"Eigentor": Harsche Kritik an Löw

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Joachim Löw steht in der Kritik

Warschau - Bislang hatte Joachim Löw aus dem Bauch heraus die richtigen Entscheidungen gefällt. Gegen Italien verzockte sich der Bundestrainer beim Aufstellungspoker. Dafür erntet er harsche Kritik.

Ein einziges Mal war auf sein „Bauchgefühl“ kein Verlass - und urplötzlich stand „Jogi Superstar“ im Kreuzfeuer der Kritik. Beim Aufstellungspoker hatte sich Bundestrainer Joachim Löw ausgerechnet gegen den Taktik-Weltmeister Italien verzockt, die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. „Wir haben uns mit unserer Aufstellung selbst geschlagen. Das war ein Eigentor von Löw“, sagte Bernard Dietz, Kapitän der deutschen Europameister-Elf 1980, der Bild-Zeitung und stellte sich damit an die Spitze der Kritiker.

"Balla-Balla-Balotelli ballert Deutsche ab" - Pressestimmen zum Deutschland-Aus

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The Sun (England): Magischer Mario © Screenshot

„Im Nachhinein kann man immer sagen, man hätte dieses und jenes anders machen können“, verteidigte sich Löw, der beim Halbfinal-K. o. (1:2) wieder auf Mario Gomez und Lukas Podolski sowie erstmals auf Toni Kroos gesetzt hatte. Der erneuten Personal-Rochade waren Marco Reus, Miroslav Klose und Andre Schürrle, die beim 4:2 im Viertelfinale gegen Griechenland für viel Schwung gesorgt hatten, zum Opfer gefallen.

Gomez habe in der Vorrunde drei Tore geschossen „und war nach dem Griechenland-Spiel sehr motiviert, weil er nicht von Beginn an gespielt hat“, sagte Löw. Kroos habe er „zusätzlich an zentraler Stelle im Mittelfeld“ haben wollen, um dort Daniele De Rossi und vor allem Andrea Pirlo aus dem Spiel zu nehmen. Löws Rotation, die gegen die Griechen noch in den höchsten Tönen gelobt worden war, blieb diesmal für viele nicht nachvollziehbar.

Diesmal hat er mit Gomez und Podolski die Falschen aus dem Zylinder gezogen. Die Umstellungen gegenüber dem Viertelfinale gegen Griechenland sind nur schwer zu verstehen“, sagte der Ex-Nationaltorwart Toni Schumacher im ZDF-Morgenmagazin.

Aus der Bundesliga erhielt Löw allerdings Unterstützung. Eintracht Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen verteidigte den DFB-Chefcoach. „Ich schließe mich zu 100 Prozent der journalistischen Meinung der letzten Tage an: Joachim Löw hat ein großartiges Bauchgefühl und ist ein wunderbarer Trainer“, sagte er dem SID, „und ich ändere meine Meinung nicht von einem auf den anderen Tag.“

Kritische Worte fand indes der ehemalige DFB-Kapitän Michael Ballack. „Das ist ein wirklich gutes Team, aber es gab zu viele Wechsel in den letzten zwei, drei Spielen“, sagte der Ex-Capitano als EM-Experte beim US-Sportsender ESPN: „Wenn du 18, 20 wirklich gute Spieler hast, ist das ein Luxusproblem. Das gab es in den Jahren zuvor nicht. Aber das heißt auch nicht, dass man alle spielen lassen muss.“ Über Löw, der ihn nach der WM 2010 ausgebootet hatte, sagte Ballack: „Ich denke, es wird Fragen geben über ihn und seine Entscheidungen, sein Coaching und seine Wechsel während dieses Turniers.“

Zu diesen Fragen wollte sich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke vom deutschen Meister Borussia Dortmund nicht äußern. „Es ist das Privileg des Trainers, die Mannschaft aufzustellen“, sagte Watzke dem SID, er wolle Löw nicht kritisieren. Allerdings gab er zu: „Es war schon überraschend.“

Der 53-Jährige hatte das EM-Aus in Warschau auf der Tribüne erlebt. „Es ist sehr enttäuschend, aber kein Weltuntergang. Wir müssen jetzt nicht in Sack und Asche gehen“, sagte er. Die Mannschaft habe nicht ihr ganzes Leistungsvermögen abgerufen. „Wir haben die PS, die wir haben, nicht auf die Strecke gebracht. Wir haben nicht am Limit gespielt, das muss man, wenn man gegen diese Italiener mit ihrer Coolness und Cleverness gewinnen will.“

