Bundestrainer über Albträume

tz-Interview: Jogi Löw privat wie noch nie

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Brasilianisch ­lässig mit dem Handtuch um den Hals: Jogi Löw ist bereit für die WM.

München - Im großen tz-Gespräch erlaubt Bundestrainer Joachim Löw vor dem WM-Trainingslager einen Blick in seine Seele. Er spricht über Albträume, Drucksituationen und den Ball in seinem Bett.

Jetzt geht’s los! Am Mittwoch treffen sich die Nationalspieler in Südtirol. Im Trainingslager wird Joachim Löw seine Spieler fit für Brasilien machen. In den kommenden Wochen wird der Bundestrainer in der öffentlichen Wahrnehmung fast wichtiger sein als die Bundeskanzlerin. Wird Deutschland Weltmeister? Holt die Mannschaft den Pokal? Löw muss es richten. Was geht in dem 54-Jährigen jetzt vor? Im großen tz-Gespräch erlaubt Löw einen Blick in seine Seele. Er spricht über Albträume, Drucksituationen und den Ball in seinem Bett.

Es gibt Dinge, die vergisst man sein Leben lang nicht. Zum Beispiel die ersten Fußballschuhe. Können Sie sich noch an Ihr erstes Modell erinnern?

Joachim Löw: Ich glaube, das war das Modell „Uwe Seeler“, mit fünf oder sechs Jahren hatte ich die. Copa Mundial, mit Lederstollen. Die trage ich heute noch am liebsten, jetzt mit Nocken.

Haben Sie die auch nachts mit ins Bett genommen, damit sie niemand klaut?

Joachim Löw: Nein. Der Ball hatte für mich mehr Bedeutung. Ich weiß noch, dass ich den zwei Kilometer langen Weg von zu Hause zum Sportplatz mit Ball am Fuß zurückgelegt habe.

Dribbelnd zum Training...

Der Bundestrainer mit seinem Kapitän Philipp Lahm (l.)

Joachim Löw: Ja, genau. Den Ball habe ich mit ins Bett genommen, nicht die Schuhe. Der Ball musste immer an meiner Seite sein. Ich hab immer gegen die Hauswände gespielt, so halbhoch. Mal ist der Schuss auch schon mal abgerutscht, gegen die Fensterscheibe.

Und dann hat’s gescheppert.

Joachim Löw: Wir haben immer in unserem Hof gespielt. Angrenzend war eine große Schreinerei. Die hatten riesige Fensterfronten, die waren versetzt hinter dem Tor. Es gab nicht nur einmal eine zerbrochene Scheibe.

Haben Ihre Eltern das Fußballspielen unterstützt?

Joachim Löw: Mein Vater mehr als meine Mutter. Mein Vater war im Vereinsvorstand vom TuS Schönau und bei jedem Spiel auf dem Sportplatz. Er hatte für den Fußball mehr Verständnis. Meine Mutter hat dafür gesorgt, dass wir die Hausaufgaben machen. Aber das Kicken war für mich persönlich schon das zentrale Thema.

Und die Schule lief so nebenher?

Joachim Löw: Ich war in Mathe, Chemie und Physik nicht sonderlich begabt, andere Fächer haben mir da mehr Spaß gemacht.

Der Fußball stand also im Mittelpunkt. Und irgendwann haben Sie dann doch bestimmt auch mal einen Joint geraucht, oder?

Joachim Löw: Nein. Mit Drogen hatte ich nie Berührung.

Aber Sie werden doch mal in die Disco gegangen sein?

Joachim Löw: Eine Disco gab es in unserer Nähe nicht. Das war auch kein Thema, bevor du 18 warst. In Schönau gab’s vielleicht mal ein Kino. Aber ansonsten wenig Freizeitmöglichkeiten. Mit 17 bin ich nach Freiburg gegangen. Da wusste ich aber schon, dass ich Profi werden will.

Und haben auf Partys verzichtet?

Joachim Löw: Natürlich ordnet man dem Sport vieles unter. Mit 17 war das schon eine harte Zeit. Ich hab eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann gemacht, musste morgens um 6 Uhr aufstehen, war bis 17 Uhr im Betrieb. Von 18 bis 20 Uhr war dann Training. Gegen 21 Uhr bin ich erst heimgekommen. Da war alles sehr durchgetaktet.

Haben Sie etwas vermisst?

Joachim Löw: Nein, damals hatte ich nicht das Gefühl. Natürlich sind wir mit den Mitspielern mal nach dem Spiel weggegangen. Der Fußball war meine Leidenschaft. Aber nicht unter Zwang, sondern selbstverständlich. So ist es ja heute noch.

Ihre Zeit als junger Profi kann man mit der heutigen Generation nicht mehr vergleichen. Dennoch: Wie sehen Sie die Entwicklung?

Mit ­seiner Frau ­Daniela lebt er in Freiburg.

Joachim Löw: Die jungen Spieler haben ganz andere Ansprüche, da denke ich jetzt gar nicht ans Finanzielle. Sie erwarten ein hoch professionelles Umfeld, gute Plätze, gute Trainingsmöglichkeiten, Hotels, medizinische Betreuung. Manche Spieler beschäftigen neben einem Berater noch weitere Spezialisten, Osteopathen, Physiotherapeuten, und engagieren sie privat, damit sie sich optimal vorbereiten. Der psychische Druck ist viel größer geworden als früher. Sie stehen in einem besonderen Fokus, zehn Millionen schauen die Spiele, letztlich die ganze Weltöffentlichkeit. Das darf man nicht unterschätzen. Es gibt starke Extreme, mal werden Spieler in der Öffentlichkeit nach oben gehievt, dann werden sie fallen gelassen. Diese extremen Schwankungen gab’s früher weniger.

