„Denkt mal nach: War es wirklich der Wunsch der Spieler?“

EM 2021: Massive Kritik an Uefa wegen Eriksen - Dänemark-Legende „weiß, dass das nicht die Wahrheit ist“

Eriksen kollabiert
+
Die Spieler Dänemarks stellten sich schützend vor ihren Kollegen Christian Eriksen, als er reanimiert wurde.

EM 2021: Spielte Dänemark die Partie gegen Finnland wirklich freiwillig zu Ende? Die Spieler üben Kritik und auch Keeper-Legende Schmeichel wählte deutliche Worte.

Kopenhagen - Weniger als zwei Stunden nachdem Dänemarks Christian Eriksen am Samstag (12. Juni) im EM-Spiel gegen Finnland auf dem Spielfeld reanimiert werden musste, wurde das Spiel zu Ende gespielt. Weil die Mannschaft über den stabilen Gesundheitszustand ihres Mitspielers Bescheid gewusst hätte, entschied sie sich zu spielen, hieß es schon am Abend eines der dramatischsten Momente in der EM-Geschichte*. Jetzt wird immer klarer: Eine andere Wahl hatte Dänemark* kaum.

EM 2021: „Nicht fair“ und „kein Wunsch“ - Dänemark-Profis schimpfen nach Eriksen-Kollaps auf Uefa

Dänemarks Nationaltorhüter Kasper Schmeichel hat die Europäische Fußball-Union (UEFA) harsch kritisiert. Der Dachverband hätte die Entscheidung über die Spielfortsetzung nicht auf die Spieler abwälzen dürfen, sagte der 34-Jährige: „Es war keine Situation, in der wir hätten landen sollen. Es hätten andere Leute diese Entscheidung treffen müssen.“ Schmeichel hoffe, „die Uefa hat daraus etwas gelernt“.

 „Wir Spieler wurden in eine Position gebracht, die ich nicht für fair halte“, schob Schmeichel hinterher. „Es wäre wahrscheinlich nötig gewesen, dass jemand, der eine höhere Position hat als wir, sagt: Es ist jetzt nicht an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen.“ Es mehren sich immer mehr Stimmen, die ein verpflichtendes Protokoll für solche Ausnahmesituation fordern. Unter Schock stehende Spieler dürften die Entscheidung über die Spielfortsetzung nicht fällen.

EM 2021: Massive Kritik an der Uefa - wurde mit automatischer Spielwertung gedroht?

„Natürlich hatte ich nicht das Gefühl, dass es das Beste ist. Wir hatten zwei Möglichkeiten, die beide schlecht waren, und wir nahmen die am wenigsten schlechte“, sagte Angreifer Martin Braithwaite. „Es gab eine Menge Spieler, die nicht bereit waren zu spielen“, ergänzte der Profi des FC Barcelona: „Natürlich hätte es nicht so sein sollen. Wenn man so etwas erlebt hat, geht man nicht raus und spielt ein Fußballspiel.“ Die Fortsetzung der Partie sei „kein Wunsch“ gewesen.

Am Wochenende war bekannt geworden, dass die Uefa den Spielern neben einer unmittelbaren Spielfortsetzung nur eine Neuansetzung am Folgetag um 12 Uhr angeboten. Je mehr Informationen nun ans Licht kommen, desto schlechter steht die Uefa allerdings da*. Denn wie Dänemarks Rekordnationalspieler Peter Schmeichel, Vater vom aktuellen Torwart Kasper, erzählte, habe es noch eine dritte Option gegeben - Spielwertung für Finnland*. 0:3 am grünen Tisch. Dass den Spielern, dieses Szenario angedroht werde in einer Situation, in der sie um das Leben ihres Freundes bangen, sei laut Schmeichel galant ausgedrückt diskutabel.

EM 2021: Spielfortsetzung nach dem Eriksen-Drama -  „Denkt mal nach: War es wirklich der Wunsch der Spieler?“

„Es soll der Wunsch der Spieler gewesen sein? Ich weiß, dass das nicht die Wahrheit ist. Den Spielern wurden drei Möglichkeiten genannt: Das Spiel am selben Tag zu beenden, das Spiel am nächsten Tag um 12 Uhr zu beenden oder das Spiel mit 0:3 per Wertung zu verlieren“, sagte Schmeichel im englischen Fernsehen. „Denkt mal nach: War es wirklich der Wunsch der Spieler? Hatten sie überhaupt eine richtige Wahl? Ich glaube nicht, dass sie die hatten.“

Schon am Sonntag wählte der 57-Jährige scharfe Worte: „Es ist absolut lächerlich, dass die Uefa mit einer Lösung wie dieser dahergekommen ist“, sagte der frühere Keeper dem britischen Radiosender BBC Radio 5 über die Optionen, die nach Eriksens Kollaps gegeben worden seien. Die Uefa hätte ein anderes Szenario finden und „ein bisschen mehr Mitgefühl“ zeigen können.

Peter Schmeichel machte 127 Länderspiele für Dänemark und holte mit „Danish Dynamite“ 1992 den EM-Titel - im Finale gegen Deutschland.

EM 2021: Uefa verteidigt Spielfortsetzung - „Wir bestreiten kategorisch, dass mit einer Wertung des Spiels gedroht wurde“

Die Uefa, offizieller Ausrichter der Europameisterschaft*, ist sich indes keiner Schuld bewusst. Das Thema sei „mit höchstem Respekt für die schwierige Situation und die Spieler“ behandelt worden, teilte der Verband mit. Andere Optionen hätten aufgrund der vorgeschriebenen 48-stündigen Ruhephase zwischen zwei Spielen nicht angeboten werden können. Ein Spiel am Montag zum Beispiel wäre jedoch möglich gewesen, denn Finnland spielt erst am Mittwoch wieder gegen Russland* (15 Uhr).

Auf Anfrage der Sportschau teilte die Uefa zudem mit: „Wir bestreiten kategorisch, dass einem der beiden Teams mit einer Wertung des Spiels gedroht wurde.“ Dennoch hat die Geschichte der Uefa von Dänemarks Wunsch, unbedingt spielen zu wollen, Risse bekommen. (as mit Material des SID) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare