1. tz
  2. Sport
  3. Fußball

Calmund nennt im tz-Interview seinen Bundestrainer-Favoriten

Kommentare

Reiner Calmund war bei uns zum Interview zu Gast. Der ehemalige Sportfunktionär sprach über Leverkusen und die Bayern, aber auch über die DFB-Elf.

München – Es grummelt in Reiner Calmund – und zwar schon die ganze Woche. Auch wenn er sich die Freude auf das Topspiel des FC Bayern an diesem Freitag (20.30 Uhr) gegen Bayer Leverkusen ist nicht nehmen lassen will, kann der 74-Jährige die unglückliche Ansetzung der DFL nicht nachvollziehen. Calmund sieht seine Leverkusener gleich doppelt im Nachteil. Warum, verrät der langjährige Manager im Interview – in dem er auch auf die Trainer, die Stürmer und natürlich die DFB-Krise blickt.

Rainer Calmund
Geboren:23. November 1948 (74 Jahre alt), Brühl
Stationen:Bayer Leverkusen, Fortuna Düsseldorf, Dynamo Dresden

Calmund freut sich nach der Länderspielpause auf die Liga

Herr Calmund, kaum sind die Länderspiele rum, naht das Topspiel. Geht das zu schnell?

Im Gegenteil! Ich freue mich extrem auf dieses Spiel, es ist ein echtes Topspiel. Aber für die Bedingungen sind für beide Mannschaften nicht optimal. Für die Leverkusener sogar noch etwas schwieriger, weil beim FC Bayern fünf Schlüsselspieler deutlich mehr Pause hatten. Der FC Bayern hatte Glück: Minjae Kim musste nicht nach Südkorea reisen, Alphonso Davies hatte frei, Leon Goretzka war nicht eingeladen, Jamal Musiala hat sich fit trainieren können und Joshua Kimmich hat eine Pause bekommen. Das ist kein Vorwurf an den FC Bayern, aber es ist eben so, dass Leverkusen da benachteiligt ist. Sie fliegen ja sogar erst am Spieltag hin, weil die Südamerikaner teils erst am Donnerstag zurückkommen.

Sie hätten sich also auch eine andere Ansetzung gewünscht?

Genauso ist es, das ist absolut nicht optimal. Natürliche haben die TV-Sender auch rechtlich die Möglichkeiten, diese Spieltermine so festzulegen. Obwohl wir in der letzten Saison weltweit den absoluten Zuschauer-Rekord hatten, decken diese Ticket-Einnahmen rund 15 Prozent des gesamten Etats ab. Dagegen sichern die TV-Sender mit den TV-Rechten und den damit verbundenen Werbeeinnahmen 65 Prozent des Etats ab. Diese Gelder kommen nicht nur den Spitzenclubs zugute, sondern auch alle anderen Vereine der Liga profitieren davon. Deshalb gilt: Wir brauchen das TV-Geld! Es ist keine Einbahnstraße. Es war allerdings nicht erforderlich, diesen Knaller deshalb am Freitag spielen zu lassen.

Ist diese Partie das wahre Spitzenspiel der Saison – also Leverkusen ernster zu nehmen als der BVB?

Leverkusen macht es ausgezeichnet. Da geht es um Xabi Alonso, um die Einkaufspolitik, um die Führungsriege. Alles fügt sich bestens zusammen. Wissen Sie, was mein großer sportlicher Wunsch zu Lebzeiten ist?

Nicht mehr „Vizekusen“ zu sein?

Genau. Ich würde so gerne eine Meisterschaft erleben. Diese Schale streicheln und sagen: „Schau mal, jetzt bist Du doch bei uns angekommen.“

Reiner Calmund gibt im Interview Antworten zu Fragen über DFB, Bayer Leverkusen und den FC Bayern.
Reiner Calmund gibt im Interview Antworten zu Fragen über DFB, Bayer Leverkusen und den FC Bayern. © IMAGO / Panama Pictures

Leverkusen als Meisterschaftskandidat? Es wird schwer gegen die Bayern

Der Start in die Liga ist eindrucksvoll gelungen. Ist die Zeit heuer reif?

Ich will mir nicht selbst Salz in den Kaffee streuen, aber wenn ich es ganz realistisch betrachte, dann wird es trotz des guten Starts und der hervorragenden Einkaufspolitik schwer gegen die Bayern. Wenn Bayer 04 allerdings unter den schwierigen
Umständen am Freitag ein Unentschieden holen würde, wäre das nicht nur gut fürs Tabellenbild, sondern vor allem für das Selbstvertrauen. Es geht in dieser Partie um deutlich mehr als um Punkte.

Der Tabellenführer ist für Sie nicht der Favorit?

Nein. Sie haben es sich verdient, oben mitzuspielen. Weil die erste Reihe hervorragende Arbeit leistet – ich nenne da Fernando Carro und Simon Rolfes –, aber auch die zweite Reihe arbeitet super. Ich blicke mit Stolz auf den Verein. Aber Bayern hat nach wie vor bessere Möglichkeiten. Thomas Tuchel braucht sich mit seinem Kader vor niemandem verstecken.

Das sieht er anders.

Ach, wissen Sie: Es gibt Schlimmeres, als auf Kante genäht zu sein.

Halten Sie die Diskussion um den dünnen Kader für übertrieben?

Man kann das diskutieren, weil die Bayern auf mehreren Hochzeiten tanzen. Aber die Winterpause naht – und da kann man immer noch korrigieren, wenn es erforderlich wird. Für die Hinrunde müsste es reichen.

Calmund über Bayer-Scouting heute und damals

Sie waren als Manager für ein Scouting-Händchen bekannt – erinnert Sie das heutige Leverkusen an damalige Zeiten?

