Exklusiv-Interview vor EM-Kracher

Zittert England schon? Ikone erstarrt vor den Deutschen - Eine Bayern-Legende hat es ihm angetan

EM 2021: Terry Butcher spricht vor dem Achtelfinale Deutschland - England über seine Erfahrungen mit der DFB-Elf.
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Terry Butcher erinnert sich an die Turnier-Mentalität der deutschen Mannschaft.

Terry Butcher erinnert sich vor dem EM-Achtelfinale Deutschland gegen Frankreich an „Maschinen“. Ans Weiterkommen glaubt er auch heute nicht so recht.

München - Terry Butcher (62) spielte 77 Mal für sein Land und ist immer noch der Meinung, dass die WM-Halbfinalleistung, die England 1990 gegen Westdeutschland zeigte, die beste von allen war. Doch England hat verloren. Im Elfmeterschießen. Mal wieder. Das tz-Interview mit dem Mann, der bei der Qualifikation zur WM 1990 blutüberströmt gegen Schweden weiterspielte. Wie geht es bei der Fußball-EM 2021 aus?

Herr Butcher, wie groß ist die Rivalität zwischen England und Deutschland wirklich?
Butcher: Es hat immer eine große Rivalität mit Deutschland gegeben. Ich betrachte als Engländer Schottland immer als unseren größten Rivalen – vielleicht weil ich in Glasgow gespielt habe – aber danach ist es Deutschland. Es gibt so viel Geschichte zwischen den beiden Ländern, nicht nur im Hinblick auf den Fußball natürlich. Aber die Realität ist, dass Deutschland in den wichtigsten Spielen immer die Oberhand behalten hat. 
Und womit verbinden Sie den deutschen Fußball?
Butcher: Sie waren körperlich und geistig stets sehr stark. Sie hatten meistens die bessere Technik, die ihnen immer den Vorteil verschaffte. Karl-Heinz Rummenigge war das perfekte Beispiel dafür. Er hatte eine tolle Technik, aber auch Oberschenkel wie Baumstämme und war schnell wie der Blitz! Man sah ihn an und dachte sich: Er ist eine Maschine, wie zum Teufel soll ich ihn aufhalten?
An was erinnern Sie sich sonst noch?
Butcher: An den 5:1-Sieg Englands in München im Jahr 2001, aber es war Deutschland, das im darauffolgenden Jahr das Finale der Weltmeisterschaft erreichte. Sie sind Maschinen. Sie haben technisch versierte Spieler mit dem unbändigen Willen, niemals aufzugeben. Sie haben immer technische Spieler, die sehr gut gedrillt sind, die einen unglaublichen Geist haben und nie aufgeben. Sie verkörpern alles, was man in einer Fußballmannschaft sehen möchte!
Und wie sehen Sie den englischen Fußball?
Butcher: Der englische Fußball verändert sich. Wir haben jetzt Spieler, die technisch mit den Top-Nationen mithalten können, weil der Verband ein Trainingssystem für die Basis entwickelt hat .Ich denke, wir haben die Deutschen in Sachen Technik eingeholt. Jetzt aber besteht die Herausforderung darin, sie zu übertreffen und zu versuchen, mit ihnen das zu machen, was sie in den letzten 50 Jahren mit uns gemacht haben.
Wie ist Ihr Gefühl?
Butcher: Das Gute aus Englands Sicht ist, dass es sich um eine junge Generation von Spielern handelt, die sich nicht an 1990 oder 1996 erinnern werden, weil sie noch nicht einmal geboren waren. Wenn ich Englands Spielern zuhöre, wenn sie über das Spiel sprechen, dann sind sie nur daran interessiert, Geschichte zu schreiben, anstatt von ihr belastet zu werden. Wenn ich mir Spieler wie Phil Foden, Mason Mount, Jack Grealish, Jadon Sancho und Harry Kane ansehe, dann sehe ich Fußballer, die technisch so gut sind wie jeder andere auf der Welt.
Was trauen Sie diesen Spielern gegen Deutschland zu?
Butcher: Wir haben eine sehr gute Mannschaft, voll mit Spielern mit echter technischer Qualität und einem sehr starken Geist. Ich bin ruhig und zuversichtlich, aber wie oft haben wir das schon gegen die Deutschen gesagt?
Aber 1966 konnte England die Deutschen bei der WM besiegen…
Butcher: Es ist eine lange Zeit seit 1966 – und wir können nicht ewig davon zehren! Eine Sache, an die ich mich bei den Spielen gegen Deutschland immer ­erinnere – sowohl im Westen als auch im Osten – war der immense ­Respekt, der zwischen den Spielern herrschte. Man ging auf das Spielfeld und wusste, dass man es mit der Elite zu tun hatte. Deutschland war immer das Maß aller Dinge im Weltfußball. Es ist, als würde man gegen das europäische Äquivalent von ­Brasilien und Argentinien spielen. Sie sind Maschinen. Manchmal ist es ehrfurchtgebietend und ziemlich furchteinflößend. ­Hoffentlich ist es im EM-Achtelfinale anders. 

Das Interview führte Simon Mullock.

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