Experte gibt Einschätzung ab

Corona-Krise, Mega-Transfers, UEFA-Willkür und DFB-Chaos - Ist der Fußball noch zu retten?

PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi (l.) posiert mit Lionel Messi im Stadion Parc des Princes.
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PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi (l.) posiert mit Lionel Messi im Stadion Parc des Princes.

Lionel Messi wechselt zu PSG und streicht dafür 35 Millionen Euro pro Jahr ein. Fan-Forscher Harald Lange rechnet mit einer weiteren Entfremdung der Fans vom Fußball.

München - Lionel Messi wechselt für ein Jahresgehalt von mindestens 35 Millionen Euro netto vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain. Manchester City verpflichtet Jack Grealish für 118 Millionen. Für Fanforscher Harald Lange (54), seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg und Inhaber des dortigen Lehrstuhls für Sportwissenschaft, ist Finanical Fair Play deshalb nur ein Papiertiger. Kein Wunder, dass Lange mit einer Entfremdung der Fans vom Profi-Fußball rechnet. Das Interview:

Herr Lange, die EURO ist ein paar Wochen her. Wie hat sich das Turnier auf das künftige Fan-Verhalten ausgewirkt: Freuen sich die Fans wieder auf Stadionbesuche oder distanzieren sie sich?
Lange: Es herrscht ein gespaltenes Bild: So gibt es einige aktive Fanszenen im Ultrabereich, die ankündigen, erst dann wieder dabei sein zu wollen, wenn alle Fans wieder uneingeschränkt bei voller Auslastung zurück ins Stadion kommen dürfen. Andererseits gibt es auch aktive Fanszenen, die dessen ungeachtet trotzdem wieder ins Stadion gehen. Aber: Die meisten halten sich beim Support der Mannschaft noch zurück. Es gibt noch keine einheitliche Linie.
Wer dachte, dass die Stadien gestürmt werden, sobald teilweise wieder Zuschauer zugelassen werden, hat sich also getäuscht.
Lange: Ja, es ist ein ähnliches Phänomen zu beobachten wie vergangenen Spätsommer. Auch damals waren teilweise Zuschauer zugelassen, die Stadien aber nicht im Rahmen der Möglichkeiten ausverkauft. Die Klubs blieben teilweise auf ihren Tickets sitzen. Das könnte der Bundesliga auch jetzt wieder passieren, wie es in der zweiten und dritten Liga bereits der Fall ist.
Und welche Rolle spielt die vergangene EM dabei?
Lange: Die EM war in mehrfacher Hinsicht ein absoluter Misserfolg – nicht nur durch das sportliche Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft. Auch im Hinblick auf die Fankultur wurde uns von der UEFA eindrucksvoll gezeigt, wohin dieser Kommerz-Fußball geht.

„Die Gesundheit der Spieler und Fans war den UEFA-Verantwortlichen herzlich egal“

Wohin?
Lange: Die Gesundheit der Spieler und Fans war den UEFA-Verantwortlichen herzlich egal. Es ging darum, eine Stadion-Atmosphäre vorzugaukeln, um die Spiele für die TV-Übertragungen attraktiver zu gestalten. Als Ausrichter hat die UEFA im Vorfeld den Standorten ja ganz klar signalisiert, dass ihr Status als Austragungsort aberkannt wird, wenn man es nicht schafft, die vorgegebene Zuschauer-Auslastung durchzusetzen. Dann hat man sich eben mit mächtigen Politikern zusammengeschlossen, um zu klüngeln. Nicht zu vergessen das peinliche Verhalten der UEFA, als es um die Regenbogen-Beleuchtung in München vor dem Ungarn-Spiel ging. Da hat man gesehen, wie die UEFA die Werte mit Füßen tritt, die sie selbst propagiert.
Die Glaubwürdigkeit ist weg?
Lange: Sagen wir es so: Die kritische Grundhaltung der Fans gegenüber dem Profi-Fußball ist durch die EM beschleunigt worden. Diejenigen, die sich bereits im Vorfeld davon abgewendet hatten, fühlen sich bestätigt. Verloren haben letztendlich all diejenigen, die geglaubt haben, der Fußball würde wieder mehr sportive Werte transportieren. Diese Botschaft ist spätestens durch das Finale in Wembley ad absurdum geführt worden. Mit einer Werte- und Vorbildfunktion hatte das nichts mehr zu tun.
Und das Wechsel-Theater um Lionel Messi setzt dem ganzen jetzt die Krone auf.
Lange: Wie das Financial Fair Play verstanden wird, kann ich nicht nachvollziehen. Das FFP wird ausgehebelt, wenn es ausgehebelt werden kann. Und selbst wenn es mal durchgesetzt wird, kann man gegen die vereinbarten Sanktionen im Nachhinein erfolgreich vor dem CAS klagen, wie es Manchester City nach seinem Champions-League-Bann getan hat. Das FFP ist nicht mehr als ein Papiertiger.
Bei den hohen Gehaltsforderungen von Messi ist die spanische Liga aber hart geblieben.
Lange: Bei Messi fand ich es irritierend, dass er Tränen in den Augen hatte beim Abschied. Daher finde ich es schwierig zu beurteilen. Letztendlich kann er nicht mehr für Barcelona spielen, weil er zu hohe Gehaltsforderungen hatte. Mitleid darf er dafür sicherlich nicht erwarten. Klar, er hat seinen Marktwert, keine Frage. Aber warum spiele ich dann nicht für weniger Gehalt, wenn mir der Verein so am Herzen liegt? Dirk Nowitzki hat das damals bei den Dallas Mavericks in der NBA auch gemacht.