Ähnlich sah es auch Franz Beckenbauer. „Das war nicht die wahre deutsche Elf dieser EM. Sie wirkte phasenweise regelrecht leblos“, schrieb der Weltmeister-Kapitän von 1974 und Weltmeister-Teamchef von 1990 in seiner Bild-Kolumne über die enttäuschende erste Halbzeit. An Löws Spielerwechseln wollte Beckenbauer das Aus aber nicht festmachen: „Auch wenn er besonders mit Marco Reus zur Pause seine Entscheidung korrigiert hat.“

sid

"Italien-Fluch" bleibt bestehen - Bilder und Noten zum Spiel

Es hat nicht sollen sein. Die deutsche Nationalmannschaft verliert im Halbfinale gegen Italien knapp mit 1:2. Der Flucht bleibt damit weiterhin bestehen. Deutschland kann gegen Italien in einem Pflichtspiel nicht gewinnen. Für Deutschland traf Mesut Özil in der Nachspielzeit per Foulelfmeter. Italiens Doppeltorschütze heißt Mario Balotelli. Sehen Sie hier einige Bilder des Spiels. © dpa
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Holger Badstuber: Hatte einen rabenschwarzen Tag. Stand von Beginn an vor allem gegen Balotelli auf verlorenem Posten und patzte dann beim 0:1, als er Italiens Skandalnudel aus den Augen verlor. - Note: 5 ©  Oliver Hurst GES DFB
erome Boateng: Ließ auf der rechten Seite zunächst wenig zu und schaltete sich einige Male auch geschickt ins Offensivspiel ein. Ließ sich nach dem 0:2 von der allgemeinen Verunsicherung anstecken. - Note: 4 ©  Oliver Hurst GES DFB
Mario Gomez: Der Held der Vorrunde hatte überraschend wieder den Vorzug vor Italien-Legionär Miroslav Klose erhalten. Der Münchner konnte diesmal das Vertrauen nicht rechtfertigen, hing völlig in der Luft und wirkte in einigen Aktionen sehr unglücklich. Hatte nach 45 Minuten Feierabend. - Note: 5 ©  Oliver Hurst GES DFB
Mats Hummels: Der Dortmunder fing stark an, ließ aber genauso stark nach. Wurde vor dem 0:1 von Cassano vorgeführt und wirkte in der Folge völlig verunsichert. Hätte in der fünften Minute nach Kroos-Ecke das 1:0 machen können. - Note: 5 ©  Oliver Hurst GES DFB
Sami Khedira: Als Stabilisator im Mittelfeld unspektakulär, aber effektiv, seine Anspiele nach vorne verpufften zumeist. Zwang in der 35. Minute Buffon mit einem Gewaltschuss zu einer Glanztat. - Note: 4 ©  Oliver Hurst GES DFB
Miroslav Klose: Der Italien-Legionär kam nach der Pause für Gomez, war sehr bemüht, konnte sich gegen die massierte Abwehr der Azzurri aber ebensowenig durchsetzen wie sein Konkurrent. - Note: 4 ©  Oliver Hurst GES DFB
Toni Kroos: In seinem ersten EM-Einsatz mit einigen guten Aktionen. Drängte vor der Pause immer wieder in die Mitte, um das Spiel anzukurbeln, versuchte es auch mal aus der zweiten Reihe. Nach der Pause wechselte er auf die Podolski-Position, wo er deutlich besser als der künftige Londoner war. - Note: 3 ©  Oliver Hurst GES DFB
Philipp Lahm: Fand nie zu seinem Spiel, leistete sich vor dem 0: 2 einen groben Stellungsfehler. Defensiv und offensiv ein Schatten seiner selbst. Vergab kurz nach der Pause eine große Chance zum Anschlusstreffer. - Note: 4 ©  Oliver Hurst GES DFB
Thomas Müller: Versuchte in den letzten 20 Minuten noch, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Der WM-Torschützenkönig konnte aber auf rechts nichts mehr ausrichten. - Note: - ©  Oliver Hurst GES DFB
Manuel Neuer: Zunächst überdurchschnittlich viel als Feldspieler gefordert. In der 18. Minute nach Montolivo-Schuss erstmals auch als Torwart geprüft. Wurde anschließend zweimal kalt erwischt und war gegen Balotelli beide Male chancenlos. - Note: 3 ©  Oliver Hurst GES DFB
Mesut Özil: Der Spielmacher wich zunächst ständig auf die rechte Seite aus, bekam aber keinen Zugriff auf das Spiel. Machte in der 27. Minute mit einem Schuss auf sich aufmerksam, ließ seine Klasse aber nur ansatzweise aufblitzen. Spielte im zweiten Durchgang wieder zentral, aber genauso uneffektiv. Traf per Handelfmeter zum 1:2. - Note: 4 ©  Oliver Hurst GES DFB
Lukas Podolski: War bei seinem ersten EM-„Heimspiel“ ein Totalausfall. Kraft- und saftlos und ohne jegliche Durchschlagskraft. Musste zur Pause zu Recht für Reus raus. - Note: 5 ©  Oliver Hurst GES DFB
Marco Reus: Löste in der 46. Minute Podolski ab und sorgte noch einmal über die rechte Seite für Schwung, traf per Freistoß noch die Latte. Konnte aber auch als Stürmer in der Schlussphase dem Spiel keine Wende mehr geben. - Note: 3 ©  Oliver Hurst GES DFB
Bastian Schweinsteiger: Von Knöchelproblemen war dem Münchner nichts mehr anzumerken. Beschränkte sich überwiegend auf Defensivaufgaben, konnte mit Khedira die Mitte aber nicht wie erhofft dichtmachen. Wirkte nach wie vor gehemmt. - Note: 4 ©  Oliver Hurst GES DFB

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