Korruptionsvorwürfe bei der WM 2006

DFB-Skandal: Wer erzählt hier Märchen?

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Sonst drahtig und jugendlich, am Montagmittag in Dortmund angestrengt: DFB-Präsident Niersbach betrachtet den Ball der Weltmeisterschaft 1954.

Dortmund - Ein großer Tag für den deutschen Fußball sollte das werden: DFB-Präsident Niersbach zeigte am Montag das neue, 36 Millionen Euro teure Museum in Dortmund her. Doch das Schwelgen in Nostalgie will nicht recht gelingen. Ganz Deutschland fragt sich: Was ist dran an den Schmiergeld-Vorwürfen?

Es gibt Streit. Aber es ist einer, auf den sich Wolfgang Niersbach gerne einlässt. Es geht um Rückennummern. Wer trug welche bei der WM 1970? Manuel Neukirchner, der Chef des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund, das am kommenden Sonntag eröffnet wird, sagt, seinerzeit in Mexiko sei Uwe Seeler mit der 12 aufgelaufen. Niersbach widerspricht sanft, er schaltet in den Nostalgie-Modus: „Gerd Müller hatte immer die 13, Uwe Seeler muss die 9 gehabt haben, die 12 gehörte doch Wolfgang Overath.“ Neukirchner muss nachdenken, er hat vor lauter Exponaten und Geschichte ein wenig den Überblick verloren: „War Overath 1970 überhaupt dabei?“ Jetzt kommt Niersbachs Fußballhirn zur Geltung, seine Festplatte: „Overath hat im Spiel um Platz drei gegen Uruguay das 1:0 geschossen. Mit rechts. Als Linksfuß.“ Es bleibt der einzige klassische Niersbach-Moment, ein kurzes Aufblühen, als er durch das „Jahrhundertprojekt“ des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) spaziert.

Wolfgang Niersbach, der Präsident des DFB, er bleibt nicht lange. Um 10.57 Uhr sagt er: „Der große Tag steht bevor.“ Um 11.46 Uhr verschwindet er durch eine Seitentür. In der Dauerausstellung, die in den nächsten Jahren Millionen Deutsche besuchen sollen, kommt er nur bis zu den 70er-Jahren. Er müsse nach Zürich fliegen, entschuldigt er sich, die FIFA rufe, der Weltverband habe Exekutivkomitee-Sitzung.

DFB-Skandal: Niersbach sieht am großen Tag nicht gut aus

Niersbach, 65, sonst immer dynamisch, drahtig, jugendlich, sieht nicht gut aus am „großen Tag“. Die letzte Nachricht, die ihn erreicht hat: Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hegt nach der Berichterstattung des „Spiegel“ über Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 einen „Anfangsverdacht wegen Untreue, Betrug, Korruption“, das sei, so eine Sprecherin, „ein Beobachtungsvorgang“.

Der DFB hat ein Museum bauen lassen, einen futuristischen Komplex gleich am Dortmunder Hauptbahnhof. 14 Städte hatten sich als Standort beworben, 36 Millionen Euro wurden investiert. „Zu verdanken haben wir das der WM 2006“, sagt Niersbach bei der gestrigen Präsentation für die Medien. Als alles so wunderbar erschien, entstand die Idee: Man müsse Gefühle und Geschichte festhalten, irgendwie. „Und da sind wir beim Thema 2006“, fährt Niersbach fort. Ausweichen ist nicht möglich, er muss was sagen. „Ich kann es nur unterstreichen: Die WM war ein Sommermärchen, sie ist ein Sommermärchen, das Sommermärchen ist nicht zerstört.“ Dementi des „Spiegel“-Titels vom Wochenende.

Sechseinhalb Jahre hat der DFB an dem Museum gebaut, das „die neue deutsche Wallfahrtsstätte“ (Geschäftsführer Manuel Neukirchner) werden soll. Die Eröffnungswoche wurde mit Bedacht terminiert: Die Qualifikation für die nächste Europameisterschaft würde man gesichert haben. Was könnte also passieren? Dann geriet zuerst in der FIFA alles in Unordnung, anschließend in der UEFA, und jetzt hat der Strudel die Deutschen erreicht. Die vorbildlichen Deutschen. Die seriösen Deutschen, bei denen alles ein Gütesiegel trägt. Das Weltmeisterland.

Gab es eine schwarze Kasse, vor 15 Jahren gefüllt vom Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus? Wurden mit diesem Geld Stimmen gekauft, damit die WM 2006 an Deutschland geht und nicht an Südafrika, Marokko oder England? Unstrittig ist eine Zahlung des DFB im Jahr 2005 an die FIFA, sie wird gerade vom Kontrollausschuss des DFB und von einem externen Wirtschaftsprüfungsunternehmen untersucht. Gingen von der FIFA die 6,7 Millionen Euro weiter an Dreyfus, wurde der Kreislauf des Geldes abgeschlossen? Der „Spiegel“ hat sich weit vorgewagt. „Seine Behauptungen“, kündigt Niersbach an, „werden wir widerlegen“.

