Nach der 0:6-Pleite in Spanien

tz-Analyse zum DFB-Debakel: Darum muss Jogi jetzt gehen!

Joachim Löw schaut auf die Uhr.
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Ist Jogis Zeit als Bundestrainer bald abgelaufen?

Nach dem 0:6 in Spanien muss sich bei der deutschen Nationalmannschaft einiges ändern. Die tz-Reporter Manuel Bonke und Jonas Austermann sagen, was genau.

  • Die deutsche Nationalmannschaft ist nach der Rekord-Pleite in Spanien mal wieder am Boden.
  • Für die tz-Reporter ist eine Trennung von Joachim Löw jetzt unumgänglich. Ein Nachfolger stünde schon bereit.
  • Die Rückkehr von Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller ist nur eine der weiteren Stellschrauben beim DFB.

Der Auftritt der Nationalelf leblos, Bundestrainer Joachim Löw ratlos und Fußball-Deutschland danach fassungslos. Nach dem 0:6-Debakel gegen Spanien ist der deutsche Fußball am Boden. Mal wieder. Es ist nach dem Vorrundenaus bei der Weltmeisterschaft 2018 bereits das zweite Mal - innerhalb von zweieinhalb Jahren. Damals wie heute für den Misserfolg verantwortlich: Joachim Löw.

Trotzdem haben sich die DFB-Verantwortlichen dem Vernehmen nach dazu entschlossen, Löw weiterhin zu vertrauen. In einer im Namen von Fritz Keller verbreiteten Stellungnahme zur Sevilla-Schmach fällt der Name des Bundestrainers nicht einmal. Dort heißt es allerdings: „Unsere junge Mannschaft kann an diesem herben Rückschlag wachsen, wenn dieses Spiel, in dem nicht nur Herz und Leidenschaft gefehlt haben, gründlich analysiert und die nötigen Folgerungen daraus gezogen werden.“ Für die tz ergibt sich aus den Auftritten der letzten Wochen und Monaten nur eine richtige Folgerung: Schluss mit Jogi!

DFB-Debakel: Die Situation erinnert an den FC Bayern unter Niko Kovac

Auf der Pressekonferenz unmittelbar nach dem 0:6-Debakel wurde Löw gefragt, ob er nun um seinen Job fürchten müsse. Die Antwort des Bundestrainers: „Ob ich Angst um meinen Job haben muss, muss man andere fragen.“ Oliver Bierhoff, in seiner Funktion als Direktor Nationalmannschaft und Akademie der direkte Vorgesetzte des Bundestrainers, erklärte in der ARD, dass das Vertrauen in Löw „vollkommen da ist, daran ändert dieses Spiel nichts“. Sollte es aber, denn hier hilft nur ein kompletter Neuanfang. Frag nach beim FC Bayern: Als sich die FCB-Kicker vor gut einem Jahr in Frankfurt mit 1:5 abschlachten ließen, spürten die Münchner Bosse, dass die Spieler ihrem Trainer Niko Kovac die Gefolgschaft verweigert hatten. Es kam zur vollkommen richtigen Trennung. Unter Hansi Flick (55) setzte die gleiche Mannschaft, die bei der Eintracht in ihre Einzelteile zerfallen war, zum Siegeszug an. In Spanien entlarvte die Körpersprache endgültig das zerrüttete Verhältnis zwischen den Nationalspielern und ihrem Trainer. Darum muss Löw sofort weg. 

Neuer Bundestrainer: Flick, Klopp, Rangnick? Bis zur EM muss eine interne Lösung her!

Wenn Löw beim DFB vor die Türe gesetzt wird oder selbst seinen Hut nimmt, hat sein Nachfolger noch ein knappes halbes Jahr Einarbeitungszeit. Bereits im Juni steht die Europameisterschaft an. Die nächsten Länderspiele finden Ende März statt, ein neuer Trainer könnte also erst wenige Monate vor Turnierstart zum ersten Mal mit seiner Mannschaft physisch arbeiten. Die bisherigen Kandidaten, die beim Verband als potenzielle Löw-Nachfolger gehandelt wurden und werden (Hansi Flick, Jürgen Klopp, Ralf Rangnick, Thomas Tuchel), könnten ihre Arbeit erst nach der EM aufnehmen. Darum gibt es derzeit nur eine einzige Alternative auf die Jogi-Nachfolge: Stefan Kuntz! Der Trainer der U21-Nationalmannschaft kennt die Strukturen im Verband und wurde mit einigen heutigen A-Nationalspielern 2017 U21-Europameister. Kuntz besitzt also auch Turniererfahrung und kann der Mannschaft mit seiner offenen, kommunikativen Art neue Impulse verleihen. Auch hier könnte sich der DFB ein Beispiel am FC Bayern nehmen: Hansi Flick übernahm vorerst ebenfalls auf Bewährung und erarbeitete sich mit guten Ergebnissen und einer ansehnlichen Spielweise die Cheftrainer-Beförderung. Kein Wunder, dass Kuntz’ Name beim DFB in der Vergangenheit intern schon häufiger fiel, wenn es um die Löw-Nachfolge ging. 

