Er traut Deutschland den Titel zu

Daum: Lahm redet sich seine Rolle nur ein

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Christoph Daum.

München - Christoph Daum ist bei der WM in Brasilien als Fan vor Ort. Im tz Interview findet er durchaus kritische Worte zu der Rolle Lahms im Mittelfeld.

Christoph Daum (60) war schon unzählige Male in Brasilien. Als Coach von Leverkusen holte er Stars wie Zé Roberto in die Bundesliga. Nun ist er als Fan bis zum Achtelfinale vor Ort. Das tz-Interview:

Herr Daum, wie gefällt Ihnen die WM bisher?

Daum:  Wir sehen einen Heimvorteil für alle Mittel- und Südamerikaner, nicht nur für Brasilien. Auch wenn viele Spieler dieser Nationen inzwischen in Europa spielen, kommen sie doch gebürtig aus diesen Klimazonen. Es deutet alles darauf hin, dass wieder kein Europäer den Titel hier holen kann. Eine richtig stabile Favoriten-Mannschaft sehe ich aber noch nicht. Frankreich und Chile haben noch den besten Eindruck gemacht.

Was trauen Sie Deutschland zu?

Daum:  Ich gehe davon aus, dass die Mannschaft im Schlüsselspiel gegen die USA wieder wie gegen Portugal hoch konzentriert zu Werke gehen wird, das war gegen Ghana nicht immer der Fall. Sie werden erfolgreich die Gruppenphase überstehen. Unsere Spieler sind sehr hungrig, daher traue ich ihnen zu, ganz weit zu kommen, durchaus auch bis zum Titel.

Die Konstellation ist knifflig.

Daum: Das ist eine Katastrophen-Situation. Vor den Augen der ganzen Welt haben wir jetzt dieses blöde Spiel. Beide wissen, dass ein Unentschieden reicht. Da wird doch keine Mannschaft wild nach vorne laufen. Es wird nach dem Spiel Diskussionen geben, ob etwas abgesprochen war, auch wenn nichts abgesprochen war. Für uns ist das nach 1982 besonders kritisch. Ich bete dafür, dass es ein sauberes Unentschieden wird.

Wie beurteilen Sie die deutsche Mannschaft?

Daum: Im Defensiv-Bereich ist es für mich befremdlich, dass wir keine gelernten Außenverteidiger aufstellen können. Kann sich Deutschland das leisten? Joachim Löw sollte das Gespräch mit Philipp Lahm suchen, ob es nicht doch im Sinne des Mannschaftserfolgs richtiger und wertvoller wäre, wenn er wieder hinten eingesetzt würde. Boateng und Höwedes sind treue Soldaten, die überall auf dem Feld ihren Dienst verrichten würden. Aber Außenverteidiger sind sie beide nicht.

"Lahm will unbedingt vor der Abwehr spielen"

Glauben Sie, dass Lahm dazu bereit wäre?

Daum: Lahm will unbedingt vor der Abwehr spielen, wie auch zuletzt bei Bayern. Er redet sich ein, dass er jetzt ein Mittelfeldspieler ist. Da gehört für Löw sehr viel Überzeugungsarbeit dazu. Das wird nicht einfach. Philipp sieht sich inzwischen auf einer Stufe mit Iniesta und Xavi, er sieht sich als großen Taktiker im Mittelfeld. Es geht aber nicht darum, gut auszusehen. Philipp muss einsehen, dass er mehr hilft, wenn er außen in der Abwehr spielt.

Neben dem Thema Lahm gibt es auch noch die Sorgen um Khedira.

Daum: Es geht doch nicht, dass sich hier ein Spieler seine Spielpraxis während einer WM holt. Um Weltmeister zu werden, müssen alle 100 Prozent geben. Sami hat höchstens 95 Prozent, also schleppen wir ihn mit durch. Nach dem Ghana-Spiel muss man sagen, dass Schweinsteiger in die Startelf gehört. Aber ich bin mir auch nicht sicher, ob er dauerhaft durchhalten kann. Er war auch lange verletzt. Dennoch: Ich würde gegen die USA auf Schweini setzen. Er tut der Mannschaft gut und ist weiter als Khedira. Trotz allem fehlt uns im Mittelfeld ein echter Drecksack Marke Effenberg. Immer nur Ballbesitz und schöner Fußball reichen auf dem Weg zum Titel auch nicht.

Gehört Klose in die Startelf?

Daum: Ich persönlich bevorzuge einen klaren Mittelstürmer, der natürlich beweglich sein muss. Nicht der reine Hrubesch-Typ ist gefragt, sondern einer, der mitspielt, sich ins Mittelfeld fallen lässt, auf die Flügel ausweicht. Miro ist etwas eingespielter auf der Sturm-Position, da Thomas Müller bei Bayern oft über rechts kommt.

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Wie sehen Sie Özils Leistung?

Daum: Er hat schon überragende Spiele für Deutschland gemacht, an die ist er nicht mehr herangekommen. Özil bleibt unter seinem Level, auch wenn er auf hohem Niveau spielt. Die Taktik, rechts einen Linksfuß wie Özil spielen zu lassen und links einen Rechtsfuß wie Götze, soll dazu führen, dass beide nach innen ziehen und schießen, so wie Robben und Ribéry bei Bayern. Es klappt aber nicht. Özil guckt lieber den Torwart aus und versucht die verrückten Dinge. Es liegt aber nicht nur an der Position. Er wirkt nicht topfit. Der Regisseur im deutschen Spiel ist bisher ganz klar Toni Kroos. Der bestimmt den Rhythmus.

Wie würden Sie also aufstellen?

Daum: Klose in die Spitze, Özil dahinter, Müller nach rechts, links können wir würfeln, ob Poldi oder Schürrle spielen sollen. Auf der Doppel-Sechs Kroos und Schweinsteiger, Lahm in die Abwehr. Also zurück zum früheren 4:2:3:1-System.

Was glauben Sie: Wie geht es mit Joachim Löw nach der WM weiter?

Daum: Das wird davon abhängen, wie das Turnier läuft. Wenn es erfolgreich verläuft, also zumindest das Halbfinale erreicht wird, wird er weitermachen. Er hat eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft. Dann wird er eben 2016 versuchen, den EM-Titel zu holen. Sein Weg ist noch nicht zu Ende. Die Frage ist, wie er reagiert, wenn er keinen Titel holt und es Kritik hagelt. Ich würde ihm empfehlen, sich vier Wochen zurückzuziehen und dann weiter zu machen. Löw hat das Image der Nationalmannschaft nachhaltig verändert. Seine Bilanz ist sehr gut, bis auf die Titelausbeute.

Interview: Marcel Schwamborn

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