Bitteres EM-Aus gegen England

Hansi Flick und seine Baustellen: Fünf Experten legen den Finger in fünf DFB-Wunden

Ex-Coach des FC Bayern und neuer Bundestrainer: Hansi Flick.
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Ex-Coach des FC Bayern und neuer Bundestrainer: Hansi Flick.

Eine enttäuschende WM und eine enttäuschende EM: Deutschlands Nationalelf hat schon bessere Zeiten erlebt. Was fehlt zu den Top-Nationen? Wir analysieren.

München - Am Dienstag geht die EM mit den Halbfinals in die ganz heiße Phase – und die deutsche Nationalmannschaft ist nur noch Zuschauer. Italien, Spanien, England und Dänemark kämpfen im Londoner Wembley-Stadion um den Euro-Titel. Was haben diese Nationen der deutschen Auswahl voraus? Die tz hat bei fünf Experten nachgefragt. 

Das fehlt der DFB-Elf: Einen Trainer, der das Beste aus dem Team herausholt

Mehr Freude mit ihrer Nationalmannschaft als die Deutschen haben derzeit die Dänen. Das liegt auch an Coach Kasper Hjulmand, der das Überraschungsteam ins Halbfinale führte. „Der Trainer ist ein hervorragender Mann“, sagt Sepp Piontek (81) im Gespräch mit der tz. Der Deutsche war zwischen 1979 und 1990 Trainer der Dänen, zündete „Danish Dynamite“. Piontek: „Hjulmand holt das Beste aus der Mannschaft heraus.“

Das kann man von Joachim Löw nicht behaupten. Bei seinem letzten Turnier als Bundestrainer wurde er vor allem wegen seiner Sturheit kritisiert. In der Defensive verteidigte er stets seine ungewohnte Dreierkette mit zwei offensiven Außenverteidigern. Er stellte Joshua Kimmich nicht im defensiven Mittelfeld auf. Thomas Müller* durfte auch nicht auf seiner Lieblingsposition ran. „Deutschland hätte eigentlich alles, um erfolgreichen Fußball spielen zu können“, sagt Piontek. „Aber sie konnten ihr Potenzial nicht abrufen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Spieler auf den richtigen Positionen eingesetzt wurden. Aber das ist meine Sicht der Dinge aus der Entfernung.“

Das fehlt der DFB-Elf: Talentierte Torhüter mit Erfahrung

An Torhüter Manuel Neuer hat es nicht gelegen, dass die DFB-Elf* bereits nach dem Achtelfinale die Segel streichen musste. Darum wäre es auch vermessen zu behaupten, dass die verbliebenen Halbfinal-Torhüter Jordan Pickford (27/England), Kasper Schmeichel (34/Dänemark), Unai Simon (24/Spanien) und Gianluigi Donnarumma (22/Italien) per se die besseren Schlussmänner seien. Gegenwärtig hat Deutschland kein Torwart-Problem, hinter dem 35-jährigen Neuer steht mit Marc-André ter Stegen (29) ein weiterer Weltklasse-Torwart als Nachfolger parat. Doch danach klafft bei den deutschen Keepern eine Leistungs-Lücke.

Akademie-Leiter Tobias Haupt sagte der tz: „Wir arbeiten sehr intensiv an dem Projekt Nationaltorhüter 2028. Unter der Federführung unseres Torwartkoordinators Marc Ziegler haben wir etwa eine eigene Torhüter-DNA entwickelt, eine Torhüter-Datenbank aufgebaut und führen regelmäßig internationale Analysen durch: Was zeichnet die internationalen Top-Torhüter aus?“ Die Erkenntnis: Alle Nationaltorhüter der großen Nationen haben bis zum Alter von 23 Jahren im Durchschnitt über 150 Spiele im Seniorenbereich absolviert. Unangefochtener Spitzenreiter ist Italien-Schlussmann Donnarumma, der bereits mehr als 270 Spiele im Alter von 22 Jahren absolviert hat. Haupt: „Wenn man aktuelle Top-Talente wie beispielsweise Alexander Nübel mit 37 oder Finn Dahmen mit drei Bundesliga-Spielen gegenüberstellt, wird schnell deutlich, in welchen Bereichen hier Handlungsbedarf besteht.“

Das fehlt der DFB-Elf: Eine abgestimmte Abwehr

In der ungewohnten Dreierkette machten die DFB-Verteidiger oft den Eindruck, dass sie nicht wüssten, was ihre Aufgabe sei. Das wurde vor allem gegen England deutlich. Bei den Three Lions hingegen stimmt die Abwehr in der Defensive. „Bis ins Halbfinale eines großen Turniers zu kommen, ohne ein Tor zu kassieren, ist eine riesige Leistung“, sagt Ex-Nationalspieler Wayne Bridge (40). „Ich denke, ein wichtiger Teil dieser Abwehr waren die Klubverbindungen – John Stones und Kyle Walker von Manchester City auf der einen und Luke Shaw und Harry Maguire von Manchester United auf der anderen Seite.“

Wie sah „Bettingexpert“-Experte Bridge die deutsche Abwehr bei der EM? „Sie wirkte ein wenig zersplittert. Hummels kommt nach einer langen Abwesenheit zurück und hat vielleicht nicht diese Verbindung zu Rüdiger, der gegen Ende der Saison sehr gut für Chelsea gespielt hat, und den anderen Abwehr-Mitspielern“, so der Ex-Star von Chelsea und ManCity.

Das fehlt der DFB-Elf: Ein Mittelfeld, das den Takt vorgibt

Das Herz des deutschen Spiels wäre im Idealfall das Verbindungsstück zwischen Defensive und Offensive gewesen. Es lief allerdings in beiden Spielrichtungen alles andere als rund für Jogis Jungs. Daran tragen auch Toni Kroos (31) und Ilkay Gündogan (30) eine Mitschuld. „In den vergangenen Turnieren war stets das Mittelfeld ausschlaggebend, insbesondere beim WM-Sieg 2014“, erklärt Inter-Legende Sandro Mazzola (78) im tz-Interview. „Dass es jetzt ein wenig in die Jahre gekommen ist, hat sich gezeigt.“

Real-Star Kroos hat seine Karriere in der Nationalmannschaft bereits beendet, auch Gündogan denkt offenbar über diesen Schritt nach. „Kroos war der Dreh- und Angelpunkt des deutschen Mittelfelds. Sein Rücktritt öffnet anderen die Möglichkeit, das deutsche Spiel die kommenden Jahre über zu prägen.“ Da ist es von Vorteil, dass die neue Besetzung für die Mittelfeld-Zentrale längst bereitsteht: das Münchner Erfolgsduo Jo­shua Kimmich* (26) und Leon Goretzka* (26). „Ich bin überzeugt, dass Deutschland bei der WM wieder als einer der Favoriten ins Turnier gehen wird“, sagt Mazzola, der einst selbst Taktgeber seiner Teams war.

Das fehlt der DFB-Elf: Stürmer, die Tore schießen

Die deutschen Angreifer haben zwar richtig viel Qualität, allerdings fehlt ein klassischer Mittelstürmer, der als Anspielstation dient und eiskalt vor dem Tor ist. Bei den Spaniern bereitet die Offensive nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der EM* keine Probleme mehr. Mittlerweile macht sich keiner mehr über Alvaro Morata lustig.

„Der Schlüssel zum Tor-Erfolg ist ein klassischer Neuner wie er. Der Juventus-Stürmer ist der Leuchtturm, den die Mittelfeld- und Flügelspieler suchen und finden“, erklärt Journalist David G. Medina von der spanischen Sportzeitung Marca.- pk, bok, lop, jau - *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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