Im Interview

Ex-Trainer-Ausbilder Hyballa über Laptop-Trainer, Diego Simeone und das WM-Aus der Deutschen

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Peter Hyballa

Nach dem deutschen WM-Aus wird beim DFB Krisenanalyse betrieben. Dabei rückt auch die Trainer-Ausbildung in den Fokus. Peter Hyballa (42) trat im Mai seinen Dienst als Trainerausbilder beim Verband an.

Jetzt, nach sieben Wochen, ist schon wieder Schluss. Im tz*-Interview spricht Hyballa über die Gründe für den Abschied, die Schwächen der neuen Trainer-Generation und die Identitätssuche des DFB.

Herr Hyballa, nach sieben Wochen beim DFB geht’s für Sie in die Slowakei zu Dunajska Streda. Warum?

Hyballa: Ich hatte 2017 eine Pause. Es waren Angebote da, dann kam ich mit dem DFB in Kontakt. Wir haben gesagt: Lasst uns das mal versuchen. Ich habe aber immer gesagt, dass ich im Herzen Trainer bin. Die DFB-Verantwortlichen haben das eingesehen und meinten: Du gehörst aufs Feld, auch wenn wir dich hier als Querdenker gerne gesehen hätten. Ich bin nicht im Streit gegangen.

Was haben Sie in der kurzen Zeit beim DFB mitgenommen?

Hyballa: Der deutsche Fußball ist sehr akribisch. Ich habe bei allen Trainern in der Ausbildung beobachtet, dass sie sehr gut in den Schuhen stehen. Damit meine ich, dass sie bei Präsentationen – mit oder ohne Laptop – sehr gut sind. Man merkt, dass viele aus dem akademischen Bereich kommen. Ich habe vor 13 Jahren meinen Fußballlehrer gemacht, wir haben die Dinge nicht so gut präsentiert. Auf dem Feld aber habe ich mich ein bisschen erschrocken. Da waren wir früher besser! Das Ganze auf dem Trainingsplatz: Stimme erhöhen, Stimme senken, kreativ sein, hart zu den Spielern sein, gar nicht so viel Fußball-Wissen vermitteln, sondern konkrete Sachen ansprechen. Die Arbeit auf dem Platz muss als oberster Punkt wieder auf die Liste kommen. Daten und Statistiken gehören dazu, ich arbeite auch gerne am Laptop. Aber am Ende des Tages müssen die Spieler schießen, dribbeln, passen und köpfen. Ich glaube, dass wir uns zu sehr ins Taktische verliebt haben – und das auch schon im Kinder- und Jugendbereich. Auch im Jugendbereich steht gewinnen an erster Stelle.

Niko Kovac hat gesagt, dass es auch ausländische Trainer braucht, um neue Trends zu setzen…

Hyballa: Mit Niko habe ich bei Red Bull zusammengearbeitet, ich schätze ihn sehr. Bei RB war alles international, ich arbeite auch mit einem holländisch-bosnisch-deutsch-tschechischen Trainerteam zusammen. Ich mag das, weil du Inhalte aus verschiedenen Kulturen bekommst. Ich glaube aber nicht, dass international jetzt die Lösung ist. Wir sagen: Wir haben viele stromlinienförmige Spieler, das kommt aber auch daher, dass wir viele Trainer von einem bestimmten Pol haben. Wir haben uns für die vielen jungen Trainer, die Taktiker auf die Schultern geklopft. Und wenn einer wie Diego Simeone ist, sagen wir: Der ist verrückt. Aber das stimmt ja nicht, der ist auch super erfolgreich. Wir müssen uns fragen, ob wir Typen überhaupt wollen. Und wenn wir Ja sagen, dann müssen wir in der Trainerausbildung und in den NLZs nicht nur Studenten holen, sondern einen Mix hinbekommen. Früher war der Trainerberuf überflutet von Ex-Profis, heute ist er überflutet von Studenten. Wir haben zu viele Theoretiker.

Reagiert der deutsche Fußball zu viel auf Trends?

Hyballa: Die Holländer, mit denen ich auch verhandelt habe, sind sehr traditionalistisch. Sie halten seit den 70er-Jahren am Voetbal total fest. Wir Deutschen sind – entgegen unseres Images – im Fußball sehr trendy. Klinsmann kommt, bringt Fitnessleute mit: dann gehen alle auf den Fitnessbereich. Dann kommt Jogi mit sehr viel Taktik, dann gehen alle auf Taktik. Wir sind ein bisschen Suchende und jagen immer einem Trend hinterher. Ich glaube, dass in den nächsten Jahr wieder die Trainer Jobs bekommen, die auf dem Platz gut sind.

Wie ordnen Sie das frühe deutsche Scheitern bei der WM ein?

Hyballa: Die deutsche Mannschaft hat bei der WM zweieinhalb schlechte Spiele gemacht, man darf jetzt auch nicht durchdrehen. Wir haben bei der WM auf den Sack bekommen, aber bei der nächsten EM werden wir wieder einer der Favoriten sein. Der Deutsche ist sehr gut darin, sehr selbstkritisch zu sein.

Braucht der DFB denn noch mehr Querdenker?

Hyballa: Sie brauchen Leute, die aus der Praxis kommen und ihre Meinung sagen. Und wir brauchen selbstbewusste Trainer, weil ich glaube, dass Berater, Funktionäre, Spieler und Eltern langsam an uns vorbeiziehen. Aber der Trainer ist wichtig, er muss wieder ein geiler Typ werden. Wenn einer am Spielfeldrand rumspringen will, lasst ihn doch.

Jonas Austermann

tz ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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