Kommentar

Englands EM-Trauma: Lasst mich mit eurer widerlichen Schadenfreude in Ruhe

Das Konterfei der Autorin vor einem Bild der traurigen Engländer
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Deutschland gönnt den Engländern ihr Leid - unsere Autorin findet das erbärmlich.

Ganz Deutschland feiert das EM-Leid der Engländer. Und das ist einfach erbärmlich, kommentiert unsere Autorin Carolin Huber.

Eines möchte ich ganz zu Beginn klarstellen: Die Europameisterschaft* hat mit Italien einen verdienten Sieger gefunden. Das stelle ich keine Sekunde lang infrage. Und ich freue mich für alle Fans der Squadra Azzurra, die nach dem Triumph im Elfmeterschießen die ganze Nacht gefeiert haben. Meine herzlichen Glückwünsche.

Als Italiener in Deutschland muss man dieser Tage das Gefühl haben, die alte Rivalität (Halbfinale 2006, erinnert sich noch jemand?) sei vergessen. Friede, Freude, Spaghetti Bolognese. Aber davon sollte sich niemand täuschen lassen: Die meisten Deutschland-Fans freuen sich nicht für die Italiener, sie ergötzen sich einfach am Leid der unterlegenen Engländer. Und das ist nichts anderes als erbärmlich.

Wer jetzt allen Engländern das Leid wünscht, der hat von Sportsgeist überhaupt nichts verstanden

Nein, Raheem Sterlings zunehmend verzweifelte Flug-Einlagen heiße ich weder gut noch verteidige ich sie. Nein, ich stehe nicht hinter der englischen Regierung, die das Coronavirus trotz immenser Inzidenz-Zahlen für beendet erklärt und das Wembley-Stadion vollpackt.

Und keine Frage: Sowohl das Prügel-Video sogenannter „Fans“ der Three Lions als auch die rassistischen Beleidigungen gegen Jadon Sancho, Marcus Rashford und Bukayo Saka sind absolut beschämend und niederschmetternd. Aber wer sich jetzt hinstellt und sagt, er würde deswegen allen Engländern das große Leid gönnen, der hat von Sportsgeist nicht viel mehr verstanden als diese Idioten.

In der Stunde des Triumphes zeigen Menschen ihr wahres Gesicht

Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille: Für die einen ist England ein Land voller Fußball-Idioten, das es noch dazu gewagt hat, Deutschland aus dem Turnier zu kegeln. Für mich und andere Insel-Liebhaber aber ist England trockener Humor und liebenswerte Verschrobenheit, hervorgebracht in einer wunderschönen Sprache. England ist Tee und Cider und Scones; high life in London und Spaziergänge im wunderschönen Cornwall.

Als Bayern-Fan, der ich einst war*, habe ich gelernt: In der Stunde des Triumphs zeigt sich bei den meisten Menschen das wahre Gesicht. Und viele der Gesichter, die ich jetzt sehe, lassen jede Spur von Grandezza vermissen. Denn genauso wie die Italiener es verdient haben, ihren Sieg zu genießen, haben es die Anhänger der Three Lions verdient, in Ruhe ihre Wunden zu lecken. Also bitte: Lasst uns einfach mit eurer widerlichen Schadenfreude in Ruhe.

Anmerkung: In der ersten Version dieses Textes waren die rassistischen Ausschreitungen englischer Fans gegen ihre eigenen Spieler noch nicht erwähnt, weil diese Neuigkeiten zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung noch nicht bekannt waren. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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