Politik gibt wohl „grünes Licht“

Tag der Corona-Entscheidung: Die wichtigsten Fragen - und der aktuelle Stand

Der Ball liegt bei der Politik: Bundeskanzlerin Angela Merkel (das Bild ist von 2017)
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Der Ball liegt bei der Politik: Bundeskanzlerin Angela Merkel (das Bild ist von 2017).

Fußball trotz Corona? Am Mittwoch legen sich die Ministerpräsidenten der 16 Länder und die Bundesregierung fest, ob sie der Wiederaufnahme des Bundesligabetriebs zustimmen. Wichtig ist der Termin auch für andere Sportarten.

  • Am Mittwoch wird Fußball-Deutschland wissen, wie bzw. ob es mit der unterbrochenen Bundesliga-Saison weitergeht.
  • Die Tendenz in der Politik ist eindeutig - doch es gibt noch unklare Punkte.
  • Profibusiness im Schatten von Corona? Wir klären die wichtigsten Fragen.
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München – Mittwoch, 6. Mai: Auf dieses Datum hat die Deutsche Fußball-Liga mit ihren 36 Klubs gewartet. Die Ministerpräsidenten der 16 Länder und die Bundesregierung werden sich festlegen, ob sie der Wiederaufnahme des Bundesligabetriebs zustimmen. Auch vor dem Sportausschuss des Deutschen Bundestags muss das Hygienekonzept noch erläutert werden. Wichtig ist der Termin auch für andere Sportarten.

Am Sonntag beim „Doppelpass“ auf SPORT1 warf Experte Reinhold Beckmann unvermittelt die Frage in die Runde: „Aber was wird denn sein, wenn die Politik sagt, dass ihr nicht spielen dürft und die Saison beendet ist?“ Thomas Helmer, der Moderator, drehte das Thema jedoch schnell runter: „Bitte, lasst uns erst darüber reden, wenn es so weit sein sollte.“ Vom schlimmsten Szenario – einer abgebrochenen Saison mit Ausfällen in dreistelliger Millionenhöhe und ungeklärten Fragen zu internationalen Startplätzen, Ab- und Aufstieg – ist der Fußball ja immer noch entfernt. Was erwartet ihn nun?

Wie ist die Tendenz in der Politik?

Die Nachrichtenagentur Reuters will aus beteiligten Kreisen erfahren haben, dass die Ministerpräsidentenkonferenz dazu neigt, dem Fußball für einen Start am Freitag, den 15. Mai, das Okay zu geben. Als Bremser gelten lediglich Stephan Weil (Niedersachsen) und Dietmar Woidke (Brandenburg). Schon in der vergangenen Woche hatte man von den Länderchefs eine Weichenstellung für die DFL erhofft – dadurch, dass sie den Bereich aber nicht als prioritär einstuften, vermieden sie den Eindruck, bereitwillig über das Stöckchen zu springen, das der Fußball ihnen hinhält. Der 9. Mai als Wunschtermin der Bundesligen war somit vom Tisch.

Der Fußball ist mit der Politik gut vernetzt. Politiker sind Vereinsmitglieder, Fußballfunktionäre sind Parteimitglieder. Einer hat Einfluss in Fußball und Politik: Ingo Wellenreuther ist Präsident des Karlsruher SC und als Abgeordneter der CDU in Berlin Stellvertretender Vorsitzender im Sportausschuss des Deutschen Bundestages, dem Professor Tim Meyer, DFB-Arzt und Taskforce-Chef der DFL um 14 Uhr ihren Bericht vorlegen werden.

Steffen Augsberg vom Deutschen Ethikrat erkennt, wie er in der Neue Osnabrücker Zeitung sagt, „geschicktes Lobbying“ seitens des Fußballs, der werde „sehr gehätschelt“.

Wo setzt die Politik noch ein Fragezeichen?

