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Experte: "Es gibt keine schwulen Bundesliga-Profis"

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taz-Redakteur Jan Feddersen. © fkn

München - Es war das große Thema des vergangenen Spieltags: Integration. Die Liga zeiget ihre Toleranz - auch Homosexuellen gegenüber. Ein Experte glaubt nicht daran, dass schwule Fußballer es bis in die Profiliga schaffen.

Vor der Aktion der DFL am vergangenen Spieltag war ein Interview eines anonymen Bundesligaspielers erschienen, der sagte, ein Outing wäre ihm zu gefährlich. Nun haben sich die Wogen geglättet - und was bleibt? Die tz hat mit Jan Feddersen, Redakteur der taz und Vorstand der Organisation Queer Nations, gesprochen.

Herr Feddersen, war das Interview überhaupt echt?

Jan Feddersen: Ich zweifle stark daran. So ein Interview könnte ich zu Hause am Schreibtisch, ohne jegliche Recherche, kalt runterschreiben. Es stecken so viele Klischees darin, man könnte es leicht erfinden. Als Chefredakteur hätte ich es abgelehnt, ich hätte Namen und Fakten haben wollen. Diese ewige Suche nach dem einen schwulen Spieler, der sich endlich outet, hat sehr viel mit Medienhype zu tun. Ich glaube, dass es diesen Spieler faktisch gar nicht gibt.

Sie denken, es gibt im Profifußball keine Homosexuellen?

Feddersen: Nicht in der ersten oder zweiten Liga. Die Aussortierung der potenziell schwulen Spieler findet schon lange vor dem Profibereich statt. Jährlich wollen es Hunderttausende schaffen, aber nur wenigen gelingt es. Dafür muss man mehr mitbringen als nur fußballerisch-technisches Vermögen, man benötigt noch mehr Fähigkeiten.

Wie meinen Sie das?

Feddersen: Es fängt bei den Kleinen in der Pampers-Liga an. Die Eltern hegen früh sehr starke heterosexuelle Erwartungen an den Filius. Das nächste Problem ist die Pubertät. Dann geht es nämlich nicht mehr nur um Flanken und Schießen, sondern 95 Prozent der Kabinengespräche drehen sich um Weiber und um das, was Jugendliche in diesem Alter eben interessiert. Bei diesem ganzen Gerede fallen fast immer die potenziell schwulen Spieler raus, weil sie merken, dass sie das nicht betrifft und dass sie sich dort nicht einklinken können. Besonders heikel wird es beim Übergang vom A-Jugend- in den Profibereich. Bei Profis geht es oft auch darum, wie die Spielerfrau aussieht.

Die schönsten Spielerfrauen der Welt

Lösen sich diese Personen komplett vom Fußball?

Feddersen: Nicht zwangsweise. Oft flüchten sie in Asylbereiche, zum Beispiel ins Schiedsrichterwesen. Viele der Unparteiischen haben doch früher selbst gespielt. Oder ich kenne auch viele Homosexuelle, die hohe Positionen in der medialen Fußballberichterstattung einnehmen.

Sie glauben also nicht an ein baldiges Coming-Out?

Feddersen: Nein, mich nervt das eher. Alle halbe Jahr kommt wieder ein Interview, wie das im Fluter. Dann sagen alle wohlwollend: „Oh ja, er soll nur kommen. Und wir sind auch bestimmt alle ganz lieb.“ Aber es passiert nie etwas. Ich habe die Problematik schon vor 20 Jahren in der taz thematisiert. Bereits damals hatten mir Bundesligaspieler versichert, dass ein schwuler Kollege überhaupt kein Problem wäre. Die Sprachformeln gibt es also seit fast zwei Jahrzehnten, aber geändert hat sich nichts.

Wie haben Ihnen die Reaktionen gefallen?

Feddersen: Ich glaube, Uli Hoeneß hat gesagt, man müsse bei Amateuren und Fans anfangen. Ich sage, man bräuchte im Grunde schon bei den Kleinen ein Klima der Gewogenheit, das ist Elternarbeit. Allerdings ist nichts so horribel wie die Figur der Eltern. Die meisten haben sehr heterosexuelle Erwartungen an ihren Jungen, der sich beim Fußball profilieren soll.

Was kann man tun?

Feddersen: Es wäre viel gewonnen, wenn man dieses Thema nicht immer auf so einer feinfühligen Ebene dramatisiert. Natürlich wäre es toll, wenn sich jemand outet. Aber wie gesagt, ich glaube den ganzen Mutmaßungen nicht, wenn an die Suppe nicht endlich mal ein bisschen Fleisch kommt.

Interview: Mathias Müller

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