Entertainer Hannes Ringlstetter im Interview

„Den Club kannst du dir nicht ausdenken“

Ringlstetter vor dem Spiegel
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Eine Frage des Blickwinkels: Ringlstetter bei Promoaufnahmen für sein Album „Heile Welt“.

Pornodarsteller ist „durch“, wie Hannes Ringlstetter sagt, eine Sportkarriere auch. Aber das hält den wohl vielseitigsten deutschen Entertainer nicht davon ab, aufmerksamer Beobachter der Sportszene zu sein...

Ihre neue CD trägt den Titel „Heile Welt“. Fordert das nicht geradezu heraus, über den Sport zu sprechen?

Absolut, da ist die Welt noch in Ordnung. Eine heilere Welt gibt es eigentlich gar nicht.

Allem voran natürlich der Fußball, oder?

Absolut, immer steht nur der Sport im Vordergrund. Sympathische Länder kriegen große Turniere, die echten Intelligenzbestien kriegen am meisten Geld.

Welche Welt ist denn heiler? Der Sport oder die Kultur?

Die Kultur hat, glaube ich, gar nicht den Job, heile zu sein. Sie muss sich ja mit Missständen auseinandersetzen. Und wenn es dann zu heile wird, dann wird auch Kultur fad. Siehe die Neunzigerjahre mit Helmut Kohl und seinem ‘Weiter so“ und der satten Gesellschaft. So eine Glocke der Zufriedenheit ist nicht gut für die Kultur. Du brauchst diese Ironie. Was mir aber immer auffällt: In der Kultur gibt es einen großen Zusammenhalt. Kein blödes Ellenbogending, das finde ich sehr angenehm. Man hilft sich, man bewirbt sich gegenseitig.

Interessant, dass Sie überall zu Hause sind. Sie sind Musiker, Kabarettist, Fernsehmann und sogar Schauspieler.

Was zum Beispiel in Amerika ganz normal ist, das ist dort der Beruf des Entertainers. Da kommst du gar nicht weit, wenn du nicht alles kannst. Bei mir war das gar nie der Plan. Jetzt bin ich froh, gerade in der Pandemie, dadurch habe ich keine existenziellen Probleme. Was schon sehr angenehm ist.

Ihrem Buch kann man entnehmen, dass Ihr Plan mal ein anderer war. Die musikalische Erziehung Ihrer Eltern entsprach nicht ganz Ihren Vorstellungen. Gäbe es heute noch eine alternative Traumkarriere?

Die habe ich nicht mehr. Ich bin ja auch schon 50, Pornodarsteller wird es nicht mehr. Fußballprofi auch nicht mehr. Selbst Trainer wird nicht mehr gehen, die sind alle jünger als ich. Die ganz großen Dinger sind also durch. Aber ich habe das ehrlich gesagt noch nie gehabt. Bei mir hat im Leben alles funktioniert, was ich nicht unbedingt wollte. Rockstar werden war mein Plan – hat null funktioniert. Alles andere war kein Plan, das hat es von der Seite so reingespült und super funktioniert. Seit ich ein etwas älterer, reflektierter Mensch bin, denke ich mir: Dann ändere ich auch nichts mehr.

In Ihren Anfängen sollen Sie mal den Turnverein statt dem innerfamiliären Flötentrio angestrebt haben. . ..

Da muss ich die Hosen runterlassen: Ich bin auch im Turnverein angemeldet worden, weil da alle meine Kumpels waren. Da bin ich durchgetestet worden, für was ich geeignet sein könnte. Und am Ende sind wir beim Trampolinspringen gelandet. Damit verbinde ich allerdings eine extrem grauenvolle Erfahrung. Da sind wir mit dem Bus zu einer Meisterschaft gekarrt worden. In Dingolfing. Trampolin war als letzter Wettkampf an diesem Tag angesetzt. Es war bombenheiß, ich hatte schon einen Sonnenstich. Und dann haben sie mich auch noch vergessen dort. Gewonnen habe ich natürlich auch nichts.

Keine Chance für den Fußball?

