„Jede Mannschaft hat ein Verfallsdatum“

Vor Nations-League-Kracher: Weltmeister von 2010 erklärt neuen Spanien-Stil

Duell auf Augenhöhe: Bei der WM 2010 trafen Miroslav Klose (l.) und Joan Capdevila aufeinander.
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Duell auf Augenhöhe: Bei der WM 2010 trafen Miroslav Klose (l.) und Joan Capdevila aufeinander.

Mit Spanien dominiere Joan Capdevila über Jahre die Fußballwelt. In der heutigen Mannschaft sieht der Spanier ebenfalls das Potenzial für große Turniererfolge.

München - Europameister 2008 und Weltmeister 2010, Europameister 2012 – vor ziemlich genau einem Jahrzehnt war die spanische Nationalmannschaft das Maß aller Dinge. Seitdem hat sich einiges verändert. Wo genau die Dominanz der Iberer abgeblieben ist, verrät vor dem Duell gegen Deutschland 2010er-Weltmeister Joan Capdevila (42) im Interview mit der tz.

Señor Capdevila, Sie standen beim 1:0-Sieg gegen Deutschland im WM-Halbfinale 2010 auf dem Rasen. Schöne Erinnerungen, oder?
Capdevila: Und wie! Zwei Jahre zuvor hatten wir sie im EM-Finale geschlagen, der Respekt war mit Blick auf den Gegner aber dennoch riesig. An diesem Tag haben wir das beste Spiel des Turniers gemacht.
Was ist seitdem aus der spanischen Dominanz geworden?
Capdevila: Jede Mannschaft hat ein Verfallsdatum. Nach unserer goldenen Ära wurde ein Umbruch eingeleitet, der nach wie vor anhält. Unser Team damals ist ja auch nicht von heute auf morgen vom Himmel gefallen, sondern musste nach und nach zusammenwachsen und reifen. Gleiches geschieht jetzt, und wir sind durchaus auf einem guten Weg. Die Mischung aus erfahrenen Spielern und jungen Talenten, die vor einem Jahr U 21-Europameister wurden, ist sehr gut. Was jetzt noch fehlt, ist die Reife. Die kommt aber mit Spielen wie dem gegen Deutschland jetzt.

Länderspiel Spanien vs. Deutschland: „Nur Siege zählen“

Was denken Sie über die Partie?
Capdevila: In Sevilla können wir gewinnen oder verlieren, wichtig bei so einer jungen Mannschaft ist der Hunger. Und den hat sie. Spanien muss den Anspruch haben, gegen Deutschland zu gewinnen und in das Final-Four-Turnier einzuziehen. Solche Situationen sind die beste Vorbereitung für zukünftige Turniere, wo – so wie jetzt gegen Deutschland – nur Siege zählen.
Sehen Sie das heutige Spanien zu Ähnlichem in der Lage wie Ihr Spanien von 2010?
Capdevila: Im Fußball ist die Vergangenheit nichts wert. Es zählt nur das Hier und Jetzt. Natürlich wäre es wunderbar, wenn diese Mannschaft ebenfalls drei Titel in vier Jahren gewinnen könnte, das wird aber sehr kompliziert. Darum geht es jetzt aber auch nicht. Wichtig ist erst mal, ein Team zu formen, das in Zukunft ähnlich gut harmonieren kann wie wir damals.

Länderspiel Spanien vs. Deutschland: Es müssen nicht immer Spieler von Real oder Barca sein

Nicht verhandelbar scheint derweil der Stil, das Kurzpasspiel wird gepflegt wie eh und je.
Capdevila: Wir haben damals eine Richtung vorgegeben, der Stil darf aber nicht über den Spielern stehen, sondern muss sich immer nach ihnen richten. Soll ich Ihnen mal etwas sagen?
Bitte.
Capdevila: Einen Xavi oder Iniesta gibt es nur einmal. Gerard Moreno oder Álvaro Morata verfügen vielleicht über andere Stärken, die es folgerichtig durch ein adäquates System zu potenzieren gilt. Im Fußball lässt sich über alles streiten, nur über eines nicht: Am Ende zählen Siege. Und der Trainer, der Stil oder die Taktik, die am erfolgreichsten sind, haben recht. Das weiß Luis Enrique. Daher verharrt er nicht blind auf einem Stil, der mal erfolgreich war, sondern entwickelt ihn anhand seines Spielermaterials weiter.
In dem sich scheinbar immer weniger Akteure von Real Madrid oder dem FC Barcelona finden.
Capdevila: Ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass auch Mannschaften wie Real Betis, Cádiz oder Sevilla Spieler in ihren Reihen haben, die der Nationalmannschaft weiterhelfen können. Real und Barça werden sich früher oder später immer die Besten schnappen, gerade dann, wenn sie in Europa mal nicht so abschneiden wie für gewöhnlich. Dass jetzt mehr Kicker von anderen Klubs dabei sind, beweist, dass die Selección nicht von den zwei Großen abhängig ist. Und dass ganz Spanien weiterhin genug Talent ausbildet, von dem sich die Selección ernähren kann.

Das Interview führte José Carlos Menzel López.

Hier können Sie das Spiel Spanien gegen Deutschland live sehen.

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