„PSG ist der Inbegriff des von Investoren gesteuerten Bezahlfußballs“

In Paris freuen sich die Scheichs über seine hohen Gehaltsvorstellungen.
Lange: Ja, jetzt wechselt er ausgerechnet zu Paris Saint-Germain. Der Inbegriff des von Investoren gesteuerten Bezahlfußballs. Messi hat sein ganzes fußballerisches Leben in Barcelona verbracht, er hatte dort mehr als einen Helden- Status inne. Sein Weggang war ein herber Schlag für alle, die noch an Fußball-Romantik geglaubt haben.
Da kommt es ja gelegen, dass Bayerns neuer Vorstandschef Oliver Kahn eine Gehaltsobergrenze für Profi-Kicker fordert.
Lange: Jeder wusste und weiß, dass sich ein Salary Cap nicht mit dem europäischen Arbeitsrecht vereinbaren lässt. Da haben sich natürlich stets alle munter darauf eingelassen – aber es ist nicht mehr als eine Alibi-Diskussion.
Aber die Idee ist doch löblich.
Lange: Wenn man in Richtung Gleichheit und Liga-Spannung gehen möchte, muss man sich einfach nur die Transfer- und Kaderkosten anschauen: Was kostet der Bayern-Kader im Vergleich zu dem von Arminia Bielelfeld? Was soll ein Salary Cap dann für die Liga bringen? Das macht nur für zwei oder drei Klubs in der Liga Sinn. Man könnte diesen Cap aber anders rechnen: Wenn ich das Durchschnittsgehalt eines Bundesliga-Profis nehme und beispielsweise zehn Prozent on top rechne, wäre es eine ernste Debatte. So ist es ein schönes Thema, um die weniger informierten Fans auf seine Seite zu bekommen: Mit solchen Nebelkerzen lässt es sich vortrefflich ablenken.
Wo sehen Sie dann Chancen für mehr Gleichheit?
Lange: Bei den Sponsoren!

„Erst nachdem Adidas und VW öffentlich Druck gemacht hatben, sind beim DFB Köpfe gerollt“

Inwiefern?
Lange: Die Corona-Pandemie und die zahlreichen Debatten, die dadurch entstanden sind, haben etwas im Kommerz-Fußball in Gange getreten: Die Fans fordern wieder mehr Wertevermittlung und Glaubwürdigkeit ihrer Vereine ein. Und wenn etwas unglaubwürdig wird, verliert es an Anziehungskraft. Wenn die Fans sich also tatsächlich abwenden, nicht mehr ins Stadion gehen und den Fernseher ausschalten, dann wäre der Druck auf die Klubs immens.
Weil dann Einnahmequellen fehlen?
Lange: Nein, weil dann die Sponsoren ihr Engagement hinterfragen. Dann überlegen die Unternehmen nämlich: Profitieren wir wirklich von unserem Sponsoring, wenn sich unsere Kunden mit dem Produkt Fußball nicht mehr identifizieren können? Denken Sie doch mal an das Chaos beim DFB: Erst nachdem Adidas und VW öffentlich Druck auf den Verband ausgeübt haben, sind im Präsidium Köpfe gerollt. Das war für mich ein Beispiel, dass die Verantwortung im deutschen Profi-Fußball nicht nur bei der jeweiligen Klubführung, der DFL oder dem DFB liegt – sondern zuallererst bei Sponsoren und Geldgebern angesiedelt ist.
Ausgerechnet die Geldgeber sollen für mehr Chancengleichheit im Fußball sorgen?
Lange: Wenn Sponsoren sich geschickt Klubs aussuchen, die ein gutes Image haben, werden sie in der Öffentlichkeit positiver wahrgenommen. Es wird in den nächsten Jahren der Fall sein, dass Vereine für Sponsoren attraktiv werden, die für Glaubwürdigkeit stehen. So wie der FC St. Pauli, der sich selbst ja als Alternative zum Kommerz-Fußball präsentiert. Oder schauen Sie sich Union Berlin an! Solche Vereine sind dann attraktiver als Klubs wie Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen, die als Unternehmens-Werkzeuge angesehen werden.

Interview: Manuel Bonke

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