Sommermärchen gekauft?

Anti-Korruptions-Expertin: "Zwanziger muss das aufklären"

+
Schwere Zeiten: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (l.) und sein Vorgänger Theo Zwanziger sind in Erklärungsnot.

München - Während sich der DFB weiter gegen die Meldungen über eine schwarze Kasse wehrt, gerät nun auch Theo Zwanziger unter Druck. Anti-Korruptions-Expertin Sylvia Schenk fordert Antworten.

Frau Schenk, wie sehen Sie die Spiegel-Veröffentlichung?

Schenk, Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei Transparency International: Die angebliche Rückzahlung ist der einzige Fakt, den es gibt, alles andere ist Spekulation. Theo Zwanziger war 2005 Vizepräsident des OK und dort für Finanzen zuständig, als Horst R. Schmidt laut Spiegel ihm und Meyer-Vorfelder das Darlehen gebeichtet hat. Zwanziger muss nachgefragt haben, wofür das Geld ausgegeben worden ist. Mich würde interessieren, welche Antwort er darauf bekommen hat. Zwanziger muss mehr wissen, als er sagt, ich erwarte von ihm, dass er das aufklärt, aber das hat er über seinen Anwalt ja auch angekündigt. Interessant wird auch, ob die Bild-Berichterstattung stimmt und Zwanziger die schwarzen Kassen tatsächlich geleugnet hat, der Spiegel es aber nicht abgedruckt hat.

Jetzt ermittelt die FIFA-Ethikkommission, wann gibt es ein Ergebnis? 

Sylvia Schenk.

Schenk: Schwer zu sagen, die Kommission hat viel auf dem Tisch, eine Entscheidung im Fall von Michel Platini ist derzeit dringender. Wobei mich an der Ethik-Kommission stört, dass sie ihre Ergebnise nie öffentlich begründet. Es ist sicher kein Zufall, dass beides parallel öffentlich ist. Ist der Deckel erst mal vom Topf, wird immer mehr gewühlt, und es gibt zudem Spielereien im Hintergrund. Aus Sicht von Transparency sind aber nur die Dinge hilfreich, die fundiert sind.

Kann Platini – stand heute – seine Kandidatur aufrecht erhalten? 

Schenk: Ich würde ihm empfehlen zurückzuziehen, das wäre kein Schuldgeständnis, aber er täte der FIFA damit einen Gefallen, dass die Wahl geordnet ablaufen kann. Wenn er seine Unschuld später beweisen kann, wäre er immer noch UEFA-Präsident. Bei Wolfgang Niersbach gibt es weit weniger Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten. Das ist ein gutes Stück unter Platini anzusiedeln. Im Übrigen gibt es keine Kandidatur von Herrn Niersbach, also auch keinen Zeitdruck.

Die FIFA hält den 350 Seiten umfassenden Garcia-Bericht zu den WM-Vergaben 2018 und 2022 weiter geheim. Könnte er auch mehr Licht in den DFB-Fall bringen?

Schenk: Der Bericht sollte veröffentlicht werden, in Sachen DFB erwarte ich mir davon aber nichts, da es nur um 2018 und 2022. Was wir aus dem Bericht bereits wissen ist, dass bei diesen Vergaben fast alle getrickst haben. Daraus kann man aber nicht automatisch etwas für 2006 schließen. Man muss zudem den Kontext vor 2000 sehen, Privatbestechung war bis 1999 in Deutschland nicht strafbar, Auslandsbestechung bis 1996 sogar von der Steuer absetzbar. Ethisch verwerflich wäre es natürlich trotzdem.

Sie haben dem DFB schon in der Vergangenheit empfohlen, die WM-Vergabe zu prüfen, sind Sie froh, dass jetzt alles auf den Tisch kommt? 

Schenk: Es ist gut, dass es zu konkreten Punkten Untersuchungen gibt, aber eine hunderprozentige Sicherheit, dass die WM nicht gekauft wurde, kann es sowieso nicht geben. Und dass die WM nicht nur durch den Charme von Franz Beckenbauer nach München vergeben wurde, stand schon 2003 im Manager Magazin.

Niersbach: "Gab keine schwarzen Kassen"

Ein gekauftes Sommermärchen? Schwarze Kassen? Nein, beteuert Wolfgang Niersbach erneut, die WM habe man mit „lauteren Mitteln“ für sich entschieden. „Das Sommermärchen ist nicht zerstört. Es hat keine schwarzen Kassen gegeben, es hat keinen Stimmenkauf gegeben“, sagte der DFB-Präsident gestern im deutschen Fußballmuseum in Dortmund. Nachfragen der Journalisten waren nicht erlaubt.

Wer bringt jetzt Licht ins Dunkel? Weitere Neuigkeiten zur 6,7-Millionen-Euro-Zahlung von Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus gab es von Seiten des DFB nicht. Die Bild-Zeitung berichtet, dass die Zahlung erst 2002, zwei Jahre nach der WM-Vergabe, stattgefunden haben soll und weder auf ein Konto des DFB noch des Organisationskomitees ging. Laut Spiegel „deutet viel darauf hin“, dass sie 2000 erfolgte. Beweise will oder kann niemand vorlegen.

Zwanziger will seine Erkenntnisse offenlegen

Horst R. Schmidt, Theo Zwanziger, Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach (v. l.)

Dafür attackierte Theo Zwanziger DFB-Boss Niersbach. „Seit drei Jahren bittet Dr. Zwanziger den DFB-Präsidenten Niersbach, seiner Pflicht zur Aufklärung nachzukommen“, hieß es in der von Bild veröffentlichten Passage einer Mail von Zwanziger-Anwalt Hans-Jörg Metz. Zudem kündigte Zwanziger, der im Urlaub weilt, eine zusammenfassende Darstellung „aller ihm vorliegenden Erkenntnisse“ an.

FCB-Boss Karl-Heinz Rummenigge glaubt weiter an die Unschuld aller Beteiligten: „Ich kenne Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach seit langer Zeit. Das sind Ehrenmänner. Beide haben glaubhaft und seriös versichert und auch verkündet, dass die Behauptungen nicht stimmen. Ich glaube allen dreien“, sagte Rummenigge.

Das Problem: Dass im mafiösen FIFA-System und gerade im Exekutivkomitee auch viele Nicht-Ehrenmänner aktiv sind und waren, ist belegt. Und sie sind es, die über mögliche Sommermärchen abstimmen.

Interview und Text: Mathias Müller

auch interessant

Meistgelesen

Juventus ändert Vereinslogo - wütender Aufschrei der Fans
Juventus ändert Vereinslogo - wütender Aufschrei der Fans
DFB-Sportdirektor Flick hört überraschend auf 
DFB-Sportdirektor Flick hört überraschend auf 
Brutale Szenen: Väter prügeln sich bei Jugendspiel
Brutale Szenen: Väter prügeln sich bei Jugendspiel
So sieht der Spielplan des Afrika-Cup 2017 aus
So sieht der Spielplan des Afrika-Cup 2017 aus

Kommentare