Rainer Koch steht nicht mehr für Wahl zur Verfügung

DFB-Beben: Keller tritt ab - Koch übernimmt und hört danach auch auf

Rainer Koch (l.) folgt auf Fritz Keller (r.) als DFB-Präsident. Allerdings nur interimsweise.
+
Rainer Koch (l.) folgt auf Fritz Keller (r.) als DFB-Präsident. Allerdings nur interimsweise.

Das Beben in der Führung des DFB geht weiter. Präsident Fritz Keller stellt seinen Posten zur Verfügung. Rainer Koch übernimmt vorerst, hört aber ebenfalls auf.

Frankfurt/Main – Der DFB* macht Tabula rasa, Fritz Keller Platz für einen dringend nötigen Neuanfang: Der erst seit September 2019 im Amt befindliche Präsident hat als dritter Boss des Deutschen Fußball-Bundes in Folge seinen vorzeitigen Rücktritt angekündigt. Der 64-Jährige zog mit seinem Schritt die Konsequenzen aus einem Nazi-Vergleich, den er in Richtung seines Stellvertreters Rainer Koch geäußert hatte.

Keller sei bereit, sein Amt nach der Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht am kommenden Montag zur Verfügung zu stellen, teilte der DFB nach einer außerordentlichen Sitzung des Präsidiums mit. Auch Generalsekretär Friedrich Curtius muss gehen. Vizepräsident Rainer Koch und Peter Peters werden den Verband vorübergehend als gleichberechtigte Interimspräsidenten leiten.

Rainer Koch beendet Amt als Vorstand des DFB

„Ich übernehme jetzt noch ein drittes (und definitiv letztes Mal) für eine sehr schwierige und auch nicht ganz kurze Zeit die Aufgabe der Interims-Präsidentschaft. Und danach ist die Mitwirkung als haftender Vorstand des DFB gemäß Paragraph 26 BGB für mich definitiv beendet“, teilte Koch auf Anfrage der „Sportschau“ mit.

Der mächtige Koch wird jedoch schon beim nächsten Ordentlichen Bundestag, der voraussichtlich auf Beginn des Jahres 2022 vorgezogen wird, nicht mehr für das Amt des ersten Vizepräsidenten Amateure kandidieren. Da Koch auch den Süddeutschen Fußballverband und den Bayerischen Fußballverband führt, könnte er also auch nach dem Bundestag 2022 im Präsidium vertreten sein.

Landes- und Regionalverbände forderten Kellers Rücktritt

Der Druck auf Keller war in den vergangenen Tagen immer weiter gewachsen. Die DFB-Ethikkommission brachte seinen Fall gar vor das verbandsinterne Gericht. Dort wird sich in Keller zum ersten Mal ein Präsident verantworten müssen – auch weil der Widerstand der Landes- und Regionalverbände immer größer wurde.

Erst am Freitag wiederholten die Landesfürsten auf einer außerordentlich einberufenen Sitzung „eindringlich“ ihre Aufforderung an Keller, „von seinem Amt zurückzutreten und damit weiteren Schaden vom DFB abzuwenden“. Zudem solle das DFB-Präsidium eine Sitzung des Vorstands mit dem Tagesordnungspunkt „Enthebung von Fritz Keller (...) von seiner Tätigkeit als Präsident des Deutschen Fußball Bundes“ einberufen. Die Aufforderung zum Rücktritt brachte eine klare Mehrheit: 33:0 bei drei Enthaltungen.

Auch Curtius hört auf

Vor Keller hatte Curtius indirekt seinen Abschied angeboten. „Ich respektiere das Votum der Konferenz der Regional- und Landesverbände und nehme dieses sehr ernst“, sagte der 44-Jährige: „Ich stehe für Gespräche zu konstruktiven Lösungen für den DFB jederzeit zur Verfügung, dies umfasst auch meine Funktion.“ Nun wird auch Curtius „nach einer Verständigung über eine Aufhebung seines Arbeitsvertrags und der Übergabe seiner Amtsgeschäfte“ gehen.

