1. tz
  2. Sport
  3. Fußball

Diesmal ohne Halle(r)luja

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
Schon ein Hauch von Aufstiegsfeier: Augsburger Spieler nach dem 1:0-Erfolg in Karlsruhe. © dpa

Augsburg - Der FC Augsburg steht am Tor zur Ersten Liga. Es wird ein Aufstieg ohne Haller- und Halleluja, es wird ein sachlicher Akt, die Vollendung des Masterplans von Visionär Walther Seinsch.

In den 70er-Jahren war die Sprache des Sports noch nicht so plakativ. Aber für den Fußball in Augsburg wurde damals ein Begriff geprägt, der den Wortspielwahn der RTL- und Sat.1- Zeit vorwegnahm und der dabei sogar treffend war: das „Hallerluja“.

Die Geschichte: 1973 stieg der FC Augsburg von der Bayernliga auf in die Regionalliga Süd, seinerzeit eine von mehreren zweithöchsten Spielklassen, und der personelle Coup war: Man holte Helmut Haller, den berühmten Fußballsohn der Stadt, aus Italien zurück. Haller, 34, noch immer blond, aber schon füllig, verzauberte den FCA und die Liga. Im Schnitt 23 000 kamen zu den Heimspielen in die Rosenau, 90 000 wollten Haller im Münchner Olympiastadion gegen den TSV 1860 sehen. Der FCA wurde Erster in der Regionalliga, erst in der Aufstiegsrunde (mit FC St. Pauli, TeBe Berlin, Borussia Neunkirchen, Rot-Weiß Oberhausen) verstummte das „Hallerluja“. Ein Punkt fehlte - Jahre später stellte sich heraus, dass die damalige Mannschaft unauffällig gebremst hatte. Die guten Zeiten gingen schnell zu Ende. Man hatte kurz mal Max Merkel als Trainer, 1982 stieg der FCA ab, erst 24 Jahre später kehrte er in den Profifußball zurück.

Die wertvollsten Spieler des FC Augsburg

Und nun steht der ultimative Aufstieg bevor. Die Ausgangslage ist komfortabel nach dem 1:0-Sieg am Montag in Karlsruhe. „Die Tür ist aufgetreten, jetzt müssen wir nur noch durchgehen“, sagt Jos Luhukay, der holländische Trainer des FC Augsburg.

Es wird ein Aufstieg ohne Haller- und Halleluja, es wird ein sachlicher Akt, die Vollendung eines Masterplans. Der stammt von Walther Seinsch. Der ehemalige Textilunternehmer aus dem Rheinland („Takko“) hatte den FC Augsburg übernommen, als der im Jahr 2000 ganz unten war: So gut wie pleite (Folge des Absturzes von Hauptsponsor Infomatec, ein Unternehmen vom Neuen Markt), nur noch Viertligist. Seinschs Vision war: Investition, Aufstieg(e), Bau eines neuen Stadions. Inzwischen steht es, Name „Impuls Arena“, weitgehend vom Verein selbst finanziert. Nur die Fassade fehlt. Der dafür vorgesehene Sponsor war abgesprungen, nun steht das Stadion als Betonskelett an der B 17, der FCA wäre vertraglich verpflichtet, für eine Verkleidung zu sorgen, will das Geld (zwei Millionen) aber derzeit lieber in Beine als Steine investieren und streitet deswegen mit der Stadt.

Der FCA gilt wegen der Seinsch-Spritzen als reicher Klub in der 2. Liga, Manager Andreas Rettig hat einen prominenten Kader zusammenstellen können mit Ex- und Bald-wieder-Bundesligaakteuren wie Torhüter Simon Jentzsch, Abwehrchef Uwe Möhrle oder den Offensivkräften Michael Thurk, Nando Rafael, Daniel Baier und Marcel Ndjeng. Trainer Jos Lukukay hat dazu vier Spieler aus der holländischen Ehrendivision geholt. Der FCA hat einen breiten Kader, das zahlt sich aus. Luhukay kann es sich leisten, den Publikumsliebling Thurk gelegentlich nicht zu berücksichtigen, wenn er der Meinung ist, die Trainingsleistung sei ungenügend gewesen.

Mit Luhukay sind trotz des Erfolgs nicht alle FCA-Fans im Einklang, auch Manager Rettig erreicht nicht immer die Herzen. Euphorische Zustände sind in Augsburg auch jetzt nicht anzutreffen. Der Zuschauerschnitt liegt bei 19.489, das ist ordentlich, aber von Freikartenaktionen gestützt und füllt das neue Stadion nur zu zwei Dritteln. Man merkt, dass in den tristen drei Jahrzehnten dem FC Augsburg mehr als nur eine Fan-Generation verloren gegangen ist.

Der Bundesliga-Aufstieg kommt zu einer nicht unkritischen Zeit. Walther Seinsch, immer noch Vorstandsvorsitzender des FC Augsburg, hat angekündigt, nicht weiter investieren zu wollen und können. Es geht ihm auch nicht gut: Wegen Depressionen ist der 69-Jährige in ärztlicher Behandlung und wohnt in Münster, Hunderte von Kilometern von Augsburg entfernt. Bei Spielen ist er nur noch selten, meist verfolgt er aus der Distanz, wie sich sein Lebenswerk in diesen Wochen vollendet.

Von Günter Klein

Auch interessant

Kommentare