Analyse nach dem Aus

Löw hat drei Trends verpennt: Taktik-Experte nimmt deutsche EM auseinander

Joachim Löw muss sich mit dem DFB-Team bei der EM 2021 England im Achtelfinale geschlagen geben.
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Joachim Löw muss sich mit dem DFB-Team bei der EM 2021 England im Achtelfinale geschlagen geben.

Nicht nur Thomas Müllers Fehlschuss war der Grund: Das frühe Ausscheiden bei der EM hat auch mit verpassten Taktik-Trends zu tun. Unser Experte analysiert.

München - Das erneut frühe Turnier-Aus der Nationalmannschaft hat auch mit den Taktik-Trends der EURO zu tun, die der scheidende Bundestrainer Joachim Löw verpennt hat – oder nicht richtig umzusetzen wusste. Markus Brunnschneider, Spielanalyst am Internationalen Fußball Institut (IFI), erklärt die taktischen Auffälligkeiten dieser EM.

EM 2021: Diesen Trend hat Löw verpasst: Stabile Dreierkette

Stabile Dreierkette: Deutschland war nicht die einzige Top-Nation, die während des Turniers mit einer Dreier- bzw. Fünferkette auflief. „50 Prozent der Mannschaften, die im Achtelfinale der EM standen, agierten aus besagter Formation in ihrer Abwehrlinie“, erklärt Brunnschneider. Inte­ressant: Sogar die Niederländer machten sich von ihrem Nationalheiligtum, dem 4-3-3-System, frei und spielten zunächst eine überzeugende Vorrunde. Allerdings zeigte sich gleich in der ersten K.-o.-Runde ein weiterer gegenläufiger Trend: Die favorisierten Mannschaften wie Frankreich, Deutschland und eben die Niederlande konnten in der neuen Grundordnung keine Erfolge erzielen. Die deutsche Dreierkette wackelte bei der EM permanent, weshalb die DFB-Elf in jedem Spiel mit 0:1 in Rückstand ging. Brunnschneider erklärt: „Die Dreier- bzw. Fünferkette führt in Ballbesitz zwar zu mehr Offensiv-Druck, sorgt aber gleichzeitig für den Verlust defensiver Stabilität. Die favorisierten Nationen werden also anfälliger für Gegentore.“


EM 2021: Diesen Trend hat Löw verpasst: Konter-Absicherung

Konter-Absicherung: Eine durchaus überraschende Entwicklung zeigt sich bei Betrachtung der Verteilung der erzielten Tore nach Spielphase. Brunnschneider: „Während in den vergangenen Jahren das Thema Geschwindigkeit und Top-Speed vor allen in Kontersituationen immer spielentscheidender zu werden schien, fielen bis zum aktuellen Zeitpunkt nur 8,9 Prozent der Tore nach Umschaltmomenten.“

Zum Vergleich: Bei der letzten WM in Russland waren es noch 14 Prozent. Deutschland gelang nun trotz zahlreicher Turbo-Dribbler wie Leroy Sané, Timo Werner oder Serge Gnabry kein einziges Tor nach einem Tempo-Gegenstoß. „Eine Ursache dieser Entwicklung ist die hohe defensive taktische Disziplin, die wir bei dieser EM beobachten können“, analysiert der Taktik-Experte. Das deutsche Team ließ diese Disziplin jedoch vermissen: So fiel das 1:0 von Cristiano Ronaldo im zweiten Gruppenspiel gegen Portugal nach einem deutschen Eckstoß, dem 1:0-Treffer der Ungarn durch Adam Szalai ging ebenfalls ein Konter voraus. Im Auftaktspiel gegen Frankreich hatte Deutschland Glück, dass zwei französische Konter-Tore wegen einer knappen Abseitsstellung aberkannt wurden.

EM 2021: Diesen Trend hat Löw verpasst: Effiziente Standards

Effiziente Standards: Vor der EM hatten sich Löw und sein Co-Trainer Marcus Sorg vorgenommen, wieder mehr Tore nach Standards zu erzielen. Problem: Die Standard-Verteidigung wird bei vielen EM-Teilnehmern großgeschrieben. „Die gesamte Anzahl an Toren nach ruhenden Bällen liegt aktuell bei mageren 20 Prozent – nur ein halb so hoher Anteil wie bei der EM 2016 mit damals 40 Prozent“, so Brunnschneider. Allerdings: Deutsche Eckbälle und Freistöße schafften es häufig nicht über den ersten Pfosten oder Gegenspieler. Die Standards der DFB-Elf stellten die Gegner daher ohnehin nicht vor große Probleme.

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