Das war ja nicht nur ich. Leverkusen hat das perfektioniert zu meiner Zeit – deshalb haben wir zum Beispiel die guten Brasilianer zuerst gehabt. Mittlerweile allerdings sind da alle Bundesliga-Vereine auf einem guten Scouting-Level. Trotzdem läuft es bei Leverkusen gerade sehr gut, für die abgelaufene Transferperiode haben sie zurecht Applaus geerntet.

Victor Boniface gilt als besonders wichtiger Transfer. Ist er der Harry Kane von Bayer Leverkusen?

(lacht) Eins nach dem anderen. Ich finde die Verpflichtung von Harry Kane gut, denn davon profitiert die ganze Bundesliga. Das internationale Scheinwerferlicht ist auf ihn gerichtet – und wenn er erstmal richtig akklimatisiert ist, profitiert ja auch die ganze Offensivabteilung enorm davon. Auch auf den Transfer von Boniface darf man stolz sein. Aber er ist 22 Jahre alt. Kane besitzt eine Menge mehr an Erfahrung, eine internationale Klasse, die man nicht von heute auf morgen bekommt. Diese Aura, diese Ausstrahlung muss man sich erarbeiten. Da ist Boniface auf einem guten Weg. Aber noch längst nicht in der Kategorie wie Kane unterwegs.

Calmund schwärmt von Bayer-Coach Xabi Alonso

Auch Xabi Alonso umgibt so eine Aura.

Ich war vor ein paar Wochen mit der MeinSchiff1 in seiner baskischen Heimat, in San Sebastian und Bilbao. Allein in diesen beiden Städten gibt es fantastische Restaurants, die vom Guide Michelin mit ingesamt 32 Sternen ausgezeichnet wurden. Da habe ich gesagt: Wenn Du in die Vita von Alonso schaust, dann liest sich das wie eine Top-Speisekarte aus einem der großen Sterne-Restaurant.

Also: besser geht’s nicht?

Er ist mit Spanien Weltmeister und zweimal Europameister geworden und hat auch zweimal die Champions League gewonnen. In seinen drei letzten aktiven Spielzeiten hat er dreimal die Deutsche Meisterschaft mit Bayern München gewonnen. Dazu war er ein strategischer Mittelfeldspieler mit einer wichtigen taktischen Aufgabe in der Mannschaft. Schon als Spieler konnte er – quasi als verlängerter Arm des Trainers – die Kollegen auf dem Platz führen. Es ist nur logisch, dass ihm das als Trainer nun auch gut gelingt. Er ist eine Mischung aus Vorbild und Autoritätsperson. Trotzdem ist Leverkusen keine One-Man-Show. Man sieht aktuell, was rauskommen kann, wenn eine Spitze gemeinsam funktioniert.

Die Vereinsführung hat Alonso bis 2026 binden können – aber wird er auch zu halten sein?

Im ersten Schritt bin ich erstmal froh, dass er verlängert und somit ein klares Signal gegeben hat. Ich weiß aber, dass alles passieren kann. So eine Sache hat dann immer zwei Seiten: Wenn jeder deinen Trainer haben will, nervt es zwar. Es heißt aber auch, dass man Erfolg hatte.

Selbst wenn es in dieser Saison nicht klappt: Holt er mit Leverkusen den Titel, von dem Sie träumen?

So nah wie aktuell waren wir lange nicht dran. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

Calmund über DFB-Elf – Spieler in der Pflicht

Apropos: Was haben wir vom DFB-Team am Dienstag gesehen? Einen Befreiungsschlag – oder einen Ausrutscher nach oben?

Das war ein wichtiger Befreiungsschlag. Man kann den Spielern zwar auch einen Vorwurf machen, indem man sagt: Jetzt marschiert ihr plötzlich, jetzt seid ihr aggressiv, jetzt seid ihr taktisch diszipliniert. Ich bin nicht derjenige, der nur jubelt. Man muss ihnen dafür jetzt keine Goldmedaille vorbeibringen. Aber die Feststellung, dass der Kader das leisten kann, tut dem deutschen Fußball gut – und wird auch den Spielern automatisch Selbstvertrauen geben.

Jetzt sind die Herren neben dem Platz gefordert.

… mit der Frage, wie es jetzt weiter geht. Ich muss da immer schmunzeln, denn ich war ja schon vor 23 Jahren dabei, als Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß, Gerhard Mayer-Vorfelder und ich den Rudi völlig überraschend überzeugt haben, Bundestrainer zu werden.

Diesmal bleibt es bei diesem einen Spiel. Sehen Sie einen idealen Nachfolger?

Die Frage ist: Nimmt ma1n einen jüngeren – oder versucht man, in den neun Monaten bis zur EM noch einen alten Kopf hinzusetzen? Der große Wunsch von einigen Experten und unseren Fans, Jürgen Klopp zu inthronisieren, ist nicht möglich. Den älteren Experten Felix Magath, Louis van Gaal - oder Jupp Heynckes würde ich das in Zusammenarbeit mit Rudi Völler zutrauen, wenn ihre Gesundheit mitspielt. Da Lothar Matthäus und Matthias Sammer klar ein Engagement abgesagt haben, ist für mich Julian Nagelsmann ein absoluter Top-Kandidat, auch wenn er erst 36 Jahre alt ist. Den Weg einen jungen Trainer zu nehmen, sehe ich auch durch die aktuelle Zusammenarbeit mit Rudi Völler als Sportdirektor sehr positiv. Und wenn wir ganz weit zurückgehen in die Vergangenheit, dann sehen wir, dass der große Sepp Herberger auch erst 39 Jahre alt war, als er Reichstrainer wurde.

Auch interessant

Kommentare