Kann dieser unglaubliche Druck krank machen?

Joachim Löw: Ich denke schon, dass einige darunter so leiden können, dass sie mit der Situation nicht umgehen können. Es gibt mehrere Beispiele von hoffnungsvollen Talenten, die dann einen anderen Weg einschlagen statt Karriere zu machen. Nicht alle haben psychische Probleme, aber viele junge Spieler brauchen Unterstützung, brauchen ein gutes Umfeld, um aufgefangen zu werden. Familie und Freunde haben da eine große Bedeutung.

Können Sie als Bundestrainer bei psychischem Druck helfen?

Joachim Löw: Ich bin ja auch nur phasenweise an den Spielern dran, für sie bin ich eine temporäre Führungskraft, in erster Linie sind die Spieler tagtäglich bei ihren Vereinen. Natürlich telefoniere ich oft mit den Spielern, auch wenn ich das Gefühl habe, dass ihn was bedrückt. Es kommt immer auch darauf an, in welchem Maße sich der Spieler öffnet, auch mir gegenüber.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu Sebastian Deisler, der unter Depressionen litt?

Joachim Löw: Ich sehe ihn hin und wieder in Freiburg. Sein Knie war ja völlig kaputt. Jetzt sehe ich ihn ab und zu wieder laufen oder auf dem Weg zum Fitness-Training. Darüber hinaus habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Es scheint ihm ganz gut zu gehen, ich wünsche ihm alles Gute.

Ihr ehemaliger Fußball-Kumpel Dietmar Krumm hat in Interviews erzählt, Sie würden sich zu Hause völlig abschotten.

Joachim Löw: Ich bin froh über meine Rückzugsmöglichkeiten. In Freiburg leben meine engsten und ältesten Freunde, ein Großteil meiner Familie. Das ist für mich Heimat. Dort mache ich das, was mir Spaß macht: Kicken, essen gehen, alleine mit der Familie zu Hause sein. Freiburg ist für mich eine Oase der Ruhe. Da werde ich nicht ständig angesprochen und stehe nicht so im Fokus.

Wie haben Sie sich auf die nun folgenden Wochen weg von der Familie vorbereitet?

Joachim Löw: Ich gehe immer kurz vor einer Reise am Bücherregal vorbei und überlege, was mich mal interessieren könnte. Dann lass’ ich mir von meinem Patenkind Musik auf den iPod spielen. Sie ist technisch so gut bewandert und musikalisch gut sortiert.

Solange es Ihrem Geschmack entspricht...

Joachim Löw: Den gebe ich schon vor (lacht).

Nach Turnieren waren Sie stets sehr erschöpft. Haben Sie eine neue Strategie, damit Sie das besser verarbeiten können?

Jetzt macht der Bundestrainer Khedira & Co. fit für die WM.

Joachim Löw: Was man bei einem Turnier erlebt, diese Höhen und Tiefen, das ist schon unglaublich extrem. Beispiel 2006: Da gewinnen wir gegen Argentinien, dann verlieren wir gegen Italien in der 119. Minute. Dann denkst du, die Welt geht unter. Drei Tage später fliegen wir nach Stuttgart, 20 000 Leute sind da, und gegen Portugal ziehen wir ein Feuerwerk ab. Das sind unglaublich emotionale Wellenbewegungen in kurzer Zeit. Während des Turniers nimmst du das nicht so wahr. Man geht immer zum nächsten Schritt. 2010 nach dem 4:0 gegen Argentinien saß ich im Flugzeug und dachte schon ans Halbfinale gegen Spanien. Du hältst dich mit der Freude nur ganz kurz auf.

Und das macht Sie so kaputt?

Joachim Löw: Ob jetzt 2006, ’08, ’10 oder ’12, diese Dinge ähneln sic. Du hast acht Wochen mit so einer Gruppe gearbeitet, voller Ziele, voller Hoffnungen, voller Emotionen, voller Engagement, voller Adrenalin. Da kommst du nach Hause und denkst, du bist ganz allein. Da kommt nach und nach alles hoch. Da herrscht eine gewisse Unruhe in dir. Alles wird verarbeitet.

Hatten Sie Alpträume?

Joachim Löw: Es ist mir schon mal passiert, dass ich nachts aufgewacht bin und an das verlorene Spiel gedacht habe. Früher konnte ich das gar nicht verstehen, was mit mir passiert, weil ich das nicht kannte. Dann erschrickt man schon. Man fragt sich: Warum kannst du nicht schlafen? Warum bist du nach dem Turnier so aufgewühlt? Man fliegt in den Urlaub und fragt sich, warum man sich nicht entspannen kann. Dann habe ich gelernt, es zuzulassen. 2012 war ich auch wahnsinnig enttäuscht. Aber der Abfall war nicht mehr so extrem. Inzwischen habe ich Techniken, wie ich den Druck verarbeite, ich bin da gelassener geworden. Nach so vielen Jahren als Bundestrainer weiß ich mit meinen Emotionen gut umzugehen.

Interview: Thomas Gassmann, Marcel Schwamborn

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