Noch nicht geklärt ist, ob die Quarantäne-Umsetzung, die die DFL anstrebt, von allen politischen Stellen akzeptiert wird. Das DFL-Konzept sieht vor, positiv auf Covid-19 getestete Spieler aus dem Trainings- und Spielbetrieb zu nehmen und sie in eine 14-tägige Quarantäne zu schicken – doch der auch für den Sport zuständige Bundesinnenminister Horst Seehofer ist damit nicht zufrieden. Er sagte mehrmals, dass in diesem Fall die gesamte Mannschaft isoliert werden müsste – und auch ihr letzter Gegner. Seehofers Sprecher Steve Alter bestätigte am Montag in der Bundespressekonferenz auf Nachfrage des Journalisten Tilo Jung (Youtube-Format: „Jung und naiv“): „Der Minister steht zu dem, was er gesagt hat – und es entspricht der allgemeinen vorgegebenen Praxis. Es ist ein Prinzip, das für die gesamte Bevölkerung zur Anwendung kommt. Es gibt keinen Grund, dass es beim Fußball anders sein könnte.“ Zum 41 Seiten langen DFL-Konzept sagte Alter: „Es ist gut, wenn ein Bedarfsträger Vorschläge macht, aber es ist nicht so, dass die Bundesregierung Konzepte einfach durchwinkt.“

Mit Geisterspielen soll es weitergehen, Horst Seehofer hat noch Einwände.

Die örtlichen Gesundheitsämter, an die die Vereine ihre positiven Fälle aus den regelmäßigen Corona-Testungen melden müssen, reagieren unterschiedlich. In Köln wurde lediglich die Quarantäne der drei betroffenen Personen (zwei Spieler, ein Physiotherapeut) angeordnet, hingegen hat die Behörde in Aue nach einem positiven Test beim Zweitligisten FC Erzgebirge den Laden für drei Tage komplett geschlossen.

Mit Karl Lauterbach (SPD) mahnt ein profilierter Politiker vom Fach (Gesundheit) weiter eindringlich vor Sonderauslegungen für den Fußball.

Ist der Fall Kalou schädlich für die Liga?

Sicher nicht, was die Wiederaufnahme des Spielbetriebs betrifft. Gesundheitsminister Jens Spahn bezog sich in seiner Stellungnahme zum Facebook-Livevideo des von Hertha BSC nun suspendierten Profis lediglich auf die Hygieneaspekte. Kalou hatte fröhlich die Hände seiner Kollegen geschüttelt, keinen Abstand gehalten und sich in einen Behandlungsraum begeben, in dem der Teamarzt Abstriche für Corona-Tests machte. Spahn monierte die Nichtumsetzung der Vorgaben im speziellen Fall Berlin: „Ein Konzept muss dann auch gelebt werden“, sagte Spahn im Deutschlandfunk, meinte jedoch auch: „Das grundsätzliche Konzept macht Sinn und kann Vorbild sein für andere Sportarten.“ Hertha versprach Besserung.

Empörung lösten Kalou und Kollegen mit ihrer unreflektierten Haltung zur Corona-Krise und ihrer gelebten Maßlosigkeit beim Gespräch über Gehälter aus. Für die DFL überaus peinlich, doch die politischen Entscheider blenden diesen Aspekt aus.

Was ist die öffentliche Meinung?

Die Umfragen ergeben kein einheitliches Bild. Das ZDF-Politbarometer sah neulich noch ein Ja zu Geisterspielen mit 46 Prozent vor einem Nein (42). Infratest Dimap ermittelte danach: 49 Prozent wollen keinen Fußball ohne Zuschauer, ein Drittel stimme für die Beendigung der Saison. Auf dem vor allem von Fußballfans aus Bremen frequentierten Portal Deichstube.de* sagten 67 Prozent, sie stünden Geisterspielen ablehnend gegenüber. Der Fußball-Verdruss gerade in Fankreisen ist spürbar. Die aktive Szene wird in weiten Teilen auch auf emotionale Distanz zum Profibetrieb gehen in den Monaten der leeren Stadien. Auf Plattformen wie Twitter machen viele Menschen ihrem Unmut im Falle einer baldigen Wiederaufnahme des Spielbetriebes Luft, darunter bekennende Fußballfans.

Und was ist mit dem „Restsport“?

Auch der Deutsche Olympische Sport-Bund (DOSB) hat einen Termin vor dem Sportausschuss. Für eher kontaktlose Freiluftsportarten wird es wohl Lockerungen geben. Die Politik will dem Eindruck von Sonderrechten für den Fußball entgegenwirken. Markus Söder hatte bereits länger eine Hand-in-Hand-Lösung zwischen Spitzen- und Breitensport angedeutet.

*Deichstube.de ist ein Angebot des bundesweiten Ippen Digital Redaktionsnetzwerks

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