Weltmeister im Interview

Auftaktpleite gegen Franzosen: Breitner wettert gegen DFB-Stars - Ärger über einen „Schönwetterfußballer“

Das DFB-Team hat bei der EM 2021 den Auftakt vergeigt. Paul Breitner hadert exklusiv bei der tz mit zwei „Ballverwaltern“, Mats Hummels - und hält Kai Havertz für überbewertet.

München - Das war nichts! Dieser Meinung ist zumindest Paul Breitner, der den EM-Auftakt der DFB-Elf gegen die Franzosen am Dienstag natürlich ebenfalls verfolgte und der tz unmittelbar nach Abpfiff Rede und Antwort stand. Wie das Urteil des 69 Jahre alten Welt- und Europameisters ausfällt, lesen Sie hier im Interview.

Herr Breitner, wie fällt Ihr Fazit zum EM-Debüt der deutschen Nationalelf aus?
Paul Breitner: Bis auf einzelne Passagen war das alles zu lieb, zu nett und zu brav. Das habe ich immer zu meinen Kindern und Jugendlichen gesagt, wenn bei ihnen mal ein Spiel so dahingeplätschert ist. Man hatte doch den Eindruck: Was soll sich denn da überhaupt tun? Das rührt daher, dass unser Mittelfeld aus Weltmeistern des Sicherheitsfußballs besteht. Franz Beckenbauer würde es wohl Altherrenfußball nennen (hier geht‘s zu den Pressestimmen).
Sie meinen Toni Kroos und Ilkay Gündogan?
Breitner: In der Tat. Keine Aggressivität. Kein Versuch, mal ein Loch nach vorne zu reißen. Gar nichts. Später heißt es wieder, dass 80 Prozent ihrer Zuspiele angekommen sind. Aber was hat die Mannschaft davon, wenn bei keinem dieser Pässe etwas Nennenswertes passiert? Immer das gleiche Hin-und-her-Geschiebe! Und diejenigen, die darunter leiden, sind die vorne im Angriff.

Breitner: „Dreierkette der DFB-Auswahl ist doch die reinste Augenwischerei“

Gegen Portugal ist die Mannschaft direkt unter Zugzwang.
Breitner: Da brauchen wir die Aggressivität, die wir bei Frankreich gesehen haben. Während Kylian Mbappé ein ums andere Mal den direkten Weg zum Tor sucht, schlagen wir nur Halbfeldflanken. Und auch diese Dreierkette ist doch die reinste Augenwischerei. Wenn die Franzosen den Ball mal geordnet abgefangen haben, hatten wir oft fünf Mann hinten drin. So habe ich dann links und rechts zwei Mann, die zur Hälfte Verteidiger und zur Hälfte Mittelfeldspieler sind. Dann biete ich doch gleich eine Viererkette auf, dann wäre Joshua Kimmich bei der Hereingabe vor dem Tor nämlich zur Stelle gewesen. So ist er aber in die Mitte geirrt.
Sie haben das Eigentor von Mats Hummels bereits angesprochen…
Breitner: Ich weiß ja nicht so recht, ob diese Rückholaktion wirklich durchdacht war. Mit dem Eigentor an sich hat das überhaupt nichts zu tun, sondern vielmehr mit der Entstehung des Treffers. Seit Jahren antizipiert Hummels nicht mehr. Früher war er noch der Weltmeister im Antizipieren, war immer vor dem Ball am Ort des Geschehens. Wirft man nun einen genauen Blick auf die Entstehung des Tors, so lässt sich erkennen, dass er zu spät reagiert.
Toni Kroos und Co. haben beim EM-Auftakt der DFB-Elf gegen Frankreich eine Pleite kassiert.

DFB-Team: Havertz zu früh hochgelobt? „Bleibt er kein Schönwetterfußballer...“

Vorne bekam Havertz den Vorzug vor Sané.
Breitner: Ein einziges Tor macht einen Spieler nicht gleich 30 Prozent besser. Es war fahrlässig, den Burschen nach dem Finaltreffer auf so eine Stufe zu heben. Als ob er jetzt der Überflieger wäre. Bleibt er kein Schönwetterfußballer, hat er sicher eine große Zukunft vor sich. Er wird sich noch ein paar Jahre durchbeißen müssen. Und er braucht auch ein Mittelfeld, das ihn da vorne einzusetzen weiß. Dass wir dort mit zwei Ballverwaltern spielen, hatte ich ja eingangs bereits erwähnt.

Für Wirbel sorgte vor der Partie ein Greenpeace-Aktivist. Sogar der Coach der Franzosen wurde bei der Aktion leicht verletzt.


Interview: José Carlos Menzel López

Rubriklistenbild: © Matthias Hangst / POOL / AFP

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