Einschüchtern lassen bedeutet Niederlage!

Experte im Interview: Wie die DFB-Spieler den Terror verarbeiten können

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Nationalspieler Antonio Rüdiger (r.) nach der Rückkehr aus Paris: „Sie leben in einer heilen Welt…“

München - Wie verarbeiten die DFB-Spieler die Ereignisse von Paris? Ist das Spiel gegen Holland sinnvoll? Wir sprachen mit Psychologe Prof. Florian Holsboer.

Herr Dr. Holsboer, das Spiel der DFB-Elf heute gegen die Niederlande war angesichts der Terroranschläge von Paris zunächst fraglich. Dann befand man, es sei das Beste, die Partie stattfinden zu lassen – als Zeichen gegen Einschüchterung und für den Zusammenhalt. Ist es denn auch das Beste für die Protagonisten, die Spieler?

Prof. Florian Holsboer: Ich denke schon, ja. Man überwindet ein solches Erlebnis immer dann am besten, wenn man sich aktiv gegen das stellt, was einem angetan werden sollte. Es ist gut, entschieden dagegen vorzugehen und sich in seinen Plänen nicht beeinträchtigen zu lassen.

Wir sprechen zwar von Profis, was den Fußball betrifft. Ansonsten sind das aber einfach nur junge Männer. Ist das ausreichend berücksichtigt?

Prof. Florian Holsboer: Sagen wir es so: Unser Land ist ein anderes geworden. Und das betrifft auch den Sport, das betrifft uns, um ein Beispiel zu nennen, beim Besuch des Oktoberfestes. Wer geht dort noch leichten Herzens hin vor dem Hintergrund dieser Anschläge? Für Fußballspiele gilt nun das Gleiche, es ist eben anders geworden. Wir leben nicht mehr in dem gleichen Land wie vorher, und auch die Fußballer leben nicht auf einer Insel. Diese große Verunsicherung betrifft auch sie.

Benötigen die Spieler nach den Geschehnissen Hilfe?

Prof. Florian Holsboer: Die Spieler waren nicht die besonders hervorgehobene Zielgruppe, so wie es bei den Journalisten von Charlie Hebdo der Fall war. Am Freitag war jedermann betroffen, dazu gehört der Fußballer. Ich sehe das nicht, warum die Spieler in einer besonderen Form betroffen sein sollten. Wir wissen nicht, ob die Attentäter tatsächlich ins Stadion eindringen und speziell die Spieler angreifen wollten.

Aber sind es nicht diese Ungewissheiten, die die Spieler umtreiben? Nehmen wir das Beispiel „Flitzer“. Gerade in den vergangenen Monaten haben Profis junge Fans in Schutz genommen, die euphorisch auf ihre Stars auf dem Platz zuliefen. Nun stelle man sich vor, einem Terroristen wäre es gelungen, auf einen Spieler zuzulaufen. Darüber denken wir Beobachter nach – und doch sicher auch die Stars.

Prof. Florian Holsboer: Sicherlich hat ein Spieler, der im Mittelpunkt steht, in besonderer Weise daran zu knabbern. Das gilt auch für Künstler beispielsweise, für Menschen insgesamt, die in der Öffentlichkeit stehen. Möglich, dass sie ihrer Arbeit in Zukunft nicht mehr unbeschwert nachgehen können. Für die Spieler, in dem Fall, kann das alles eine besondere Belastung sein. Auch wenn man sagen muss: Ihnen als Reporter kann auf der Tribüne genauso etwas passieren. Wir sind alle ein Ziel geworden, das ist die Botschaft der Islamisten.

Was können wir alle nun tun? Wie kann man sich Hilfe suchen?

Prof. Florian Holsboer: Darüber zu reden, wird schon helfen. Aber auch genau das, was mit dem Spiel in Hannover bezweckt wird: Nicht einschüchtern lassen! Einschüchtern lassen bedeutet: Niederlage. Und das wollen die Terroristen ja erreichen.

Sie haben eben gesagt: Auch Fußballprofis leben nicht auf einer Insel. Und doch wurden sie aus einer heilen Welt herausgerissen. Fußballer werden umsorgt, genießen Ansehen, Privilegien.

Prof. Florian Holsboer: Das stimmt. Sie leben in einer heilen Welt, immer umgeben von der Entourage, die sie beschützt. Und nun wird ihnen bewusst, dass sie auch von ihrer Entourage nicht immer und gegen alles geschützt werden können.

Wird von den Spielern zudem zu viel verlangt? Gerade jetzt sollen sie sich als Vorbilder in der Gesellschaft am besten bedeutungsschwer zu den Ereignissen äußern.

Prof. Florian Holsboer: Das ist zu viel, mit Sicherheit. Gerade was das „Bedeutungsschwere“ betrifft, sollten wir alle keine allzu großen Erwartungen mehr haben. Die sollen spielen und vielleicht danach etwas zu der Partie sagen. Aber ich brauche keinen Spieler, der als Meinungsstifter für solche Ereignisse zur Verfügung steht.

Gibt es eine Art Zeitrahmen nach solchen Geschehnissen, nach dem sich die Dinge für uns wieder normalisiert haben?

Betroffenheit: Co-Trainer Thomas Schneider informiert die Spieler.

Prof. Florian Holsboer: Ja, dasist das Schlimme: Es geht zu schnell. Nehmen wir die Attentate auf die Redaktion von Charlie Hebdo, das ging ja erstaunlich schnell, wie das danach alles seinen gewohnten Lauf nahm. Nach 9/11 war es noch so, dass bis fünf Tage danach niemand so recht aus der Stadt, aus Manhattan herauskam – aufgrund von Brücken- und Tunnelsperrungen. Das war dann schon so, dass man sich im Kopf nicht so recht freimachen konnte von den Anschlägen. Nun bin ich mir nicht sicher, wie es sein wird. Zumal, wie es heißt, die Franzosen schon verstärkt Stellungen des IS in Syrien bombadiert haben. Man will auch da zeigen, wir lassen uns nicht einschüchtern. Das wird nun also länger in unserem Gedächtnis bleiben.

Nächstes Jahr findet in Frankreich die EM statt, die deutschen Spieler könnten dann erstmals wieder im Stade de France auflaufen. Eine schwere Bürde?

Prof. Florian Holsboer: Ja, ganz bestimmt. Das werden die Spieler im Kopf haben, daran wird man denken. Das ist so – wie man einen Spielort nicht vergisst, an dem man unglücklich verloren hat, nur in einer anderen Dimension. Es wird besonders viel nötig sein, um das zu überwinden. Denn hier fängt man nicht einfach bei null an. Man hat die Gedanken an dieses Ereignis im Kopf. Da wird es eines gewissenhaften psychologischen Coachings bedürfen.

Das erste Spiel heute Abend ist der erste Schritt in die Normalität?

Prof. Florian Holsboer: Natürlich. Jetzt folgt die Trotzreaktion: Wir lassen uns nicht unterkriegen.

Interview: Michael Knippenkötter

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