DFB-Team: Müller, Hummels und Boateng müssen zurückkehren

Jerome Boateng, Thomas Müller und Mats Hummels (von links) könnten dem DFB-Team sofort helfen.

Nach der Bankrott-Erklärung in Sevilla werden die Rufe nach den aussortierten Nationalspielern Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng noch lauter. Das Trio zeigt mit seinen starken Leistungen in München und Dortmund, dass es nach wie vor noch zum Besten gehört, was Deutschland derzeit zu bieten hat – vor allem in der Innenverteidigung. Allerdings darf stark bezweifelt werden, dass die im März 2019 von Löw taktlos gestrichenen Spieler nun genau für diesen Trainer bei der EM durchs Feuer gehen würden. Für einen neuen Coach, der wieder nach dem Leistungsprinzip und nicht nach dem Kriterium der Umbruchsfähigkeit nominiert, würden die WM-Helden ihren Stolz sicherlich hintanstellen und das DFB-Dress überstreifen.

Löw-Nachfolger muss einen klaren Spielstil im DFB-Team etablieren

Dreierkette? Viererkette? Aggressives Pressing? Ballbesitzfußball? Ein klarer Spielstil ist bei der Nationalmannschaft seit dem WM-Vorrundenaus 2018 nicht zu erkennen! Gegen Spanien wollte Löw den Gegner in den ersten 45 Minuten kommen lassen, ließ seine Mannschaft bewusst passiver agieren. Nach dem Seitenwechsel forderte der Bundestrainer ein aggressives Pressing seiner Spieler – auch dieses Vorhaben scheiterte sang- und klanglos.

Der Bundestrainer vertritt die Meinung, dass seine Mannschaft während der 90 Minuten in der Lage sein muss, zwischen mehreren Systemen und taktischen Ausrichtungen hin und her zu wechseln. Problem: Dadurch können keine Automatismen einstudiert werden. Taktische Variabilität ist im heutigen Fußball in der Tat wichtig, allerdings muss man dafür ein Grund-System beherrschen, in dem man sich als Mannschaft wohlfühlt und das für die nötige Sicherheit und Stabilität im Spiel sorgt. Nächstes Problem: Löw stellt viele Spieler nicht da auf, wo sie im Verein überzeugen. So spielt beispielsweise Gladbach-Innenverteidiger Matthias Ginter als Rechtsverteidiger in der Viererkette und Chelsea-Mittelstürmer Timo Werner als DFB-Linksaußen.

Deutsche Nationalmannschaft: Ab sofort dürfen nur noch die Besten nominiert werden

Nur die besten Spieler eines Landes schaffen es in die Nationalmannschaft – diese alternativlose Regel setzte Löw als Bundestrainer mehr und mehr außer Kraft. Er hielt viel zu lange an Spielern wie Antonio Rüdiger, Jonathan Tah, Julian Draxler oder auch Julian Brandt fest. Und das, obwohl die nicht mal bei ihren Klubs gesetzt waren geschweige denn überzeugen konnten.

Ob ich Angst um meinen Job haben muss, muss man andere fragen.

Joachim Löw auf die Frage nach seiner Zukunft

In der deutschen Nationalmannschaft muss fortan wieder ausnahmslos das Leistungsprinzip gelten! Neben den bereits Genannten sind bislang beispielsweise auch Niklas Stark, Nico Schulz oder Mahmoud Dahoud den Beweis schuldig geblieben, dass sie genügend Qualität für die DFB-Auswahl mitbringen. Sortiert man die Bankdrücker aus, bliebe mehr als genug Platz für Hummels, Boateng und Müller. Keine Frage: Spieler wie Jonas Hofmann oder Florian Neuhaus müssen auch weiterhin dafür belohnt werden, wenn sie bei ihren Vereinen überzeugen. Und bei hoch veranlagten Kickern wie Julian Brandt kitzelt ein Denkzettel vom Bundestrainer womöglich die entscheidenden Prozente heraus.

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