1. tz
  2. Sport
  3. Fußball

Ten Hag im Interview: „Da kommt ein neues Team auf Europa zu“

Erstellt:

Von: Andreas Werner

Kommentare

Erik ten Hag, zwei Jahre lang Coach des FC Bayern II, spricht im Interview über die niederländischen Talente, Ajax‘ Kniffe in München, die deutsche Zukunft, agierenden Fußball und Tore wie beim Kabarett.

Amsterdam - Erik ten Hag hat vor einer Woche gerade erst den FC Bayern sehr geärgert. Mit Ajax Amsterdam entführte der 48-jährige Coach in der Champions League aus München einen Punkt. Von 2013 bis 2015 trainierte er den FC Bayern II, seit diesem Sommer betreut er den niederländischen Rekordmeister. Im Interview erläutert er die Arbeit an einer Oranje-Auswahl, die an früher anknüpfen soll – und die Situation im deutschen Nachwuchs.

Herr ten Hag, Ihr Team gewann am Wochenende 5:0 gegen Alkmaar - war das noch der Schwung aus dem 1:1 beim FC Bayern?

ten Hag: (lacht) Wir haben den Schwung gut mitgenommen. Gegen Alkmaar tun wir uns traditionell schwer, aber wir wollten vor der Länderspielpause noch einmal Selbstvertrauen mitnehmen. Wir haben guten Fußball gespielt. Das hat mich richtig gefreut.

Den FC Bayern haben Sie hingegen nachhaltig aus der Bahn geworfen, da folgte ein 0:3 gegen Gladbach. Haben Sie da kein schlechtes Gewissen?

ten Hag: Der FC Bayern darf von mir aus jedes Spiel diese Saison gewinnen - außer gegen Ajax. Das ist mein Verein in Deutschland, ich hatte zwei tolle Jahre dort und es war schön, wieder einmal in München zu sein. Bayern hat momentan keine gute Phase, aber sie kommen da heraus. Die Qualität ist enorm, und es sind Kämpfertypen.

Ihr junges Ajax hätte gegen die Bayern aber einen Sieg verdient gehabt.

ten Hag: Wir haben Bayern gut unter Druck gesetzt - und wir haben Fußball gespielt, sobald es möglich war. Die Bayern wollen den Ball haben, sie haben ihre Qualität mit dem Ball und lieben es nicht, wenn sie ihm hinterherlaufen müssen. Wir haben die gleiche Philosophie wie sie. Wir haben schön gespielt.

Sie führten Bayern II einst zur Regionalligameisterschaft . . .

ten Hag: . . . und näher am Aufstieg in die Dritte Liga konnte man dann nicht sein: Im Rückspiel der Relegation hüpfte der Ball am Elfmeterpunkt über unseren Torwart Lucas Raeder ins Tor - in der 93. Minute! Das war ein Witz, das war Kabarett! Wir standen schon einige Spieltage vor Saisonende als Meister fest, hatten Spieler wie Pierre Hojbjerg und Julian Green. Damals ist viel zerbrochen, in einer einzigen Situation. Der Aufstieg ist für Bayern wichtig. Die zweite Mannschaft muss auf dem höchsten Level spielen, sonst ist es fast unmöglich, Talente für die Aufgaben bei Bayerns Profis auszubilden.

Lesen Sie auch: Bundesligapause nervt die Bayern-Bosse - Bemerkung eines Nationalspielers macht klar, warum

Sprechen wir über den niederländischen Fußball: Sind die harten Zeiten, die dürren Jahre, vorbei?

ten Hag: Wir sind noch nicht ganz aus dem Tal. Aber wir stehen am Vorabend einer neuen Generation. Arjen Robben, Wesley Sneijder, Robin van Persie, Rafael van der Vaart haben eine großartige Ära geprägt, danach kam eine schlechte Generation. Das ist wie Wein - manchmal hast du eine gute Ernte, manchmal eine schlechte. Wir sind ein kleines Land, wir können eine schlechte Ernte schlechter kompensieren. Jetzt haben wir Talente wie Matthijs de Ligt, Frankie de Jong, Steven Bergwijn und Männer wie Virgil van Dijk, Georginio Wijnaldum und Memphis Depay, die im Ausland Größen wurden. Ein toller Kern.

