Interview mit Flemming Povlsen

Gelingt Dänemark der zweite Coup? 1992-Europameister sicher: „Weg ist frei“

Die dänische Nationalmannschaft hat es ins EM-Viertelfinale geschafft.
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Die dänische Nationalmannschaft hat es ins EM-Viertelfinale geschafft.

Dänemark könnte im Spiel gegen Tschechien der nächste Coup gelingen. Es könnte den Einzug ins Halbfinale schaffen. Europameister Flemming Povlsen glaubt an das Team.

München - Das dänische Märchen soll heute (18 Uhr, ARD & MagentaTV) weitergehen. Ein Sieg gegen die Tschechen, und die Sensation wäre perfekt. Ob und wie das gelingen soll, erklärt Flemming Povlsen (54). Das tz-Interview mit dem Mitglied des dänischen Europameister-Teams von 1992.

1992 ist Dänemark für Jugoslawien ins EM-Turnier gerutscht, am Ende wurden Sie völlig überraschend Europameister. Was ist jetzt für die Dänen möglich?
Povlsen: Dänemark war vor dem Turnier der Geheimfavorit. Aus meiner Sicht hatten sie eine zwei- bis dreiprozentige Chance, um vorne mitzumischen. Die Möglichkeit ist enorm gestiegen durch die bisherige Leistung und dadurch, dass Favoriten ausgeschieden sind.
Was macht Dänemark aktuell so stark?
Povlsen: Wenn man die Entwicklung der Nationalmannschaft gesehen hat, fällt auf, dass sie nur sehr wenige Spiele in den letzten Jahren verloren hat. Die Defensive steht gut mit Christensen, Kjaer und Torwart Schmeichel. Alle drei spielen bei namhaften Klubs. Meine Befürchtung war, dass der Offensive die nötige Qualität fehle, um Spiele zu gewinnen. Ich habe mich getäuscht. Wahnsinn, was sie während der EM im vorderen Bereich geleistet haben.
Dänemark könnte der ganz große Coup gelingen, meint der EM-Sieger von 1992, Flemming Povlsen.

Povlsen: „Vor dem Tor der Dänen ist es ganz friedlich“

Welcher Spieler hat Sie am meisten beeindruckt?
Povlsen: Damsgaard ist die dänische Entdeckung bei der Europameisterschaft. Er macht über die linke Seite mit Maele von Atalanta Bergamo ordentlich Dampf. Der wurde bei Atalanta Bergamo gut ausgebildet, so wie Gosens. Maele geht rauf und runter, ist gefährlich, macht Tore. Deswegen hat Trainer Hjulmand mit ihm als Flügelflitzer gespielt. Das hat der Mannschaft enorm geholfen. Auch Poulsen hat die Tore gemacht, obwohl er bei der Nationalmannschaft eigentlich nicht oft trifft.
Was hat Sie überrascht?
Povlsen: Dass Schmeichel bislang so wenige Schüsse halten musste. Es ist ganz friedlich vor dem Tor der Dänen.
Der Weg ins Finale führt über Tschechien und im Halbfinale entweder über England oder die Ukraine. Klingt machbar.
Povlsen: Der Weg ist frei für eine neue Überraschung. Das Lachen ist zurück. Die Stimmung im Lande ist bombig. Auch innerhalb der Mannschaft. Die Spieler sind auch nicht blind, sehen welche Mannschaften noch im Turnier sind.

Das sind die EM-Viertelfinalisten (Video)

Povlsen: „Die Spieler haben um Eriksen einen Kreis des Lebens gebildet“

Inwieweit hat der Herzstillstand von Eriksen die Mannschaftsleistung beeinflusst?
Povlsen: Das waren unfassbar emotionale und dramatische Bilder im Stadion. Die Spieler haben um Eriksen einen Kreis des Lebens, wie ich ihn nenne, gebildet, damit die Ärzte in Ruhe und abgeschirmt arbeiten können. Natürlich schweißt so etwas zusammen. Aber du musst dennoch danach auch noch Leistung abrufen können. Das ist gelungen. Ab dem Moment, als Eriksen operiert wurde und im Teamcamp vorbeigeschaut hat, haben sich die Spieler wieder voll auf den Fußball konzentrieren können. Die Mannschaft reitet nun auf der ganzen Welt auf einer Welle der Sympathie, insbesondere in Europa.
Apropos: 1992 hat die dänische Nationalmannschaft vor Spielen bei McDonald‘s gegessen. Das kam in der Öffentlichkeit gut an.
Povlsen: Die Lockerheit ist aktuell auch vorhanden. Durch Corona muss die Mannschaft in einer Bubble leben. Anfang der Woche sind die Spieler mit der Fähre von Helsingör nach Kopenhagen gefahren. Dort haben sie in einem Sterne-Restaurant gegessen. Man sieht, dass der Verband reicher geworden ist. (lacht) So viel Geld war damals nicht vorhanden. Als wir den Titel geholt haben, haben wir 330.000 Dänische Kronen bekommen, das sind umgerechnet rund 45.000 Euro. Jetzt würde es bestimmt ein bisschen mehr geben...
Auf Ihrem Namensschild stand für vier Jahre nach dem EM-Sieg „Europameister“ anstatt „Povlsen“. Geben Sie im Falle eines erneuten Titels eine Runde Namensschilder für die Spieler aus?
Povlsen: Das wäre ein Ding! (lacht) Aber jetzt könnten sich die Spieler auf Social Media so umbenennen. Das war damals leider nicht möglich. Die Mannschaft hat bereits viele Herzen gewonnen. Meister der Herzen zu werden, so wie Schalke 2001, das ist zwar schön. Aber was Silbernes in den Händen zu halten, ist den Spielern sicher lieber.

Das Interview führte Philipp Kessler.

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