Klare Ansagen

„Es ist obszön“: Anti-Doping-Experte spricht über Schmerzmittel-Missbrauch im Fußball - und die Ursachen

Für viele Sportler  ist die Einnahme von Schmerzmitteln ein probates Mittel. Für die Gesundheit ist dies jedoch wenig förderlich
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Für viele Sportler  ist die Einnahme von Schmerzmitteln ein probates Mittel. Für die Gesundheit ist dies jedoch wenig förderlich.

Wieso greifen so viele Fußballer zu Schmerzmitteln, um sich fit zu machen? Wir haben uns mit einem Experten unterhalten - über den Medikamenten-Missbrauch und die Vorbildfunktion der Profis.

  • Eine ARD-Doku handelt über den fahrlässigen Umgang mit Schmerzmitteln im deutschen Fußball.
  • Wir haben uns mit einem Anti-Doping-Experten über die Gründe unterhalten - und Auswirkungen.
  • Die Praxis ist „gesellschaftlich akzeptiert“, dennoch drohen schwerwiegende Folgen.
  • Viele weitere Geschichten aus der Welt des Fußballs gibt es in unserer App.
Herr Prof. Sörgel, die ARD-Doku befasst sich mit dem Schmerzmittel-Einsatz im Fußball. Wie sehen Sie als Anti-Doping-Experte das?

Professor Fritz Sörgel: Im Sport generell spielen Schmerzmittel eine große Rolle, da kann man den Fußball allerdings nicht so extrem herausstellen. Es ist grundsätzlich aber nicht schlecht, das Thema Schmerzmittel immer wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Ich verbinde damit die Hoffnung, dass Amateursportler sich angesprochen fühlen und ihren Umgang mit Mitteln gegen Schmerzen hinterfragen.

Schmerzen im Fußball: Wie groß ist die Vorbildfunktion der Profis?

Schmerzmitteln sind auch im Amateurbereich verbreitet. Befeuern Profis diese Tatsache?

Sörgel: Die Idee, ein Mittel gegen Schmerzen zu nehmen, um Sport zu betreiben, hat es schon immer gegeben. Das hat nicht allein etwas damit zu tun, dass die Profis es den Amateuren vormachen. Aber wenn Profisportler sich so verhalten und anschließend ganz locker darüber sprechen, hat das natürlich einen zusätzlichen Effekt. Die Einnahme von Schmerzmitteln ist für Freizeitsportler einfach naheliegend – manche brauchen es schon bei schwerer Gartenarbeit (lacht). Ein großes Problem ist, dass zum Beispiel Ibuprofen viel zu günstig ist, 30 Tabletten zu 400 mg für 1,67 Euro am heutigen Tag. Das finde ich unmöglich, ich gehe noch weiter, es ist obszön.

Welche Folgen kann die regelmäßige Einnahme haben?

Sörgel: An erster Stelle drohen Nierenschäden. Und wenn die Niere ihre Funktion als Regulationsorgan nicht mehr wahrnehmen kann, dann ist die direkte Folge, dass der Blutdruck steigt. Außerdem nimmt durch die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln das Risiko von Herzproblemen zu. Bei den Opiaten drohen zudem Sucht und Schäden an der Leber.

Fußball spielen trotz Schmerzen: Gelten Medikamente als Doping?

Andere Experten sprechen davon, dass Schmerzmittel gesundheitsgefährdend und leistungssteigernd seien. Sie müssten damit als Doping gelten.

Sörgel: Leistungssteigernd sind Schmerzmittel eben nicht, sondern „leistungsermöglichend“. Diese beiden Begriffe muss man scharf trennen. Aber auch bei „leistungsermöglichenden“ Substanzen wäre womöglich das Anti-Doping-Gesetz betroffen, weil es dort neben der Gesundheit der Sportler auch um Betrug geht. Die Einnahme von Schmerzmitteln ist aber kein Dopingverhalten im ursprünglichen Sinn, sondern Arzneimissbrauch, also die Verwendung für nicht therapeutische Zwecke.

Prof. Fritz Sörgel ist Anti-Doping-Experte.
Wie hat sich die Sicht auf Schmerzmittel im Laufe der Jahre verändert?

Sörgel: Bei den Schmerzmitteln hat es im Laufe der Jahre nicht so viele neue Substanzen gegeben, klar ist aber, dass die Verwendung von Schmerzmitteln zugenommen hat – sowohl beim Profi-, als auch beim Amateursportler. Die Mentalität, auch im Freizeitsport etwas einzunehmen, hat sich deutlich geändert. Die Einnahme wird eben nicht für unanständig gehalten, ist a­uch nicht nach dem Anti-Doping-Gesetz illegal und quasi gesellschaftlich akzeptiert.

Interview: Jonas Austermann

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