Seinem Rivalen Keller hatte Curtius ebenfalls den Abschied nahegelegt. In den vergangenen Monaten stand Keller gemeinsam mit Curtius im Mittelpunkt eines Machtkampfes an der DFB-Spitze. Vor dem ehemaligen Chef des SC Freiburg hatten bereits Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel vorzeitig den Posten als DFB-Präsident verlassen.

Landesverbände mit Vertrauen für Rainer Koch

Im Gegensatz zu Curtius und Keller hatten die Chefs der Landesverbände Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge mehrheitlich das Vertrauen ausgesprochen. Beide werden trotzdem nicht mehr kandidieren.

Im Mittelpunkt des Konflikts steht ein undurchsichtiger und hochdotierter Vertrag mit einem Kommunikationsberater aus dem Jahr 2019. Koch, Curtius und Osnabrügge sollen diesen auf den Weg gebracht haben.

Keller scheiterte bei seiner Aufgabe, den Verband zu befrieden. Dabei war er einstimmig zum 13. Chef des größten Einzelsportverbandes der Welt gewählt worden. Vor allem der Profibereich hatte stark auf Keller gesetzt. Eine eigens eingesetzte Findungskommission des DFB hatte Keller als einzigen Kandidaten vorgeschlagen.

Nach den geräuschvollen Rücktritten seiner Vorgänger Niersbach und Grindel sollte Keller den Verband – wenn auch mit weniger Kompetenzen ausgestattet – wieder in ruhigere Fahrwasser führen. Doch besonders mit Curtius zerstritt sich Keller heillos. Dazu kamen die Probleme rund um die Corona-Pandemie und die Fragezeichen hinter der Affäre um die WM-Vergabe 2006.  

Die Chronik des Skandals

26. April: Medien berichten, dass DFB-Präsident Fritz Keller seinen Vize Rainer Koch mit Nazi-Richter Roland Freisler verglichen hat.

27. April: Mit „Entsetzen und völligem Unverständnis“ reagiert etwa das Präsidium des Süddeutschen Fußball-Verbandes (SFV) auf die verbale Entgleisung von Keller. Koch will ein Gespräch mit dem Verbandschef führen, hat eine Entschuldigung noch nicht angenommen. Keller will nicht zurücktreten.

30. April: Die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes trifft in Potsdam zum bevorstehenden DFB-Gipfel ein. Bei dem Treffen an diesem Wochenende will die zerstrittene DFB-Spitze mit den Chefs der Landesverbände das weitere Vorgehen besprechen.

2. Mai: Die Präsidenten der Landes- und Regionalverbände des Deutschen Fußball-Bundes fordern DFB-Präsident Keller zum Rücktritt auf. Die Funktionäre entziehen Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius ihr Vertrauen. Koch akzeptiert eine Entschuldigung von Keller nicht.

3. Mai: Curtius äußert sich erstmals nach dem Votum der Regional- und Landeschefs, zieht aber zunächst keine persönlichen Konsequenzen.

4. Mai: Osnabrügge steht in der Führungskrise vor dem Rückzug. Der Funktionär werde nicht mehr antreten, heißt es. Inmitten aller Spekulationen über einen möglichen Rücktritt des schwer beschädigten Keller widerspricht DFB-Vize Koch in einem Schreiben DFL-Chef Christian Seifert und erhebt seinerseits schwere Vorwürfe gegen den Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga.

6. Mai: Keller trifft sich mit Charlotte Knobloch, um sich für seinen Nazi-Vergleich bei einer Präsidiumssitzung zu entschuldigen. Die 88-Jährige ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

7. Mai: Keller tritt trotz des eindeutigen Misstrauensvotums der Amateurvertreter noch nicht zurück. Der 64-Jährige entschuldigt sich und bittet um Verzeihung. Die Führung des Deutschen Fußball-Bundes will er aber nicht freiwillig aufgeben. Bundesinnenminister Horst Seehofer ruft die Spitzen des deutschen Fußballs in ihrem Dauerstreit zur Räson. „Es wird Zeit, dass die Sportverbände dieses jämmerliche Schauspiel beenden“, sagt der CSU-Politiker.

11. Mai: Die Führungsspitze des Deutschen Fußball-Bundes zieht fast geschlossen Konsequenzen aus der tiefen Krise innerhalb des Verbandes.

(sid)

Auch interessant

Kommentare