sie schon früh mit dem Gedanken gespielt, wieder aufzuhören als Schiedsrichter. Warum?

Aytekin: Die Ablehnung, die man oft erfährt, ist nicht einfach zu verarbeiten. Wenn du den Einzelnen siehst, der dich beleidigt, fragst du dich schon: Wie lange halte ich das aus? Man fühlt sich wie ein Fremdkörper, gehört nicht wirklich dazu.

Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Aytekin: Jeder Fehler beschäftigt uns. Die mediale Wucht ist oft nur schwer zu ertragen. Der eine ist da labiler, der andere kann besser damit umgehen. Die wichtigste Frage ist: Wieso ist der Fehler entstanden? Wenn du das für dich beantworten kannst, entsteht auch wieder ein innerer Frieden. Und man muss akzeptieren, dass nicht jede Situation lösbar ist. Ich habe darüber mal mit dem Hirnforscher Gerhard Roth einen Vortrag gehalten. Die Möglichkeiten von Menschen sind nun mal limitiert, die Wahrnehmung ist immer begrenzt.

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Wenn man am Wochenende meistens in den Stadien unterwegs ist, wirkt sich das vermutlich auch nicht immer positiv auf das Privatleben aus.

Aytekin: Meine erste Freundin hat mir gesagt: Du hast nur noch Fußball im Kopf. Die Beziehung ist irgendwann daran gescheitert. Während meine Freunde am Wochenende weggegangen sind, führt man selbst ein diszipliniertes Leben und bereitet sich auf das nächste Spiel vor. Mit meiner Tochter habe ich viele Momente verpasst. Es ist schon so, dass man als Schiedsrichter viel private Zeit opfern muss. Aber das geht ja jedem professionellen Sportler auch so.

Zu Beginn Ihrer Karriere mussten Sie sich viel Kritik über Ihr Auftreten während des Spiels anhören. Wie schwer war es, sich diesen Makel selbst einzugestehen?

Aytekin: Bei mir ist nie etwas einstudiert gewesen. Ich lebe, was ich mache. Damals war es die innere Unsicherheit, die mich behindert hat. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Diese Unruhe habe ich dann wohl auch nach außen getragen. Man muss sehr selbstkritisch sein, alles reflektieren. Es war ein sehr steiniger Weg, bis man sagen konnte: Bei mir ist eine Spielleitung in sicheren Händen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass man mit jedem Spieler unterschiedlich umgehen muss. Wie geht man beispielsweise mit einem redseligen Spieler wie Thomas Müller um?

Aytekin: Ich würde es nicht an einem einzelnen Spieler festmachen wollen. Man muss auf jede Spielerpersönlichkeit individuell eingehen. Aber wenn ein Spieler viel redet, rede ich auch viel. Wenn es viele Vorlagen gibt, gibt es halt auch viele Konter. Ich habe Hanno Balitsch einmal in der Halbzeit gefragt, ob es Wechsel in seiner Mannschaft gab. Da sagte er nur: „Wenn wir wechseln, wirst du auch nicht besser.“ Das fand ich super. Später kam er dann an und sagte zu mir, der Ball sei platt. Da habe ich gekontert: „Es ist ja auch das Wasser schuld, wenn die Ente nicht schwimmen kann.“ Solche Späße gehören dazu.

Auch mit verärgerten Vereinsoffiziellen müssen sich Schiedsrichter wie Deniz Aytekin öfter mal herumschlagen:

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Sie erleben die besten Fußballer aus nächster Nähe. Bleibt während eines Spieles auch mal Zeit, das alles zu genießen?

Aytekin: Wer diese Dankbarkeit nicht hat, liebt den Fußball vermutlich nicht. Man muss die Emotionen zulassen, das steht nicht im Widerspruch zur geforderten Objektivität. Natürlich sehe ich gerne tolle Tore, freue mich darüber. Wir Schiedsrichter lieben den Fußball auch, deswegen machen wir den Job. Man darf nur nie die Demut vor der Aufgabe verlieren.

Ein Streitthema ist weiter der VAR. Können Sie die Kritik, die von den Fans kommt, nachvollziehen?

Aytekin: Der VAR ist ja noch relativ neu. Man lernt von Spiel zu Spiel neu dazu. Es gibt ganz klare Parameter, wann eine Entscheidung eine klare Fehlentscheidung ist. Natürlich verstehe ich den Fan, der sich dann manchmal fragt: Wieso läuft der jetzt nicht raus und schaut es sich selbst an? Auch beim VAR ist es im Endeffekt ein Mensch, der die Entscheidungen trifft. Bis zu 24 Kameraperspektiven müssen innerhalb von Sekunden ausgewertet werden. Da können auch mal Fehler passieren. Insgesamt wird der Fußball aber fairer, grobe Fehlentscheidungen werden vermieden. Ich bin sehr dankbar für die Hilfe.

Auch die Altersgrenze hat für Wirbel gesorgt. Sie dürfen noch vier Jahre pfeifen, sind Sie traurig darüber?

Aytekin: Mein Leben besteht ja aus mehreren Säulen. Fußball ist nur ein Teil von mir und ich bin dankbar, dass ich auch andere Leidenschaften habe. Aktuell mache ich mir aber auch gar keine Gedanken, ob ich in vier Jahren traurig sein werde. Ich habe mich nach einer Verletzung zurückgekämpft. Daher genieße ich jedes Spiel. Ich bin ja damals auch nur in die Bundesliga gekommen, weil ältere Schiedsrichter ausgeschieden sind. Irgendwann kommt für jeden die Zeit. Wir haben so viele junge Talente, die nachkommen, und das ist gut so.

Erst kürzlich hat sich Schiedsrichter Deniz Aytekin nach einer Gelb-Roten Karte für den Dortmunder Mahmoud Dahoud gegen Vorwürfe zur Wehr gesetzt.

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