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Experte zu Haaland-Verletzung: „Viel zu viel Stress“

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Aldo Vetere
Sportphysiotherapeut Aldo Vetere sitzt im Behandlungsraum seiner Praxis. © Marius Becker/dpa

Sportverletzungen werden oft nicht gründlich auskuriert. Der Druck ist zu groß. Physiotherapeut Aldo Vetere rät Fußballprofis zu Geduld. Und Chirurg Werner Krutsch schlägt einen „Knie-TÜV“ vor.

Berlin - Die biegsamen Finger von Starpianist Lang Lang, die stahlharten Fäuste der boxenden Klitschko-Brüder oder die muskulösen Beine von Fußballprofis - Sportphysiotherapeut Aldo Vetere hat schon viele Meister ihres Fach begleitet und behandelt und wieder fit für den Job gemacht.

In rund 15 Ländern hat der 33-Jährige schon Sportler betreut und Erfahrungen gesammelt, sieben Monate im Jahr ist er unterwegs. Was dem Chef eines Sport-Therapiezentrums in Düsseldorf derzeit Sorgen macht: Seiner Meinung nach kurieren viele Profis ihre Verletzungen nicht gründlich genug aus und kommen viel zu schnell zurück. Vetere warnt vor solchen Blitz-Comebacks.

„Der Fußball ist in den vergangenen 30 Jahren verdammt schnell geworden, das Tempo hat zugenommen. Die Effizienz des Trainings, die Betreuung durch die Spezialisten sind super. Aber die Dosierung ist das Problem, also immer wieder die Intensität. Es wird nach Verletzungspausen zu früh wieder angefangen“, sagte Vetere in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Viele kommen zu früh zurück, der Druck für ein Comeback ist da einfach zu groß“, beklagte Vetere, der als Physio auch bei Fortuna Düsseldorf gearbeitet hat und mit den Klitschko-Brüdern acht Jahre lang durch die Welt gereist ist.

„Ursache ist nicht behoben worden“

Auch den Fall von BVB-Superstürmer Erling Haaland hat der Experte verfolgt - allerdings mit Abstand, denn der Norweger ist kein Patient von Vetere. „Bei Erling würde ich spontan sagen: Viel zu viel, viel zu früh und viel zu viel Stress“, meinte Vetere. „Und: Die Ursache ist nicht behoben worden.“ Haaland sei „schnell unter Druck“ zurückgekommen. „Die Genesungschancen halte ich für wirklich hoch, das wird man auch in den Griff kriegen. Nur Fakt ist: Ein drittes Mal in so kurzer Zeit dürfte das nicht passieren!“

Erling Haaland
Dürfte Borussia Dortmund wegen einer Hüftbeuger-Verletzung erneut noch einige Wochen fehlen: Erling Haaland. © Peter Dejong/AP/dpa

Der 21-jährige Haaland fehlt Borussia Dortmund erneut wochenlang, weil er sich am Hüftbeuger - einem großen Muskel - verletzt hat. Tormaschine Haaland war Anfang Januar 2021 nach ausgeheiltem Muskelfaseriss und rund einmonatiger Zwangspause ins BVB-Team zurückgekehrt. Anfang Oktober verletzte er sich erneut, verpasste drei Spiele und stand am 16. Oktober wieder im Bundesliga-Kader. Nur wenige Tage später kam vom BVB die nächste Hiobsbotschaft.

Als weiteres Beispiel nannte der Spezialist Mario Götze, den WM-Siegtorhelden von 2014. „Zu viel verheizt, viel zu viel, viel zu schnell. Und bumm - heute spricht fast keiner mehr drüber“, sagte Vetere über den 29 Jahre alten Eindhoven-Profi. „Man fängt dann plötzlich an, sich selber zu hinterfragen. Zweifel kommen auf, Ängste, Druck“, schilderte Vetere. „Man ist nicht mehr präsent, man ist nicht frisch, man ist nicht effizient. In diesem Hamsterrad sind viele schon drin gewesen.“

Vor Rückkehr Knie-TÜV

Kniechirurg Werner Krutsch hat als Vereinsarzt des 1. FC Nürnberg einen anderen Blickwinkel, der Professor führt zudem eine eigene Praxis in Nürnberg. „Dass die Zahl der Verletzungen tendenziell steigt, kann man so nicht sagen. Es gibt in der Fußball-Bundesliga ja bisher auch kein offizielles Verletzungsregister. Aber was wir sagen können, gerade aktuell nach dem Lockdown, dass viele Profis bei der Rückkehr Probleme kriegen, die letzten 18 Monate waren einfach nicht normal für sie“, sagte Krutsch, ein ausgewiesener Spezialist für Kreuzband-Verletzungen, der dpa.

Bei der Betreuung von Mannschaften mit rund 25 Sportlern könne man „eher keine gesicherten Aussagen über Verletzungstrends machen“, räumte Krutsch ein, sagte aber: „Wenn man noch eine klassische Sportpraxis führt und 60 Patienten am Tag über zehn Stunden sieht - dann kann man schon eher harte Aussagen machen: Da gibt es klare Tendenzen, dass die Zahl der Sportverletzungen aktuell steigt“, sagte der 41-Jährige.

Bei Kreuzbandverletzungen gebe es über Jahre den gleichen Trend. „Jede Mannschaft hat da jedes zweite Jahr eine Kreuzbandverletzung. Und es stimmt: Die Ausfallzeiten werden immer kürzer“, sagte Krutsch. Aber: „Der Klassiker ist sieben bis neun Monate. Das ist die typische Ausfallzeit.“ Am Ende empfehle er „jedem, auch jedem Amateurfußballer, da eine Art Knie-TÜV zu machen“, also eine Knie-Testung vor der Rückkehr ins Team-Training.

„Nur etwa jeder sechste Fußballer übersteht die Saison ohne Verletzung“, heißt es im „Sportreport 2020“ der Verwaltungs- Berufsgenossenschaft VBG zu den Verletzungen in der 1. und 2. Bundesliga (Saison 2018/19). Die durchschnittliche Ausfallzeit pro eingesetztem Profi erhöhte sich laut VBG-Analyse auf 31 Tage - rund 3 Tage mehr als noch in der Saison 2016/17. dpa

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