DFB-Skandal: Wer hat Louis-Dreyfus um 13 Millionen Mark aus dessen Privatvermögen gebeten?

Doch sogar der „Kicker“, der fast so eine Art Verbandsorgan ist, stellt Fragen, „die nach Beantwortung schreien: Wer hat Louis-Dreyfus um 13 Millionen Mark aus dessen Privatvermögen gebeten? Wer hat dieses Geld in Empfang bekommen? Wofür war das Geld bestimmt?“ Und er interviewt diese Woche eine Frau, die keine Fußballerin ist: Claudia Roth. Die Grüne, vom DFB gerne für Umwelt- und Integrationsprojekte eingespannt, kritisiert: „Die Begründung des DFB ist schon recht verschwurbelt.“

Nun herrscht großer Meinungsstreit in Deutschland. „Bild“ positioniert sich gegen den „Spiegel“, es geht ins Klassenkämpferische. Eine Telefonzuschaltung von Jens Weinreich, einem der fünf Autoren des „Spiegel“-Titels, am Sonntagabend in der Talkshow bei „Sky90“ gerät zur emotionalen Abrechnung mit dem „DFB- und Beckenbauer-Sender“ und dem Berliner Medienanwalt Christian Schertz (Weinreich: „Der Herr Honorarprofessor zündet wieder seine Nebelkerzen“). Es wird allmählich auch kriminologisch: Der „Spiegel“ beruft sich bei seiner Recherche auf die handschriftliche Zeichnung eines Zahlungsvorgang: Sie sei von Niersbach. „Haben Sie das prüfen lassen?“, wollte Sky-Moderator Patrick Wasserziehr wissen. Weinreich musste das verneinen. Und es wird spekuliert: Hat der „Spiegel“ einen Fehler begangen, wird es ihm ergehen wie dem „Stern“ vor über drei Jahrzehnten mit seinen Hitler-Tagebüchern, die eine plumpe Fälschung waren?

Wie geht es weiter? In welche Richtung? Ist der Museumsrundgang schon der letzte Termin, den Wolfgang Niersbach als DFB-Präsident bestreiten kann? Ist es zu Ende mit seiner makellosen Karriere, in der sich alles fügt: vom Journalisten über den DFB-Pressesprecher und Generalsekretär zum Präsidenten und womöglich noch weiter an die Spitze des europäischen oder Weltverbandes? Fällt er und dann auch Franz Beckenbauer, der Kopf der WM 2006? Niersbach beschwört die Einigkeit des Fußballs, er verweist auf eine Wand des schönen neuen Museums. „WIR SIND FUSSBALL“ steht dort, und darunter erscheint in Leuchtschrift auf einem Laufband ein Vereinsname nach dem anderen. „Alle unsere 26 000 Vereine tauchen hier ständig auf“, sagt Niersbach.

DFB-Skandal: "Diskussion ist ungerechtfertigt" 

Und man springt ihm zur Seite. Ullrich Sierau (SPD) ist Dortmunds Oberbürgermeister, er sagt: „Wir reden von Sommermärchen und Spiegelmärchen – für uns ist das hier ein Museumsmärchen. Zu allem, was medial berichtet wird, habe ich eine Meinung. Sie ahnen sie – ich muss sie nicht aussprechen.“ Sieraus Stadt hängt in der Sache schließlich mit drin, sie trägt einen Großteil des finanziellen Risikos, ob das Deutsche Fußballmuseum laufen wird. Tut es ja vielleicht nicht, wenn, was jetzt noch als unbewiesen zu gelten hat, bestätigt werden sollte. Würden die Leute dann in ein Museum strömen wollen mit seinen „Vertiefungsinseln“ und seinem „multimedialen räumlichen Erleben“, von denen Neukirchner schwärmt? Könnte die nächste Generation von Fußballfans nicht mehr so unbeschwert aufwachsen wie Wolfgang Niersbach, der „das Buch von Fritz Walter über das Wunder von Bern fast auswendig gelernt“ hat?

Der Präsident seufzt: „Meine Freude über das Deutsche Fußballmuseum wäre total unbeschwert, wenn es diese Diskussion momentan nicht gäbe, die ungerechtfertigt ist.“

Es hat immer auch dunkle Stunden gegeben im deutschen Fußball. Anfang der 70er-Jahre den Bundesliga-Skandal, als sich Vereine gegen den Abstieg wehrten, indem sie gegnerische Spieler bestachen. Das Fußballmuseum spart diese Zeit nicht aus. Manuel Neukirchner erklärt zwei besondere Exponate: „Hier haben wir den Telefonapparat, auf dem Horst-Gregorio Canellas, der Präsident der Offenbacher Kickers, angerufen wurde, hier das Tonband, mit dem er die Gespräche aufzeichnete.“ Die er dann Gästen seiner Gartenparty vorspielte – womit öffentlich wurde, wie verkommen der Berufsfußball geworden war.

Als auf dem Rundgang die Skandal-Ecke erreicht ist, hat Wolfgang Niersbach das Haus bereits verlassen.

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