Nationalspieler sorgt für Zukunft vor

DFB-Psychologe verrät ungewöhnliche Nebentätigkeit von Robin Gosens - durchschaut er die Engländer?

Hans-Dieter Hermann wurde 2004 von Jürgen Klinsmann in den Betreuerstab der deutschen Fußball-Nationalmannschaft geholt. Seitdem ist der Sportpsychologe bei jedem Länderspiel dabei.

Im tz-Interview spricht er über die Partie im Wembley-Stadion, die englische Furcht vor Elfmeterschießen, die Stärke von Bundestrainer Joachim Löw und eine überraschende Nebentätigkeit von Robin Gosens.

Herr Hermann, hat Deutschland einen psychologischen Vorteil im Spiel gegen England?

Hermann: Deutschland hatte viele gute Ergebnisse gegen England, auch in Wembley. Aber ich weiß nicht, ob es wirklich ein psychologischer Vorteil ist. Möglicherweise machen sich eher die Engländer einen psychologischen Nachteil aus der Historie.

Fußball-EM: Das sagt DFB-Psychologe Herrmann über das Achtelfinale gegen England

Raten Sie Joachim Löw dazu, diese eventuelle englische Angst zu nutzen?

Hermann: Ich glaube nicht, dass sie Angst haben, aber Res­pekt. Und natürlich merkt man, dass die englischen Medien sich mit der Geschichte beschäftigen. Es wäre jedoch Küchenpsychologie, sich selbst stärker zu reden, indem man die vermeintliche Angst des Gegners betont. Jogi Löw wird sich sicherlich in seinen Ansprachen vor allem auf die Stärken unserer Mannschaft konzentrieren.

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Kann man die deutsch-englische Historie beim Elfmeterschießen nutzen?

Hermann: Nutzen ist zu viel gesagt. Aber ich denke schon, dass die Engländer darüber nachdenken werden, sollte es tatsächlich zu einem Elfmeterschießen kommen. Ich habe auch gelesen, dass die Engländer das bereits üben. Und ich freue mich, wenn dem tatsächlich so wäre, denn dann machen sie ihre mutmaßliche Schwäche überhaupt erst zu einem Thema.

Fußball-EM: Gibt es überhaupt so etwas wie einen Angst- oder Lieblingsgegner?

Raten Sie der deutschen Mannschaft, Elfmeterschießen zu üben?

Hermann: „Üben“ ist das falsche Wort. Routinemäßig gibt es aber im Training immer wieder Gelegenheiten, Elfmeter zu schießen. Zum Beispiel zum Abschluss einer Einheit.

Gibt es aus psychologischer Sicht überhaupt so etwas wie einen Angst- oder Lieblingsgegner?

Hermann: So etwas gibt es schon. Für unsere Mannschaft war beispielsweise Portugal auch in den vergangenen Turnieren oft der berühmte „Dosenöffner“. Mit so einem Wissen im Hinterkopf geht man anders in ein Spiel. Trotzdem darf man es nicht dabei belassen. Jedes Spiel ist neu, jedes Spiel ist anders, kein vorausgegangenes Spiel ist ein guter Prädiktor für das nächste. Ein vermeintlicher Angst- oder Lieblingsgegner kann sehr schnell das Gegenteil werden. Daher helfen diese Kategorien einer Mannschaft nicht.

Deutsches EM-Match gegen England: „Man darf so ein Spiel auch nicht verpsychologisieren“

Was müssen Sie also psychologisch gegen England machen?

Hermann: Man darf so ein Spiel auch nicht verpsychologisieren. Es geht ganz banal darum, nach London zu fliegen und zu zeigen, was wir draufhaben. Man sollte in solchen Spielen immer von der eigenen Stärke ausgehen. Das ist die psychologische Hauptbotschaft.

Ist der psychologische Druck für die Spieler vor einem Spiel in der K.o.-Runde geringer als bei einem Vorrundenspiel?

Hermann: Druck gibt es im Leistungssport immer. Aber es gibt positiven und negativen Druck. Und aus meiner Sicht herrscht ein positiver Druck bei uns: Die Mannschaft steht im Achtelfinale und sie will mehr.

Tauschen Sie sich fachlich auch mit Robin Gosens aus? Er studiert ja Psychologie …

Hermann: Tatsächlich haben wir uns schon öfter über unser gemeinsames Fach unterhalten. Er schickt mir auch immer mal wieder Studien oder Ähnliches, wenn sich die Nationalmannschaft längere Zeit nicht trifft. Er ist wirklich sehr an der Materie interessiert und hat klare Ideen, was er einmal damit machen möchte. Hier habe ich ihn schon mit Fachliteratur gesehen.

Interview: Jan Christian Müller

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