„Wir machen zu wenig daraus“

Deutscher Nachwuchs zu schwach? U20-Auswahl-Trainer des DFB über ausländische Jungstars in der Liga

Tanguy Kouassi von Paris St. Germain wird kommende Saison den FC Bayern München verstärken
+
Tanguy Kouassi von Paris St. Germain wird kommende Saison den FC Bayern München verstärken

Ausländische Jung-Stars stehen in der Bundesliga hoch im Kurs. Was bedeutet das für den heimischen Nachwuchs? Wir haben uns mit Manuel Baum, U20-Trainer des DFB, unterhalten.

  • Ausländische Topstars bereichern die Bundesliga - im Sommer finden weitere Transfers statt.
  • Ein Indiz, dass der deutsche Nachwuchs vielleicht ins Hintertreffen geraten ist?
  • Wir haben uns mit Manuel Baum, U20-Coach beim DFB, über die Lage unterhalten.

Jadon Sancho, Jude Bellingham, Tanguy Nianzou – ausländische Jung-Stars stehen in der Bundesliga hoch im Kurs. Dabei verfügt auch Deutschland über großes Potenzial. Erst vor wenigen Wochen kürte sich Leverkusens Florian Wirtz mit 17 Jahren und 34 Tagen zum jüngsten Torschützen im deutschen Oberhaus. Sein 21-jähriger Mannschaftkamerad Kai Havertz ist sogar drauf und dran, zum neuen Exportschlager der Liga zu werden. Wie es insgesamt um unseren Nachwuchs bestellt ist? Die tz hat bei Manuel Baum nachgefragt. Der Ex-Trainer des FC Augsburg ist seit 2019 für die U 20 des DFB verantwortlich – und somit für die größten Talente der Liga.

Herr Baum, wie gut ist der deutsche Fußball-Nachwuchs?
Manuel Baum: Nicht so schlecht, wie er von einigen Seiten gemacht wird! Man hat ja gesehen, dass seit dem Restart der Bundesliga und während der Corona-Pandemie vermehrt Nachwuchsspieler eingesetzt wurden. Ein gutes Beispiel ist Florian Wirtz von Bayer Leverkusen als Jahrgang 2003. Unsere Aufgabe ist es, aus dem vorhandenen Talent solcher Spieler Qualität zu generieren. Wir haben hoch talentierte Spieler in Deutschland, aber wir machen zu wenig daraus.
Warum?
Baum: Es geht unter anderem darum, das Potenzial der Spieler zu erkennen und auch zu entfalten. Klar liegt es auch am Spieler, was er aus seinen Fähigkeiten macht. Aber wir müssen auch das System hinterfragen und uns immer wieder Gedanken machen, wie wir die fußballerische Ausbildung unserer Talente optimieren können.
Wen meinen Sie mit wir?
Baum: Im Endeffekt wirken unglaublich viele Menschen auf die Jungs ein: Trainer, Staff, Eltern, Berater, Vereine, Verband. Jeder zieht am Spieler und verfolgt seine Interessen. Hinzu kommt die schulische Komponente, die auch enorm wichtig ist. Die entscheidende Frage ist: Ziehen alle in die gleiche Richtung? Das müssen alle Beteiligten unbedingt tun, um die Entwicklung des Spielers in den Mittelpunkt zu rücken. Es ist schade, wenn letztlich nur ein Bruchteil der Jungs sein Potenzial auf den Platz bringt.

DFB-Talente optimieren? „Man ist in gewissen Systemen gefangen“

Was sagen Vereinsvertreter wie Trainer oder Sportdirektoren, wenn Sie diese Leute damit konfrontieren?
Baum: Im Endeffekt signalisiert jeder Bereitschaft, etwas zu verändern. Aber es ist eben so, dass man auch in gewissen Systemen gefangen ist.
Inwiefern?
Baum: Nehmen wir mal einen jungen Trainer, dessen Ziel die Bundesliga ist. Wenn er im Nachwuchs tätig ist, kann es durchaus vorkommen, dass er extrem ergebnisorientiert arbeitet – weil er beruflich vorankommen möchte. Im leistungsorientierten Nachwuchsbereich ist der Trainerberuf ja ein Hauptjob und wenn man damit eine Familie ernähren muss, schaut man auch primär auf die Ergebnisse. Selbst wenn man weiß, dass die Entwicklung des Spielers vielleicht darunter leidet. Und sollte man an diesem System etwas schrauben, dass das Ergebnis nicht mehr so sehr im Vordergrund steht, kann man aus den einzelnen Spielern auch mehr herausholen. Da denken alle gleich.
Manuel Baum war früher Trainer des FC Augsburg und ist jetzt für die U20 des DFB zuständig.

