Zu viel Stress für Fußballer

Ex-FCB-Physio warnt vor Dauerbelastung: „Nichtstun kommt zu kurz“

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Ex-FCB- und DFB-Physio Oliver Schmidtlein.

München - Der immer voller werdende Terminkalender im Profigeschäft alarmiert nicht nur DFB-Coach Jogi Löw. Nun warnt auch ein Ex-Physio des FC Bayern.

Im Sommer steht der Confed Cup an, in anderthalb Jahren kommt die Nations League und 2026 steht die erste WM mit 48 Mannschaften auf dem Programm – jetzt ist es selbst dem Bundestrainer zu bunt geworden. Normalerweise freut sich Jogi Löw über jede Gelegenheit, seine Nationalelf beisammen zu haben, doch sogar Löw ist die Entwicklung im Fußball-Business nicht ganz geheuer. „Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir das Rad nicht überdrehen. Ich sehe das Thema aus der sportlichen Sicht und was die Gesundheit der Spieler angeht“, äußerte sich der 57-Jährige nach dem Spiel in Aserbaidschan sorgenvoll. Auf die Stars warten immer mehr Spiele pro Saison, längeren Urlaub gibt es für Mats Hummels & Co. kaum noch. Der Fußball und seine brisante Belastungsdebatte – die tz hat darüber mit dem renommierten Fitnessexperten Oliver Schmidtlein gesprochen.

„Dieser Trend ist wohl nicht mehr zu bremsen, aber im Sinne der Spieler ist das nicht. Die Grenze ist erreicht“, meint Schmidtlein, der bis 2008 selbst als Fitness- und Rehacoach für die DFB-Elf arbeitete. Er erklärt, wie Verletzungen vorgebeugt wird. „Bei hoher Belastung ist ja häufig von regenerativen Maßnahmen die Rede. Diese werden ergänzend zum Training durchgeführt, um die körperliche Verfassung und die Form in den englischen Wochen zu halten“, so der 51-Jährige. Schmidtlein gibt allerdings zu bedenken, dass nicht nur der Körper Erholung braucht, sondern auch der Kopf.

Physio: „Regeneration bedeutet psychischen Stress“

 „Das Problem ist: Der Wettkampf ist so intensiv geworden, dass zum Ausgleich viele Maßnahmen zur körperlichen Regeneration ergriffen werden müssen. Die psychische Erholung durch echte Pausen mit Nichtstun kommt dabei zu kurz“, erklärt der Physiotherapeut, der auch viele Jahre für den FC Bayern gearbeitet hat, und betont: „Es gibt einen Zusammenhang der beiden Komponenten Kopf und Körper.“ Den hat auch Löw ausgemacht, der Bundestrainer sieht die Belastung über den körperlichen Aspekt hinaus. „Bei den großen Turnieren sind die Spieler nach einer Saison noch sieben, acht Wochen unter höchster Belastung. Körperlich, psychisch, emotional – auch wenn du was gewinnst“, meint der 57-Jährige. 

Zeit zum Abschalten bleibt den Stars aber kaum. „Dann gibt es eine kurze Pause, sie werden wieder ins Training integriert, und schon beginnt die nächste Saison“, beschreibt Jogi den Zyklus und warnt zugleich vor dessen Folgen: „Das geht mal ein, zwei Jahre, aber dann gibt es Verletzungen, Brüche im Rhythmus.“

Zwar lassen sich die Spieler heutzutage fast täglich pflegen, doch Schmidtlein sieht darin nicht nur Vorteile. „Auch wenn die Vereine und Verbände top aufgestellt sind und die Spieler bestens betreut werden, bedeuten die Regenerationseinheiten psychischen Stress, denn den Akteuren fehlt dadurch noch mehr Zeit für den Ausgleich zum hochintensiven Leistungssport“, erklärt er und weist auf die fehlende Pause für den Kopf hin: „Ebenso wie der Körper verlangt auch das Nervensystem nach Regeneration. Das ist aber nicht so einfach wie bei der Muskulatur oder den Gelenken. Das Gehirn braucht auch Ablenkung vom Sport.“ 

Schmidtlein sieht DFB als Vorbild

Zwischen den Begegnungen im straffen Spielplan bleibt den Profis dafür heute kaum noch Zeit. Werbedrehs, Sponsoringtermine oder Fotoshootings – auch abseits des Platzes müssen sie ihrem Arbeitgeber zur Verfügung stehen. „Die Kunst ist es, die perfekte Balance zwischen An- und Entspannung zu finden“, verrät Schmidtlein der tz und sieht darin ein Geheimnis von Löws erfolgreicher Arbeit. „Das schafft der DFB bei den großen Turnieren immer, auch deshalb ist die Mannschaft dort immer so erfolgreich. Löw und sein Stab wissen, was für den Confed Cup zu tun ist.“

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