Man hat den Eindruck, die Geschichte verschiebt sich: Die Niederlande sind im Aufwind, die Deutschen setzen zur Talfahrt an.

ten Hag: Nein, keine Panik. Deutschland hat eine super Generation. Gut, es fehlen Spieler wie Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, aber solche Einbrüche hat jede Fußballnation mal. Und ich sehe viele Nachfolger: Manuel Neuer, Toni Kroos, und Thomas Müller sind schon lange dabei, ich sehe einen Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Leroy Sané, Julian Draxler, Timo Werner - Deutschland wird weiter zu den Top 4 in Europa gehören.

Dennoch hat man den Eindruck, Niederlande bildet bessere Talente aus.

ten Hag: Wir haben hier viele Probleme und müssen kreativ sein. Es ist ein kleines Land, die Liga ist schwach. Ich fände es reizvoll, mit Belgien eine Liga zu gründen, das würde das Niveau anheben. PSV Eindhoven und wir haben jetzt einen guten Mix aus jung und alt, wir spielen Champions League und hoffen, die anderen Vereine bei uns mitreißen zu können. Mark van Bommel macht bei PSV einen super Job, es ist seine erste Station als Cheftrainer und er hat bisher alles gewonnen - er macht da weiter, wo er als Spieler aufgehört hat. Wir spielen gut - PSV spielt in der Liga noch effektiver. Mark liegt fünf Punkte vor uns.

Lesen Sie auch: Erst Leibchen weggepfeffert, dann Motzanfall: Robben gibt im Training den Stinkstiefel

Viele sagen, van Bommel oder Sie werden der neue Bondscoach.

ten Hag: Wir sind beide noch jung und sehen unsere Herausforderung jetzt in der täglichen Arbeit. Im Moment ist das kein Thema. Aber es ist eine Ehre, wenn die Leute so etwas denken. Wie sagt ihr in München? Schauen mer mal.

Stimmt es, dass Matthias Sammer Sie einst zu seinen Zeiten beim DFB als Trainer der deutschen U 21 haben wollte?

ten Hag: Da haben wir mal über gesprochen. Es hat aber nicht geklappt, dann hat er mich später eben zu Bayern geholt.

Er schätzt Ihre Philosophie, in der es darum geht, zu agieren und zu bestimmen. Wie sehen Sie die Debatte: Ballbesitz- oder Umschaltfußball?

ten Hag: Mit Umschaltfußball kann man auch agieren. Mit Absicht gegen den Ball tiefer stehen um Räume zu kreieren ist agierender Fußball Um dann nach Ballgewinn mit drei, vier Pässen schnell vors gegnerische Tor zu kommen ist ein effektives Mittel. Man muss gegen jeden Gegner einfach die Absicht haben, das Spiel zu bestimmen.

Zurück zur Ausbildung von Talenten: Welche Spielertypen sind heute gefragt?

ten Hag: Ich verwende da immer gerne einen Begriff: Bewusstsein. Ein Spieler muss sich bewusst sein, was er tut, muss einen Plan haben, wie man zum Sieg kommt und diesen selbstständig ausführen können. Er muss analysieren und mitdenken. Jede Situation auf dem Platz ist beeinflussbar. Wir brauchen Persönlichkeiten, die sich immer am Ziel der Mannschaft orientieren. Ich will proaktive Spieler, und lieber ist mir eine falsche Entscheidung auf dem Platz als gar keine.

Niederlande gegen Deutschland jetzt im Herbst 2018: Was wird es für ein Duell werden?

ten Hag: Deutschland ist Favorit. Die Niederlande ist noch in der Orientierungsphase: Wo stehen wir? Wir müssen uns Selbstvertrauen erarbeiten. Aber wir haben viele Talente. Da kommt eine neue Mannschaft auf Europa zu. Nächstes Jahr muss sie reif sein, um sich wieder für ein großes Turnier zu qualifizieren. Spiele gegen Deutschland und Frankreich sind gerade die besten Gradmesser für uns.

Die EM 2020 wird dann wieder mit den Niederlanden stattfinden, oder?

ten Hag: Ich glaube schon. Es gibt ein paar Traditionsländer, die sollten nicht fehlen. Deutschland wird 2020 einer der Favoriten sein, das steht schon jetzt fest. Das war eine enttäuschende WM, aber Joachim Löw wird seine Lehren ziehen und eine neue Mannschaft aufbauen. Er hat schon oft bewiesen, dass er das kann. Ich bin sicher, dass wir in zwei Jahren wieder ein neues Deutschland sehen.

Interview: Andreas Werner

Auch interessant

Kommentare