Ex-Bundestrainer im tz-Interview

Ribbeck erinnert sich: "Wie ein Todeskommando"

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Tiefpunkt 2000: Ribbeck (r.), Müller-Wohlfahrt & Co. ­können das bittere Vorrunden-Aus nicht fassen.

München - Unter Bundestrainer Erich Ribbeck schied die deutsche Nationalmannschaft bei der EM 2000 jämmerlich aus der Vorrunde aus. Seither geht es mit dem deutschen Fußball stetig bergauf. Was Ribbeck dazu sagt? Das tz-Interview.

Erich Ribbeck heute.

In einer Interview-Serie hat die tz den Zustand des deutschen Fußballs ein halbes Jahr vor der WM beleuchtet. Zum Abschluss sprachen wir mit Erich Ribbeck, der als Nationaltrainer 2000 wohl den Tiefpunkt erleben musste: Vorrunden-Aus bei der EM. Nun ist Deutschland Mitfavorit bei der WM. Was sind die Ursachen für den Aufschwung? Das tz-Interview:

Herr Ribbeck, 13 Jahre ist es her, dass Sie Bundestrainer waren. Haben Sie noch Kontakt zum DFB?

Ribbeck: Ja, ich telefoniere ab und zu noch mit dem Präsidenten Wolfgang Niersbach. Wir kennen uns schon ewig. Und natürlich sitze ich regelmäßig bei den Länderspielen vor dem Fernseher und fiebere mit.

Seit Ihrem Abschied im Jahr 2000 hat sich der deutsche Fußball ganz schön verändert…

Ribbeck: Das stimmt. Der deutsche Fußball hat eine enorme Entwicklung genommen. Das liegt vor allem daran, dass damals in ganz Deutschland Stützpunkte errichtet wurden, um die Talentsichtung neu aufzubauen. Das geschah aber nicht erst nach meiner Amtszeit, sondern schon zu Beginn. Da wurden damals die Zehn- bis Zwölfjährigen gesichtet, die heutige Generation unserer Nationalmannschaft.

Das klingt so einfach …

Ribbeck (lacht): War es aber nicht. Es gab ja früher schon die regelmäßigen Trainertagungen des DFB, da wurde diskutiert und festgelegt, was zu tun ist. Es wurden Pläne ausgearbeitet, was und wie in den Stützpunkten trainiert werden sollte. Wir waren der Auffassung, dass noch nicht alle guten Spieler entdeckt worden und bei Bundesliga-Vereinen untergekommen sind. Wir waren uns sicher, dass irgendwo noch Talente schlummern. Die wollten wir finden.

Und wie wurde das umgesetzt?

Ribbeck: Den Hauptanteil trug Dietrich Weise. Er ist quer durchs Land gefahren und hat, glaub’ ich, jeden Stützpunkttrainer ausgesucht. Dazu kam die Unterstützung der Vereine. Die haben Jugendleistungszentren gebaut, die sehr zur guten Ausbildung unserer jetzigen Fußballgeneration beigetragen haben.

Ihnen standen ja nicht so viele Talente zur Verfügung.

Ribbeck: Mein großes Problem war, dass ich während der Saison installiert worden bin. Ich kam im September und musste drei Wochen später das erste EM-Quali-Spiel absolvieren. Da blieb keine Zeit zum Experimentieren. Ein Jahr später kam dann dieser Confed-Cup, da durfte ich pro Verein nur ein oder zwei Spieler nominieren. Das war wie ein Todeskommando. Als ich dann einmal experimentieren wollte, tat es mir hinterher leid.

Wieso das denn?

Ribbeck: Es war ein Testspiel gegen Holland, sofern man Spiele gegen die Holländer überhaupt so nennen kann. Da wollte ich Spieler ausprobieren, die ich sonst nur im Verein gesehen habe, und habe Zoltan Sebescen aufgestellt. Der hatte den Boudewijn Zenden, so einen kleinen, quirligen Linksaußen, als Gegenspieler. Da tat es mir hinterher leid, dass ich ihn aufgestellt habe. Das mal als Beispiel, dass ich kaum experimentieren konnte.

Jogi Löws Arbeitsumfeld erscheint da wie ein Paradies…

Ribbeck: Der Jogi steht auch unter Erfolgsdruck, so wie jeder andere Trainer. Aber was die Qualität der einzelnen Spieler angeht, da beneide ich ihn schon. Wir haben eine große Auswahl an sehr guten Spielern. Es gibt ja kaum noch welche, die, wie wir es früher genannt haben, über den Ball stolpern. Alle haben eine sehr gute Technik und sind unheimlich laufstark. Die laufen doppelt so viel wie Paul Breitner früher, und der hat schon viele Kilometer abgespult.

Hat sich noch etwas gravierend verändert?

Ribbeck: In erster Linie ist es schon die überragende Technik. Früher hatte man Abwehrspieler, die konnten vor allem weit schießen.

Wer diente beim Umbau als Vorbild?

Ribbeck: Ich glaube, es waren die Franzosen. Die haben ja vor zehn, 15 Jahren jeden geschlagen. Die tolle Ausbildung der Jugendspieler, die Leistungszentren, das hatten die uns voraus.

Nach dem erneuten Aus 2004 ging es dann bergauf…

Ribbeck: Für Jürgen Klinsmann war die Situation auch ideal. Er hatte zwei Jahre Vorbereitungszeit, konnte experimentieren und hatte viele Freundschaftsspiele.

Wären Sie lieber 2004 Bundestrainer geworden?

Ribbeck: Da wäre es zumindest wesentlich einfacher gewesen. Als Trainer braucht man die Gelegenheit, um etwas ausprobieren zu können. Man braucht Testspiele. Das ist immer etwas anderes als Training. Erst im Spiel, vor allem im Zusammenspiel mit den Teamkameraden, sieht man, wie sich ein Spieler entwickelt. Ich habe damals von der Hand in den Mund gelebt.

Nun könnte Deutschland Weltmeister werden.

Ribbeck: Ich zähle nicht zu denen, die sagen: Wir müssen Weltmeister werden. Das halte ich für ausgesprochenen Blödsinn. Da hat Oliver Bierhoff schon recht. Wenn man in Südamerika spielt, dann gibt es andere Favoriten. Wir haben eine sehr gute Mannschaft, und wenn es gut läuft, dann ist alles möglich. Aber Glück gehört nun mal auch immer dazu. Ich versuche, das realistisch einzuschätzen: Die Vorrunde überstehen wir, und mit der Auslosung haben wir ja Glück, den ganz dicken Brocken gehen wir im Achtel- und Viertelfinale, so weit ich weiß, aus dem Weg. Das Halbfinale sollte man also schon erreichen.

Also ist die Entwicklung der Mannschaft nicht beendet?!

Ribbeck (schmunzelt): Das ist wie mit den Gehältern der Spieler und Verantwortlichen. Man denkt, der Horizont müsste doch irgendwann erreicht sein, aber es geht immer weiter.

Interview: Sven Westerschulze

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