Marco Tardelli im Interview

Italiens WM-Held Tardelli hat eine Botschaft an die Deutschen

Ekstatischer Jubel: Marco Tardelli 1982 beim WM-Finale gegen Deutschland.
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Ekstatischer Jubel: Marco Tardelli 1982 beim WM-Finale gegen Deutschland.

Am Sonntag greift Italien nach dem EM-Titel. Marco Tardelli hat 1982 im WM-Finale die Deutschen ins Herz getroffen - nun sollen seine Nachfolger so ausgelassen jubeln wie er.

München - Marco Tardelli dürfte jedem Deutschen ein Begriff sein. Beim WM-Finale 1982 erzielte der Italiener das 2:0 (Endstand 3:1) für die Squadra Azzurra. Im Gedächtnis blieb jedoch sein Jubel: Mit weit aufgerissenen Augen, geballten Fäusten und wildem Kopfschütteln rannte Tardelli schreiend über den Platz. Im tz-Interview erinnert sich der heute 66-Jährige an die unvergessliche Nacht in Madrid und verrät, wa­rum am Sonntag im EM*-Finale wieder die Italiener* jubeln werden:

Italien gegen England – was wird das für eine Partie?
Tardelli: Ich habe von Anfang an gesagt, dass dieses Italien das Finale erreicht. Ich habe mich nur beim Gegner geirrt: Frankreich. England* weckt bei mir gute Erinnerungen, vor allem wenn ich an die EURO 1980 zurückdenke, als wir dank eines Tores von mir gewonnen haben. Ein historisches Duell.
Für England ist es das erste Finale seit 55 Jahren und sie spielen im eigenen Stadion. Ein Vorteil?
Tardelli: In gewisser Weise ja, obwohl es auch stimmt, dass Dänemark nicht allzu sehr unter dem Druck in Wembley gelitten hat.
Ihre Meinung zum Elfmeter an Raheem Sterling?
Tardelli: Ein sehr dubioser Elfer. Um nicht zu sagen: kurios. Belassen wir es doch dabei. (lacht)
Wie kann Italien die Engländer in Verlegenheit bringen?
Tardelli: Über das Mittelfeld. Wenn wir dort dominieren, gewinnen wir das Spiel. Italien ist die Mannschaft, die in diesem Turnier am besten gespielt hat. Gegen Spanien haben wir vielleicht ein bisschen Müdigkeit gezeigt, aber bis dahin war es perfekt.
Gegen Spanien hat Italien aber auch gezeigt, dass es auch zum alten Italien werden kann, wenn der Gegner ihnen den Ball abnimmt.
Tardelli: Richtig. Sie haben gezeigt, dass sie alles beherrschen. Eine ansehnliche Spielanlage, aber auch eine etwas defensivere Ausrichtung, wenn es der Gegner nicht anders zulässt.
Ein Spieler, der es Ihnen besonders angetan hat?
Tardelli: Zweifelsohne Nicolo Barella. Ich liebe, dass er nie aufgibt, mit Leidenschaft spielt und weiß, wie man angreift und verteidigt. Er verkörpert das moderne Italien wie kein Zweiter.
Das italienische Projekt beginnt nach dem Verpassen der WM 2018. War dieses Aus entscheidend?
Tardelli: Zunächst einmal: Glückwunsch an Mancini! Mal beginnt, mal endet endet eine Ära – in diesem Fall auf traumatische Weise. Mancini hat diesen Zyklus eingeleitet, indem er auf junge Spieler gesetzt hat. Dafür wurde er scharf kritisiert, lag am Ende aber goldrichtig damit.
Apropos Ende einer Ära: Ihre Meinung zur deutschen Elf?
Tardelli: Ich hätte nicht erwartet, dass Deutschland so schnell ausscheidet – auch wenn es jetzt nicht unbedingt die stärkste deutsche Mannschaft der vergangenen Jahre war. Sie verfügen jedoch über eine Vielzahl von jungen Spielern, um schnell wieder an die Spitze zu kommen. Tot ist Deutschland* daher nicht.
Deutschland und Tardelli – da war doch was.
Tardelli: Mein Jubelschrei nach meinem Treffer 1982. Das war die pure Freude. In wenigen Sekunden ist mein ganzes Fußballerleben an mir vorbeigezogen: die Rückschläge, die Verletzungen, der Streit mit meinen Eltern, die nicht wollten, dass ich spiele. Als der Ball reinging, war all das vor meinem inneren Auge. Ich werde es nie vergessen.
Grosso jubelte 2006 ähnlich. Wer soll denn am Sonntag Ihren Jubelschrei loslassen?
Tardelli: Hoffentlich Barella! Ein Schuss von der Strafraumgrenze, Tor und wir alle schreien mit ihm.

Interview: Mirko Calemme - *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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