Oh, ich war auch ein Fußballspieler, ein extrem schlechter. Prädestinierter Rechtsaußen mit totem linkem Fuß. Man hat mich nur in Freundschaftsspielen gelegentlich eingewechselt. Sie sehen: Die Ambitionen waren da, die Umsetzung wenig schmeichelhaft.

Die Liebe zum Fußball ist immerhin trotzdem geblieben.

Total. Ich liebe dieses Spiel und habe freizeitmäßig immer gerne gekickt. Ohne großes Niveau mit sehr viel Spaß. Ich hatte das Glück, immer wieder Leute kennenzulernen, die das professionell betreiben und die versucht haben, mir die Philosophie dieses Spiels näherzubringen. Ich mag es auch als Zirkus, da steckt alles drin. Und es erzählt dir so viel übers Leben. Wenn die Skills, deine Fähigkeiten, nicht reichen, dann suchst du dir Schlupflöcher, um trotzdem etwas zu erreichen. Mentalität, Cleverness oder Körperlichkeit. Das Pokalphänomen. Es passiert etwas, was eigentlich nicht passieren darf. Das finde ich super.

Warum ist es gerade Fußball?

Das ist wie mit Watten und Schafkopf. Watten kapierst du schnell. Es ist alles richtig gemacht. Ich halte Eishockey zum Beispiel für den bedeutend interessanteren Sport. Aber du siehst halt den Sch...puck nicht im Fernsehen. Auch Handball ist wahnsinnig interessant. Aber es geht dauernd hin und her, es fallen ständig Tore und dadurch verliert das einzelne Tor an Reiz. Der Fußball hat es einfach geschafft, etwas auf 90 Minuten auszudehnen, was bei einem Kleinfeldturnier in fünf Minuten entschieden wäre. Und das mit ganz einfachen Regeln. Hau den anderen nicht um und lauf nicht ins Abseits. Ganz einfach. Wenn ich mir Football anschaue, dann siehst du die meiste Zeit ein Knäuel. Du siehst die meiste Zeit Menschen. 15 Menschen, die übereinanderliegen und du weißt nicht, was die machen. Fußball ist sogar so einfach gemacht, dass du alles immer besser weißt als die, die es machen.

Sie sind in der Fußballwelt sogar als Sponsor eingestiegen – in Großköllnbach.

Na ja, das ist entstanden als Regensburg einen neuen Namenssponsor für sein Stadion gesucht hat. Für eine Million im Jahr. Ich habe damals in der Show gesagt, ich schaue mal nach, was ich dabeihabe. Ich hatte 340 Euro im Geldbeutel – ich habe gesagt, wenn sie keinen finden, dann mache ich das dafür. Daraufhin hat sich der SV Großköllnbach gemeldet und gesagt: Bei uns kriegst du das für 340 Euro im Jahr. Da war ich in der Pflicht. Aber ich finde das extrem lustig. Wenn du da über die Dörfer fährst und überall die Schilder siehst: Ringlstetter Arena und dann kommst du hin und es ist ein C-Klassen-Fußballplatz mit einer Sauf-Ecke mit Bierbänken, als VIP-Lounge. Überragend. Jetzt fehlt nur noch das Benefizspiel zur Einweihung wenn es wieder geht.

Als Fan schlägt Ihr Herz für den 1. FC Nürnberg. Das klingt, als wären Sie ein leidensfähiger Mensch.

Das würde ich schon sagen. Wobei du ja einen Verein entweder erbst oder aus Widerstand wählst. Bei mir kam es von meinem Onkel. Der war Club-Fan. Wenn der zu Besuch kam, haben wir Sportschau geschaut. Da bin ich mit vier so sozialisiert worden: Wenn der Club ein Tor schießt, dann ist das super. Ich bin da immer mit aufgesprungen. Später habe ich dann die Dimension verstanden, wo ich da reingeraten bin. Aber es gibt ja im Leben keinen schlechteren Charakterzug, als den Verein zu wechseln. Und ich finde das ja auch gut, ich mag ja diese Geschichten, wo es rauf- und runtergeht.

In dem Fall mehr runter...

Das ist dann auch ungut, ja. Auf der anderen Seite habe ich auch einen Titel erlebt mit dem Pokalsieg 2007. Das ist dann einfach großartig, wenn du so etwas feiern kannst. Das wird mir aber nicht noch mal beschieden sein, das weiß ich. Und noch etwas, was es nicht mehr so schlimm gemacht hat, Clubfan zu sein, war Andi Köpke. Ein Nationaltorhüter. Da hat das so eine nationale Bedeutung gehabt, dass wenigstens einer was geworden ist.

Gewinnt es an Reiz, dass man sich über ein 1:0 gegen Sandhausen freuen kann und sich nicht über ein 2:3 gegen Paris ärgern muss?

Das ist echt eine fiese Frage. Weil das schönere Fußballspiel halt das Bayern-Spiel ist. Das quält mich doch am meisten, dass ich eigentlich nur ganz selten ein gutes Spiel von meinem Verein sehen kann. Wobei zum Beispiel das Relegationsspiel gegen Ingolstadt letztes Jahr so ein Moment war, der schon vergleichbar ist mit einem Champions-League-Spiel. Es ist halt immer Drama. Beim Club weißt du, es wird dramatisch und es wird wahrscheinlich schlecht ausgehen. Aber es ist ja nicht nur das...

Bitte...?

Auch einen Präsidenten wie Michael A. Roth zu haben, in den Neunzigerjahren, das musst du erst mal hinkriegen. Und dann einen durch fragwürdige Atompolitik bekannten Sponsor wie Areva haben. Oder dann dieser für alle Zeiten beste Gag, in einer Zeit, in der sie sich mit Krediten völlig überschuldet hatten, das Stadion in easycredit-Stadion umzubenennen. Das ist etwas, wo ich mir als Humorist denke – das kannst du dir gar nicht ausdenken. Das ist beim Club super, das ist auch bei Sechzig super, wenn du plötzlich liest, dass der Scheich einen Löwenpark bauen will mit echten Löwen.... großartig. Wenn ich das vergleiche: Ich war ja damals beim Finale dahoam im Stadion, Bayern gegen Chelsea. Da habe ich mir gedacht: Wenn das jetzt der Club wäre, da wäre die Hölle losgebrochen. Aber die sind alle so diszipliniert, so anständig.

Nichts für den Rock n’ Roller im Herzen...?

Wobei ich absolut kein Bayern-Hasser bin. Überhaupt nicht. Wie ich die Diskussionen über den Hopp in Hoffenheim oder Red Bull in Leipzig affig finde. Ich finde das gut und wichtig. Aber ich brauche es, dass es drunter und drüber geht. Wie beim Club oder bei Sechzig.

Auch die Nationalmannschaft nähert sich dem Kreis gerade an...

Oh ja. Wobei, zumindest sportlich hat Jogi Löw uns ja immer zu erklären versucht, dass es nach acht Jahren automatisch einen Bruch gibt. Das hat halt keiner verstanden, bei seinem Geschwurbel. Und jetzt ist es so. Ich finde, Löw war genau der Richtige, wenn es darum ging, mit TYPEN zu arbeiten. Er ist aber keiner, der jemanden zum Typen macht. Insofern ist der Wechsel gut. Ich glaube, dass Hansi Flick das kann.

Wie ist es bei Ihnen? Sie sind ja auch in einer Führungsposition.

Mein großes Talent liegt, glaube ich, darin, dass ich einen Blick für die richtigen Leute habe. Das waren vielleicht nicht die, die in ihrem Bereich die Besten sind. Aber es waren die, mit denen ich am besten kann. Ich glaube, ich kann auch ganz gut Teams führen, das merke ich jetzt in Corona, auch wenn das persönliche Gespräch ein bisschen verloren geht. Aber ich bin auch einfach kein Einzelsportler, eher Fußballkapitän. Ich bin keine One-man-Show. Ich brauche das Team. Ich bin Rock n’ Roller, ich brauche Menschen um mich herum.

Ist dann auch ein Projekt wie die „Heile Welt“ ein Teamprojekt, auch wenn Ringlstetter drauf steht?

Klar. Die Grundidee von Text und Melodie ist von mir. Ich schicke das dann rum, jeder kann dann seine Meinung dazu sagen. Die letzte Entscheidung am Ende treffe ich. Das ist eine Mischung aus Demokratie und Diktatur.

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