DFB-U20: Weltmeister von morgen dank "Bolzplatz-Mentalität"?

Man kann in der U 17 oder U 19 aber schlecht den Wettbewerb aussetzen.
Baum: Da muss man differenzieren, klar. Irgendwann müssen die Spieler ja auch lernen, ergebnisorientierter zu spielen und mit einem gewissen Druck umzugehen. Aber in den jüngeren Jahren sollten andere Themen ganz oben stehen: kleine Spielformen, viele Ballaktionen, Spielfreude, eine gewisse Bolzplatz-Mentalität. In dem „Projekt Zukunft“ macht sich der DFB gemeinsam mit der DFL auch zu diesen Themen viele Gedanken. Wir müssen heute die Grundlagen legen, um die Welt- und Europameister von morgen auszubilden.
Dafür schaut man sich viel bei anderen Nationen wie Frankreich, Belgien oder England ab.
Baum: Es ist immer gut und wichtig, eine Benchmark durchzuführen. Schauen Sie nach Frankreich: Dort sind die Spieler in der U15 in einem sogenannten Department unter der Woche versammelt und werden eine Zeit lang zentralisiert trainiert. In England hat der Nachwuchs bis zur U 15 ebenfalls keinen Wettbewerb. Dort sind die Strukturen aber andere und es wird viel von der Premier League an sich geleitet. Wir in Deutschland haben bestimmte Werte, die uns seit Jahren prägen. Diese Werte gehören zu unserer Identität dazu, deswegen sollten wir auch einen eigenen Weg gestalten. Aber: Wenn jemand anderes etwas gut macht, warum soll man nicht bestimmte Dinge herausgreifen und übernehmen?

DFB-Nachwuchs: Ex-FCA-Coach mit Appell - „Freude und Kreativität nicht abtrainieren“

In Deutschland ist es schwierig, Kinder frei aufspielen zu lassen. Jeder Verein und auch der DFB verfolgt eine klare Spielphilosophie, an der sich der Nachwuchs orientieren sollte.
Baum: Ich zitiere an dieser Stelle gerne einen ehemaligen Bundesliga­spieler von mir, der meinte: Trainer, wir brauchen unbedingt die Vorgaben, aber wir wollen auch frei sein! Das spiegelt den ganzen Komplex ja gut wider. Wir müssen allerdings aufpassen, egal ob im Jugend- oder Erwachsenenbereich, dass wir Freude und Kreativität nicht abtrainieren. Es ist wichtig, die Spielidee des Trainers und des Vereins/Verbands in Einklang zu bringen, aber innerhalb der Leitplanken muss sich der Spieler frei entfalten können. Das ist auch machbar.
Unterscheidet sich Philosophie vom Bundesliga-Trainer Manuel Baum zum DFB-Trainer Manuel Baum?
Baum: Ich lasse grundsätzlich einen begeisternden Fußball spielen und möchte als Trainer innovativ arbeiten. Das deckt sich auch mit dem Spielverständnis beim DFB. Hinzu kommen natürlich Grundsätze wie eine kompakte Defensivarbeit und ein zielstrebiger Zug zum Tor. Die entscheidende Aufgabe aber lautet, herauszufinden, welche Spielidee am besten zu meiner Mannschaft passt. Auch deswegen ist es so wichtig, die Spieler mitzunehmen, klare Prinzipien zu haben und eine Einheit zu formen, damit wir gemeinsam das große Ganze ansteuern. Da musst du bei einer U 20-Nationalmannschaft, die sich nur alle zwei Monate sieht, jeden Schritt fast noch genauer durchdenken, als wenn du dein Bundesliga-Team jeden Tag um dich herum hast. Schon allein diese Detailbesessenheit prägt mich.

FC Augsburg: Manuel Baum beim DFB ein „noch besserer Trainer geworden“

Sie haben Ihren Vertrag als Trainer beim DFB kürzlich verlängert. Haben Sie keine Angst, dass Sie vom Bundesliga-Radar verschwinden?
Baum: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Natürlich wird es mich irgendwann mal wieder in die Bundesliga ziehen, aber durch den Schritt zum DFB bin ich ein noch besserer Trainer geworden. Man hat im Verband die Ressourcen, sich abseits vom Tagesgeschäft weiterzubilden, über den Tellerrand zu blicken und mit seiner Mannschaft neue Aspekte auszuprobieren. Wenn ich sehe, dass die Jungs aus der U 20 nun ihre nächsten Karriereschritte machen, freut mich das enorm. Für mich ist auch interessant, einen top Überblick über Talente in Deutschland und Europa zu haben. Und über allem steht: Mir ist wichtig, dass ich das, was ich mache, mit 100-prozentiger Überzeugung tue.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare