Ex-Weltmeister ziemlich anfällig

DFB-Dilemma: Nur noch Mittelmaß? Bayern-Star plötzlich in der Schlüsselrolle

Das schwächelnde DFB-Team konnte beim Länderspiel-Block nicht wirklich überzeugen. Hansi Flick verteidigt Joachim Löw, doch es bleiben mit Blick auf die Nationalmannschaft Fragen.

  • Nach drei Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft steht fest: Es gibt einige Baustellen im DFB-Team.
  • Ist die Auswahl von Joachim Löw nach sieben Gegentoren in drei Spielen womöglich ins Mittelmaß abgerutscht?
  • Die sportliche Lage hat Gründe, die auf der Hand liegen. Sie finden sich nicht ausschließlich in der Defensive.

Köln - Ausufernde Experten-Kritik von ehemaligen Weltmeistern, ein überflüssiges Testspiel gegen die Türkei, Reisen vom einen Corona-Risikogebiet ins nächste. Der zurückliegende DFB-Lehrgang, der am Dienstagabend mit einem wilden 3:3 gegen die Schweiz endete, war für Bundestrainer Joachim Löw alles andere als eine ruhige Arbeitswoche. Kein Wunder also, dass Jogi irgendwann Dampf ablassen musste. Das tat er im letzten Nations-League-Auftritt seiner Mannschaft in Köln in der 89. Minute:

Nach einem Fehlpass von Julian Draxler in aussichtsreicher Position im Strafraum schimpfte Löw und schlug mit der Faust gegen das Dach der Auswechselbank. Die letzte Großchance war vergeben – und somit auch der angestrebte Sieg. Vielleicht hätte ein 4:3-Erfolg auch nur unnötig über die aktuelle Einschätzung der Nationalelf hinweggetäuscht. So aber stellt man sich die Frage: Ist Deutschland nur noch Mittelmaß? Stand jetzt: Ja! Und das sind die Gründe.

Deutsche Nationalmannschaft in der Sinnkrise: Taktischer Widerspruch beim DFB-Team

Die Systemfrage ist nicht geklärt: Dreier-Reihe? Fünfer-Verbund? Viererkette? Welche Abwehr-Formation Löw bevorzugt, weiß er selbst nicht. Noch vor dem Schweiz-Spiel klang es ganz danach, als sei die Dreierkette in Stein gemeißelt. Dann schickte der Bundestrainer doch vier Abwehrspieler aufs Feld. In Jogis Augen ist das System ohnehin irrelevant, das wurde in den vergangenen zehn Tagen anhand seiner Äußerungen deutlich. Ihm geht es darum, dass seine Mannschaft die Philosophie umsetzt, die das Trainerteam vorgibt. Die taktische Grundformation ist nur Mittel zum Zweck. Löw möchte variabel sein. Das Problem hierbei liegt auf der Hand. Auf der einen Seite soll die DFB-Elf durch ihre Flexibilität unberechenbar sein, auf der anderen Seite soll sie sich bis zum Start der Europameisterschaft im kommenden Sommer weitgehend eingespielt haben. Vor allem dann, wenn Löw sagt: „Das EM-Halbfinale bleibt das Minimalziel!“.

3:3 gegen die Schweiz: Zum zweiten Mal in Folge kassierte das DFB-Team in einem Heimspiel drei Gegentore.

Der Triple-Triumph des FC Bayern unter Jogis Ex-Co-Trainer Hansi Flick sollte ihm gezeigt haben, wie wichtig es ist, dass sich eine Mannschaft in einem System einspielt. Nur so können die im modernen Fußball wichtigen Automatismen funktionieren. Das sehen auch die Kritiker um Lothar Matthäus so. Rückendeckung erhält Jogi von Flick. „Ich habe mit der Nati auch schon solche Momente erlebt, wo man ausprobiert hat“, sagte der Bayern-Coach. „Das ist die Pflicht eines Trainers. Die Situation ist für den Bundestrainer und alle anderen nicht einfach. Es sind Spiele an Spiele und man hat kaum Zeit, etwas einzustudieren.“ Flicks Fazit: „Was aktuell passiert, finde ich sehr übertrieben. Jogi hat einen sensationellen Job gemacht und wenn es dann mal nicht so läuft, kommen viele hervor und üben Kritik – viele auch, die schon seit 30 Jahren keinen Ball an den Füßen hatten.“

DFB-Team mit Abwehrsorgen? Die Anfälligkeit lässt sich an einer Personalie festmachen

Die Abwehr ist (noch) führungslos: Niklas Süle soll die Defensive bei der anstehenden EM 2021 als Abwehrchef dirigieren. Daran ließ der Bundestrainer keinen Zweifel, als er nach dem 3:3 gegen die Schweiz konkret nach Namen mit Defensiv-Leader-Qualitäten gefragt wurde, nannte er als Erstes den Profi vom FC Bayern München: „Niklas Süle ist ein Spieler, der zuletzt in unserer Abwehr immer gesetzt war. Wenn er gesund ist, ist der Niklas natürlich ein sehr wichtiger Spieler.“

Allerdings hat Süle nach seinem Kreuzbandriss sein absolutes Leistungsniveau verständlicherweise noch nicht erreicht. In München hätte er in diese Rolle ebenfalls hineinwachsen sollen, doch dann verletzte er sich. Beim FCB hat mittlerweile David Alaba die Abwehrchef-Rolle inne. Beim DFB muss Süle nun die Rolle als unumstrittener Abwehrchef annehmen.

Deutsche Nationalmannschaft: Ein starker FC-Bayern-Block reicht nicht aus

Der FC-Bayern-Block alleine reicht nicht aus: Die Hoffnungen waren groß, nachdem die Münchner Triple-Sieger um Kapitän Manuel Neuer zurückkehrten. Doch nach den Partien gegen die Ukraine und die Schweiz muss man sagen: Ein starker FC-Bayern-Block alleine reicht beim DFB nicht für Erfolge aus. Kein Wunder, beim Rekordmeister haben die FCB-Stars auch internationale Top-Spieler wie Robert Lewandowski oder Kingsley Coman, die in die Bresche springen, wenn es mal nicht läuft. Daher sind nun die DFB-Kollegen wie Timo Werner, Toni Kroos oder Kai Havertz gefordert, die Münchner zu entlasten.

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