Nach 0:6-Debakel in Spanien

„Das lernt er nicht mehr“: Sportpsychologe erklärt, warum Löws Zeit als DFB-Trainer vorbei ist

Joachim Löw steht im Kreise seiner Nationalspieler und spricht.
+
Erreicht Bundestrainer Joachim Löw seine Spieler noch?

Joachim Löw wirkt nach dem Debakel der DFB-Auswahl in Spanien ratlos. Sportpsychologe Matthias Herzog analysiert, warum ein neuer Bundestrainer her muss.

  • Joachim Löw wird nach dem 0:6 gegen Spanien beim DFB-Team als Bundestrainer angezählt.
  • In der tz erklärt Sportpsychologe Matthias Herzog, wo Jogis größte Schwächen liegen.
  • Der Experte äußert zudem Kritik am DFB und eine düste Vorahnung mit Blick auf die EM 2021.

Herr Herzog, der deutsche Fußball ist nach der 0:6-Klatsche in Spanien am Boden. Und das trotz Weltmeister-Trainer Joachim Löw. Wie kommts?

Matthias Herzog: Wir haben seit der Amtszeit von Jürgen Klinsmann eine Riesen-Qualität in der Nationalmannschaft, aber seit vielen Jahren eben auch den falschen Bundestrainer. Wir sind trotz Joachim Löw so erfolgreich gewesen - und nicht wegen ihm. Bei der vorhandenen Spieler-Qualität hätte mehr als ein Weltmeistertitel herausspringen müssen.

Wieso reichte es nur für den einen Titel?

Herzog: Deutschland ist ein Team von Schönwetterspielern. Wenn die Sonne scheint, ist die Qualität so groß, dass Brasilien mit 7:1 ausgetanzt wird. Wenn aber Rückschläge kommen, gibt es keinen, der dazwischengrätscht. Die spielerische Qualität ist zweifelsfrei vorhanden, aber oft fehlt es an der Einstellung - so wie in Spanien. Und der Fisch stinkt immer vom Kopf!

Sie meinen Bundestrainer Löw?

Herzog: Löw ist beratungsresistent, er macht immer genau das Gegenteil von dem, was ihm alle empfehlen. Damit tut er sich selbst keinen Gefallen. Mit dieser Art hat er Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng komplett die Tür verschlossen. Löw eliminiert jeden, der auch nur ein bisschen unangenehm ist. Macher-Typen wie Michael Ballack oder Oliver Kahn haben wir schon seit Jahren nicht mehr in der Nationalmannschaft. Dabei ist es heute die Hauptaufgabe eines Trainers, egoistische Spieler teamfähig zu machen - so wie es Jupp Heynckes mit Arjen Robben und Hansi Flick mit Robert Lewandowski geschafft haben. Solche Typen sind lebenswichtig für den Team-Erfolg.

DFB-Team: Herzog fehlen Anführer wie der heutige Bayern-Vorstand Oliver Kahn

Einen solchen Anführer gab es in Sevilla nicht.
Herzog: Egal ob Toni Kroos, Ilkay Gündogan oder Leon Goretzka: Das sind alles introvertierte Spielertypen. Sie müssen von Trainerseite herangeführt werden, mehr auf dem Platz zu kommunizieren. Kahn konnte seine Mannschaften früher mit einem einzigen Schrei aufwecken. Manuel Neuer dirigiert vielleicht seine Abwehrkette, aber bis ganz nach vorne reicht das nicht. Von der Kreisliga bis zur Nationalelf gilt: Wenn es nicht läuft, halten alle auf dem Platz die Klappe.

In München klappt es mit einigen DFB-Spielern bestens.

Herzog: Beim FC Bayern wirken die Spieler wie eine Familie, sie fahren zusammen in den Urlaub. Bei der Nationalmannschaft ist die Atmosphäre viel schlechter, die Spieler haben offenbar gar keinen Bock. In Spanien grenzte es an Arbeitsverweigerung. Schon bei der WM 2018 war das DFB-Team ein Haufen von Spielern, die nur eine Zweckgemeinschaft gebildet haben. Daran muss dringend gearbeitet werden - und wenn ein Trainer das nicht hinbekommt, muss darüber nachgedacht werden, wer das eher leisten kann.

Löw scheinen die Erklärungen zu fehlen. Er nutzte nach der Spanien-Pleite vor allem das Wort irgendwie.

Herzog: Wenn du als Trainer nicht mal den Ansatz einer Erklärung hast, zeigt das, dass du nicht mehr nah genug an der Mannschaft bist. Löw hätte seiner Mannschaft spätestens in der Halbzeitpause sagen müssen: „Bis hierhin und nicht weiter.“

Nationalmannschaft: „Rosarote Brille“ - Sportpsychologe kritisiert DFB und Präsident Keller

Ist Löw aus psychologischer Sicht dann noch der Richtige?

Herzog: Als Trainer musst du die Spieler heute auf der zwischenmenschlichen Ebene abholen, die Kommunikation entscheidet über den Erfolg. Löw ist der Typ introvertierter Perfektionist - Stichwort „Högschde Disziplin“. Er ist der Schnürsenkelbügler, der Taktiker. Auf der zwischenmenschlichen Ebene passiert bei ihm viel zu wenig. Das hat Löw noch nicht gelernt - und er wird es wohl auch nicht mehr.

DFB-Präsident Fritz Keller sprach davon, dass der Umbruch noch in vollem Gange sei und die „junge Mannschaft“ am „herben Rückschlag“ wachsen könne.

Herzog: Das sind Vorwände und Ausreden, die Funktionäre haben die rosarote Brille auf. Gegen Spanien gab es den kompletten Blackout, aber eine positive Entwicklung war in den Spielen zuvor schon nicht zu sehen. Man kann sich alles schönreden, aber es ist nichts mehr von dem vorhanden, was die deutsche Nationalelf über Jahre ausgezeichnet hat. Im Moment wird alles dafür getan, dass bei der EM wieder in der Vorrunde Schluss ist.

Interview: Jonas Austermann

Auch interessant

Kommentare